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Antje Schrupp interviewt für das „Evangelische Frankfurt“ Liva Gollmer, die Vertreterin der Bahai-Religion im Rat der Religionen

Religionen im Gespräch

»Der Kern aller Religionen ist gleich«

Was sind die Bahai?

Die Bahai-Religion versteht sich als jüngste Weltreligion. Wir sind geografisch weit verbreitet, obwohl wir zahlenmäßig relativ klein sind, vielleicht sechs Millionen. In Deutschland gibt es ungefähr 5000, in Frankfurt etwa 150 Bahai. Entstanden ist die Religion im Iran des 19. Jahrhundert. Baha’u’llah, der Stifter, wurde in Teheran geboren und hat sich als der erklärt, der in allen Religionen erwartet wird und vorhergesagt ist.

So eine Art Messias?

Wir haben die Vorstellung, dass alle Religionen von dem einen Gott stammen. Jeder Religionsstifter hat auf den nächsten hingewiesen. Der Koran ist genauso wie die Bibel und die Bhagavad Gita und die Schriften Buddhas ein heiliger Text. Baha’u’llah hat aber 1862 ganz bewusst die Trennung vom Islam vollzogen. Seine Schriften haben für uns heute Gültigkeit, nach ihnen richte ich mein Leben.

Ist der Mann auf den Bildern hier Baha’u’llah?

Nein, das ist Abdu’l-Bahá, sein Sohn. Bilder von Baha’u’llah verwenden wir nicht, weil wir Menschen dazu neigen, das Bild und den Menschen zu verehren, anstatt die göttliche Lehre, die er gebracht hat. Abdu’l-Bahá gilt uns als Vorbild, weil er wie kein anderer die Lehren seines Vaters kannte und von ihm auch die Autorität bekommen hat, seine Schriften auszulegen. Ebenso wie dann auch sein Enkel Shoghi Effendi. Danach gibt es keine verbindliche Auslegung mehr, seither sind wir auf uns selbst gestellt.

Wodurch zeichnet sich diese Lehre aus?

Wir glauben, dass es einen Gott gibt, der aber transzendent ist und für uns nicht wirklich erkennbar. Aber wir Menschen können uns ihm annähern, und das ist sozusagen auch der Zweck unseres Daseins. Die Vision oder auch das Versprechen, das Baha’u’llah uns gegeben hat, ist die Einheit der Menschheit, dass die Völker und Religionen sich aussöhnen werden. In diesem Licht kann man auch die aktuelle Weltlage anders wahrnehmen. Ich merke zum Beispiel oft im Gespräch mit Freunden, dass ich viel hoffnungsvoller bin im Hinblick auf Prozesse der Globalisierung. Weil ich neben all dem, was Leid verursacht, auch diese Perspektive habe, dass das ein Durchgangsstadium ist.

Wie hat sich die Religion damals von Persien aus verbreitet?

Baha’u’llah ist wegen seiner Lehre aus dem Iran verbannt worden, zuletzt lebte er in der Nähe von Haifa. Von Anfang an war es den Bahai ein Anliegen die Lehren in allen Teilen der Welt bekannt zu machen. Zuerst hat sich die Lehre in Iran und in Indien ausgebreitet, und um die Jahrhundertwende kam sie auch nach USA und Europa. Vor fünf Jahren, also 2005, hat die deutsche Bahai-Gemeinde ihr 100-jähriges Bestehen gefeiert.

Aus welchen Nationalitäten setzt sich die Frankfurter Gemeinde zusammen?

Ursprünglich ist es eine deutsche Gemeinde. Die zweitgrößte Gruppe sind die Iraner, vor allem, weil viele Bahai nach der iranischen Revolution 1979 fliehen mussten. Wir haben aber auch türkische Familien, Menschen vom Balkan und aus der ehemaligen Sowjetunion, aus den USA und in anderen Ländern.

Wird man Bahai qua Geburt?

Ich stamme tatsächlich aus einer Bahai-Familie. In diesem Jahr feiern wir, dass der erste aus unserer Familie vor hundert Jahren Bahai wurde. Aber es ist nicht so, dass man qua Geburt Bahai wird. Man muss sich selbst dazu entscheiden. Mit 15 habe ich mich als Bahai erklärt, das ist bei uns das Alter der Religionsreife.

Gibt es dafür einen Ritus?

Nein, das ist ganz schlicht. Man erklärt einfach, dass man Baha’u’llah als Verkünder des Wortes Gottes für das heutige Zeitalter anerkennt, und dass man zur Bahai-Gemeinde gehören will. Das war’s. Das ist sowieso ein Kennzeichen unserer Religion, dass wir nicht sehr viele festgeschriebene Riten haben.

Was machen Sie dann hier in diesen Räumen? Haben Sie so etwas Ähnliches wie Gottesdienste?

Heute Abend feiern wir zum Beispiel das 19-Tage-Fest. Das heißt so, weil es alle 19 Tage gefeiert wird. Meistens sind wir so sechzig, siebzig Leute. Da wird gemeinsam gebetet, aus den Schriften gelesen, manchmal auch rezitiert oder gesungen. Es werden Ankündigungen gemacht, man kann Anliegen äußern. Das 19-Tage-Fest hat eine sehr basisdemokratische Funktion. Anschließend gibt es dann, je nachdem, wer Gastgeber ist, Kaffee und Kuchen oder sogar ein richtiges Essen.

Es sind also Gemeindemitglieder, die das jeweils vorbereiten?

Ja, ein Paar oder eine Familie übernimmt die Aufgabe des Gastgebers, und sie bereiten dann auch die Andacht vor. Wir haben nämlich keine Priester oder sonstige religiöse Amtsträger. Wir haben einen gewählten Rat aus neun Personen, an die kann man sich auch bei einer Eheschließung oder bei einem Trauerfall wenden. Das heißt aber nicht, dass sie dann auch die Trauung oder die Beerdigung machen, das kann jeder aus der Gemeinde übernehmen.

Wie finanzieren Sie sich?

Über Spenden. Wir haben keine festen Monatsbeiträge, das ist ganz freiwillig. Man weiß auch nicht, wer wieviel spendet. Das ist bei uns weltweit so.

Haben Sie Hauptamtliche?

Hier in Frankfurt nicht, aber in unserem Deutschlandzentrum in Langenhain im Taunus. Als nach dem Krieg das Verbot der Bahai, das die Nationalsozialisten verhängt hatten, wieder aufgehoben wurde, war die bundesweite Geschäftsstelle zunächst hier in Frankfurt gewesen, bis dann um 1960 das Haus der Andacht in Langenhain gebaut wurde.

Gibt es bestimmte Feste im Jahreslauf?

Ja, wir haben eine Fastenzeit, die ist jedes Jahr 19 Tage lang im März. In dieser Zeit verzichten wir auf Speise und Trank, während die Sonne am Himmel steht. Es ist eine Zeit der geistigen Erneuerung, in der man sich besonders dem Studium der Schriften widmet, betet und meditiert, um aus dieser Stimmung ins neue Jahr zu gehen. Außerdem feiern wir einige jährliche Feste, zum Beispiel die Geburtstage unserer Stifter.

Wie sehen Sie den Rat der Religionen?

Ich studiere Ethnologie und vergleichende Religionswissenschaft, und da ist die Arbeit im Rat der Religionen für mich natürlich sehr interessant. Aus unserer Sicht gibt es zwar einen Kern, der in allen Religionen gleich ist, aber ich kann ja deshalb nicht hingehen und die Bahai-Lehren einfach auf andere Religionen übertragen und etwa behaupten, dass sie in Wahrheit dasselbe glauben wie ich. Neben dem Kern, der gleich und unveränderlich ist, gibt es auch Aspekte von Religion, die sich unterscheiden und die sich auch wandeln. Wenn die anderen sagen, sie beten nicht zum selben Gott wie wir, dann muss ich das so stehen lassen. Auch wenn sie es aus meiner Perspektive tun.

Kann man aber nicht im Namen der Religion auch Falsches behaupten?

Jedes System, und wenn es noch so gut ist, kann man missbrauchen. Und zu sagen, man tut etwas im Namen Gottes, ist natürlich die beste Grundlage für Missbrauch. Deshalb haben wir Bahai auch keine Mittlerfigur. Es gibt niemanden, der mir verbindlich sagen kann, wie ich die Schriften zu verstehen habe. Sondern das ist meine Verantwortung als mündiger Mensch. Kein Papst oder Mullah kann das an meiner Stelle entscheiden. Natürlich gibt es einen Diskurs und einen Austausch darüber, aber es gibt dann eben unterschiedliche Meinungen, und die müssen stehen bleiben.

Das Interview wurde erstmals veröffentlicht im „Evangelischen Frankfurt“

Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin bei „Evangelisches Frankfurt”
Evangelisches Frankfurt

erstellt am 23.3.2011

Liva Gollmer
Liva Gollmer, fotografiert von Ilona Surrey

Liva Gollmer im Frankfurter Versammlungsraum der Bahai-Gemeinde am Dornbusch. Die 32-Jährige studiert Ethnologie und vergleichende Religionswissenschaft.