In seiner Nacherzählung des „Kaufmann von Venedig“ erweckt der britische Romancier Howard Jacobson Shakespeares Shylock zu neuem fiktionalen Leben. Jacobsons Roman ist eine Reflexion über jüdische Selbstzweifel und jüdische Werte, aber auch eine frische Deutung des Shakespeareschen Stücks, meint Stefana Sabin.

Buchkritik

Eine heikle Abmachung

Unter Shakespeares Figuren ist diejenige des Geldverleihers Shylock, der in dem Stück „Der Kaufmann von Venedig“ als Sicherheit für ein Darlehen an einen venezianischen Kaufmann ein Pfund Fleisch verlangt, besonders unheimlich – nicht etwa, weil sie rachsüchtig ist, sondern eher weil die Rachsucht und die damit zusammenhängende Verzweiflung sie so menschlich macht. Denn Shylock ist keineswegs nur böse, er ist nicht nur Täter. Er ist auch der Aussenseiter, den man wie selbstverständlich ausgrenzt und diskriminiert – das Opfer eines anhaltenden Antisemitismus. Am Ende des Shakespeareschen Stücks, das auf 1598 datiert wird, verliert Shylock seine Tochter und sein Vermögen und muss auch noch zum Christentum übertreten.

Über das Trauma, das er in Shakespeares Stück erfahren hat, denkt Shylock nach im neuen Roman von Howard Jacobson, der ihn wieder auferstehen lässt. Jacobsons Roman ist Teil eines internationalen Shakespeare-Projekts, das die Hogarth Press anlässlich des 400. Todestages von William Shakespeare lanciert hat und bei dem es um eine besondere Art der literarischen Aktualisierung geht: renommierte zeitgenössische Schriftsteller wie Margaret Atwood, Ann Tyler, Jo Nesbø und Gillian Flynn erzählen jeweils ihr Lieblingsstück nach und neu.

Dass sich Jacobson den „Kaufmann von Venedig“ ausgesucht hat, ist wenig überraschend. 1942 in Manchester geboren und in Oxford ausgebildet, veröffentlicht Jacobson seit 1983 Romane, in denen es selbstironisch, gesellschaftssatirisch und zugleich ernst um die jüdische Erfahrung in England geht. Den Vergleich mit dem jüdisch-amerikanischen Schriftsteller Philip Roth kontert Jacobson gerne mit der Selbstbeschreibung als jüdisches Pendant zu Jane Austen.

Wie zu ihrer Zeit Austen hält Jacobson der britischen Gesellschaft den Spiegel vor – so auch in seiner Shakespeare-Nacherzählung. Er verlegt die Handlung nach Cheshire, in das sogenannte „goldene Dreieck“ von Manchester, und beschreibt eine Glamour-Society, die sich liberal gibt und dabei ihre Vorteile schützt und ihre Vorurteile pflegt. Denn Jacobson geht es um den englischen Antisemitismus und um eine angemessene jüdische Reaktion darauf.

Ein moderner Moralist

Die Realsatire versieht Jacobson mit einer magischen Note, indem er die Figur des Shylock doppelt besetzt: mit dem Philanthropen und Kunstsammler Strulovitch, einem assimilierten Juden, der dennoch Außenseiter bleibt und daran verzweifelt, und mit Shylock, der zum Ewigen Juden mutiert. Dieser Shylock ist ein moderner Moralist, der aus seinen eigenen Erfahrung eine Mahnung für die Juden überall destillieren will. Shylock ist kein einfaches alter ego von Strulovitch, er ist sein Über-Ich.

Die Grundkonstellation des Stücks behält Jacobson bei: D’Anton (alias Antonio), ein feinsinniger Kunstsammler und bekennender Salonantisemit, will seinem jugendlichen Freund Barney (alias Bassanio) helfen, ein besonderes Geschenk für seine Geliebte, die reiche Plurabelle (alias Porzia), zu beschaffen. Aber das Geschenk ist eine Radierung, die Strulovitch (der eigentliche Roman-Shylock) ersteigert hat, so dass D’Anton gerade denjenigen, den er hasst, um eine freundliche Geste – den Weiterverkauf – bitten muss. Strulovitch seinerseits hasst D’Anton, weil dieser seinen gesellschaftlichen Aufstieg als Museumsgründer verhindert hat und weil er die Affäre fördert, die seine widerspenstige Tochter mit dem Fußballstar Gratan (alias Graziano) führt.

So kommen die beiden Kontrahenten widerwillig zusammen: Strulovitch, der das arrogante und feindselige Verhalten des adligen D’Antons nicht vergeben will, und D’Anton, der jede gesellschaftliche Anerkennung des reichen Juden zu verhindern weiss. Und wie in Venedig treffen die beiden auch in Manchester eine heikle Abmachung, bei der es um ein Stück christlichen Fleisches geht.

Es ist Shylock, der in einem coup de scène für Mäßigung plädiert – seine Rede ist eine Paraphrase auf Porzias Rede über Gnade vor dem Gericht in Venedig. „Die Art der Gnade weiss von keinem Zwang,“ redet Porzia auf Shylock ein: „Sie segnet den, der gibt, und den, der nimmt.“ Im Roman wendet sich Shylock an Strulovitch: „Sei ein Beispiel, gewähre die Gnade nicht in Erwartung, sie selbst auch gewährt zu bekommen, sie ist kein Handelsgut, sondern gewähre sie als das, was sie ist. Zeige Mitleid um des Mitleids willen und nicht zum Nutzen deiner Seele.“ Zwar lässt sich Strulovitch – wie seinerzeit Shylock – nicht umstimmen. Aber Manchester ist nicht Venedig. Strulovitch erleidet zwar eine Demütigung, aber behält sein Vermögen und seine Tochter und seinen Glauben. Er bleibt, was er ist: ein assimilierter Jude, der an seiner Assimilation zweifelt und verzweifelt.

Hinter der Gesellschaftssatire ist Jacobsons Roman eine Reflexion über jüdische Selbstzweifel und über jüdische Werte. Das ist streckenweise amüsant und oft bedrückend – und eine tatsächlich frische Deutung des Shakespeareschen Stücks.

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erstellt am 09.6.2016

Howard Jacobson
Howard Jacobson

Howard Jacobson
Shylock
Roman
Gebunden, 288 Seiten
ISBN-13: 9783813506747
Knaus Verlag, München 2016

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