Maxim Billers fast 900-seitiger Roman „Biografie“ spaltet die Kritiker. Beim Frankfurter Festival „LiteraTurm“ stellte Biller das Buch im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit vor. Eugen El hat den Roman gelesen und war bei der Buchvorstellung in Frankfurt dabei.

Maxim Billers Roman »Biografie«

Keine Langeweile

Die ersten Bonmots werden schon vor dem eigentlichen Beginn der Lesung ausgetauscht. Maxim Biller ist nach Frankfurt gekommen, um beim Festival „LiteraTurm“ seinen kürzlich erschienenen, fast 900-seitigen Roman „Biografie“ vorzustellen. Der Politiker und Publizist Daniel Cohn-Bendit ist Billers Gesprächspartner an diesem Abend. Man hat sich in der 21. Etage eines der ersten Bankhochhäuser Frankfurts versammelt.

Die erste Passage, die Biller vorliest, handelt von Solomon Karubiner, dem Protagonisten des Romans. Karubiner ist ein mittelmäßig erfolgreicher Schriftsteller, der sich als Jude an den nichtjüdischen Deutschen abmüht, als Deutschenhasser gefürchtet ist, aber seit Jahren nicht mehr in Fernsehtalkshows eingeladen wird. In einer Berliner Edel-Sauna kann sich Karubiner, gerade wieder in einer Nervenkrise, beim Anblick eines weiblichen Gesäßes nicht halten – und geht dazu über, sich selbst zu befriedigen. Dabei wird er ertappt, die Polizei wird alarmiert. Claus Müller, genannt Claus die Canaille, ein anderer Sauna-Gast, eine Figur voller Ambivalenzen, wird Karubiner später mit Videoaufnahmen des Vorfalls erpressen. Die Passage löst im Publikum vereinzeltes, befremdetes Kopfschütteln aus, aber auch leises In-sich-hineinlachen.

Nun ist „Biografie“ randvoll mit sexuellem Inhalt. Geschlechtsverkehr wird dort in diversen Stellungen und Varianten praktiziert, er wird medial konsumiert, zudem wird masturbiert, und es wird über all dies viel nachgedacht und ausführlich gesprochen. Die fast ausschließlich jüdischen Männer und Frauen gehen mit ihrer Sexualität ziemlich unverkrampft um. „Einige Kritiker haben gesagt, das Buch sei zu jüdisch und zu sexuell“, erinnert Biller. Cohn-Bendit präzisiert: „Zu jüdisch, weil zu sexuell?“ Geschickt spielt Biller mit solchen Klischees und Tabus, und fordert den Leser heraus. Die Dialoge sind durchsetzt von jiddischen, hebräischen, russischen und tschechischen Wörtern und Begriffen, von Anspielungen auf israelische, russisch-sowjetische, jüdisch-religiöse Kontexte. Auch das stieß einigen Kritikern auf. Kennt man sich in der jüdischen Welt aus, so machen die Anspielungen Spaß. Außenstehende werden über sie stolpern – da hilft nur Google.

Gemein, aber humorvoll

Derweil versucht Daniel Cohn-Bendit, dem Publikum die Verunsicherung zu nehmen. Schlüssel zum Roman sei Billers Aussage aus seinem Memoir „Der gebrauchte Jude“ von 2009. Dort schreibt Biller, er begreife sich ausschließlich als Jude, und er möge es, andere damit zu verwirren, dass er Jude ist. Biller sieht sich in einer Mission, klingt aber resigniert: „Ich habe es in Wahrheit aufgegeben, den Deutschen zu erklären, was gute Literatur ist.“ Den jungen, oft aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden Juden begegnet er hoffnungsvoll und skeptisch zugleich. In einem Interview warf Biller den jungen Juden in Deutschland kürzlich vor, „bürgerlich, langweilig und scheinheilig“ zu sein. Auf Cohn-Bendits Frage, warum seine Bücher fast nur von jüdischen Figuren bevölkert sind, entgegnet Biller, er kenne Juden besser als Deutsche. „Ich möchte mich beim Schreiben nicht langweilen“, erzählt er außerdem. Mit seinen fordernden Fragen hält Cohn-Bendit Biller auf Trab.

Maxim Biller liest zwei weitere Passagen vor. Sie handeln von Solomon Karubiners Konflikt mit Claus Müller, der seinen deutschen Familienroman bei einem angesehenen Verlag veröffentlicht sehen möchte und andernfalls mit einer belastenden Aussage in Sachen Sauna-Vorfall droht. Biller kann sehr gemein zu seinen Figuren sein, was gleichzeitig auch seinen besonderen Humor ausmacht. Das Gespräch kommt auf die zweite Schlüsselfigur des Romans, Noah Forlani. Ob Noah einem engen Freund Billers nachempfunden sei, wie auch Karubiner einiges von Biller selbst habe, fragt Cohn-Bendit. „Ich kann nicht anders. Es sind literarische Variationen echter Begebenheiten und Figuren“, sagt Biller.

„Biografie“ ist so reich an Figuren, dass dem Romantext ein Personenverzeichnis vorangestellt ist. Jede Figur hat ihren eigenen, bisweilen anstrengenden 'Sound'. Manches Kapitel gerät zur Groteske. Billers Roman umspannt Erinnerungs- und Handlungsräume, die sonst selten Eingang in die deutschsprachige Literatur finden. Die sowjetische Erfahrung fließt ebenso ein wie Israels Geschichte und Gegenwart. Die handelnden Personen und ihre Familien sind global verzweigt und vernetzt. Sie leben, lieben und leiden über Jahrzehnte hinweg in Moskau und Prag, Tel Aviv und Los Angeles, Hamburg und Berlin. Besonders poetisch und zärtlich, ja liebevoll, sind Billers Schilderungen von Prag, der Stadt seiner Kindheit.

Daniel Cohn-Bendit versucht es dann noch mit einer unerwarteten Frage. „Sind wir beim Borschtsch-Essen Juden oder Russen?“ Maxim Biller bekennt, dass seine Mutter eher russisch als jüdisch koche, in dieser Hinsicht sei er assimiliert. Schon endet dieser unterhaltsame Abend.

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erstellt am 10.6.2016

Maxim Biller im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit, 7. Juni 2016, Frankfurt. Foto: Alexander Paul Englert

Maxim Biller
Biografie
Roman
Gebunden, 896 Seiten
ISBN: 978-3-462-04898-8
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2016

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Maxim Biller im Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit, 7. Juni 2016, Frankfurt. Foto: Alexander Paul Englert