Nachdem die Medici mit Hilfe der Spanier nach Florenz zurückgekehrt waren, verlor Niccolò Machiavelli alle seine Ämter, wurde gefoltert und auf sein Landgut verbannt. Dort schrieb er 1513 mit „verkrüppelten Händen“ IL PRINCIPE, ein Werk, das bis heute in aller Welt nachgedruckt wird. In einem Brief, bei dessen Abfassung ihm Otto A. Böhmer über die Schulter sah, schildert er seine Situation in rosigen Farben.

Der Philosoph Machiavelli

Werter Herr Gesandter

Der Philosoph Niccolò Machiavelli hatte den Tag, wie gewohnt, in großer Gelassenheit zugebracht, und nun war es, so leicht ging das, schon wieder Abend geworden, der zwar Zeit für die eigene Muße brachte, dem man zugleich aber misstrauen musste, weil er auch mit heimtückischen Verrückungen aufwarten konnte, Momenten eines längst nicht mehr erfreulichen Zweifels, der sich sogar auf die eigene Person bezog, mit der man, wie Machiavelli nur zu gut wußte, gerade in schweren Zeiten überaus pfleglich umgehen sollte. Der Philosoph hatte es an liebevoller Behandlung seiner selbst gerade in den vergangenen Wochen nicht fehlen lassen; das war er sich schuldig, da man ihn seiner öffentlichen Ämter beraubt und auf sein bescheidenes Landgut verbannt hatte, eine Ungerechtigkeit, die zwar ihm persönlich galt, welche als solche aber hohen Wiedererkennungswert besaß, da sie auch andere traf oder treffen konnte – andere, die es viel eher als er verdient hatten, gestraft zu werden. Über sie, diese offensichtliche Ungerechtigkeit, musste man nicht räsonieren, wohl aber über den schon erwähnten Zweifel, der sich immer dann einstellte, wenn er am wenigsten mit ihm rechnete. Die Gelassenheit, in welcher Machiavelli seine Tage zubrachte, war, wie er selbst nur zu gut wußte, eine künstlich geweckte Gemütsbewegung, die er mit heiterer Strenge am Leben erhielt; nur wer gelassen blieb, konnte eine zwangsverordnete Untätigkeit ertragen – und sogar versuchen, das Beste aus ihr zu machen.

Der Philosoph, der in seinem Arbeitszimmer saß, hatte eine Karaffe mit Wein und ein schlichtes, dennoch bemerkenswert breitbäuchiges Glas vor sich, das er sich jetzt wieder füllte; es war sein eigener Wein, den er trank, kein übertrieben guter Tropfen, aber immerhin süffig genug, um die Gedanken anzuregen und bei Laune zu halten. Machiavelli schrieb einen Brief, der an seinen alten Vertrauten Francesco Vettori gerichtet war, den Gesandten der Republik Florenz in Rom, von dem es, hieß, dass ihn ständiges Heimweh plage. „Werter Freund“, hatte Machiavelli geschrieben. „Erlauchter Herr Gesandter! Ihr wolltet etwas über meinen gewöhnlichen Tagesablauf wissen, als ob gleich dieser von besonderem Interesse sein könnte, sei’s drum, ich will ihn Euch wohl so schildern, dass Ihr ihn für interessant halten müsst und Ihr Euch zu guter Letzt sogar fragen solltet, ob es, Eures Heimwehs ungeachtet, nicht ohnehin längst an der Zeit sei, mit mir, einem merkwürdigen Emigranten vom Lande, zu tauschen, da es doch offensichtlich ist, dass ich das vortrefflichere, das mit wirklichen Abenteuern der edelsten Art versetzte Leben führe. Nun denn, verehrter Gevatter, leset und höret, auf dass Euch alsbald die Verwunderung überkomme. Ich stehe in der Regel mit der Sonne auf und begebe mich in ein Wäldchen, das ich seit kurzem ausholzen lasse. Dort verbringe ich zwei Stunden, indem ich die Arbeiten des vorigen Tages nachsehe und mir die Zeit mit den Holzhauern vertreibe, die sich ihre Späße nicht nehmen lassen, welche sie gern mit den Nachbarn oder untereinander treiben. Vor kurzem ließ Nachbar Frosino da Panzano, ein trübäugiger Wicht, einige Klafter von meinem Holz abholen, ohne mir etwas zu sagen, und als ich ihn stellte und es ans Bezahlen ging, wollte er mir Geld abziehen, das ich angeblich vor vier Jahren beim Kartenspiel in Guicciardinis Taverne an ihn verloren hätte. Natürlich fing ich einen Höllenkrach an, drohte ihm erst Prügel, dann Klage an, bis ein anderer Nachbar kam und uns, bis zum nächsten Mal, versöhnte. So also geht es zu in meinem Wäldchen, welches wohl froh sein kann, dass es mich hat, so wie ich auch froh zu sein habe, dass es in beträchtlichem Anteile mir gehört. Ich gehe dann weiter, Freund, zu einer Quelle, ein Buch in der Tasche, Dante, Petrarca, Ovid oder auch einer von den kleineren Dichtern. Ich lese von ihren Liebesleiden und Freuden, erinnere mich der eigenen und bin für gute Augenblicke so zufrieden wie einer, der sich über die Zeiten erheben kann, ohne dass er es recht merkt. Danach begebe ich mich zu den Menschen zurück, kehre in ein Wirtshaus ein, wo man mich besser kennt, als es Maria, meinem getreuen Weibe, gefallen dürfte; ich rede mit allen möglichen Leuten, frage nach Neuigkeiten, erfahre dieses und jenes und lerne, wie verschieden die Ansichten und Meinungen der Menschen sind, wobei man zwischen Dummköpfen und den scheinbar gebildeten Herrschaften gar keine großen Unterschiede machen darf, denn diejenigen, die viel zu wissen glauben, wissen oft nur erbärmlich wenig. Nach dem Mittagessen, das immer so üppig sein muss, wie ich es verdiene, widme ich mich den Karten. Schauplatz dafür ist wieder das Wirtshaus, wo ich neben dem Wirt für gewöhnlich einen Metzger, einen Müller und zwei Ziegelbrenner antreffe, mit denen ich derart wüst und laut Cricca spiele, dass man uns oft genug bis San Casciano brüllen und fluchen hören kann. So vergeht die Zeit, werter Herr Gesandter, und ehe ich mich versehe, ist es schon Abend. Nun wird es erst richtig schön: Ich gehe nach Hause und kehre in mein bescheidenes Arbeitszimmer ein. Schon an der Schwelle werfe ich das schmutzige, schmierige Alltagsgewand ab, ziehe mir eine königliche Hoftracht an und betrete damit passend gekleidet die Hallen der Großen, welche alle dem Altertum angehören. Von ihnen werde ich liebevoll aufgenommen, denn im Grunde gehöre ich zu ihnen. Das Gespräch mit den ganz alten Meistern erhebt mich endgültig über die Wonnen der Alltäglichkeit, und sei es nur für wenig mehr als Stunden, in denen ich lese, nachdenke, auch selber ein wenig schreibe und dem Weine zuspreche, von dem ich ja, wie Ihr wisst, genügend habe. So kann ich meinen Kummer vergessen (welchen Kummer? frage ich), fürchte die Armut nicht mehr und schon gar nicht den Tod, weil alles gut ist, Gesandter, unendlich gut. Gehabt Euch wohl und beneidet mich um mein vorzügliches Leben! – Sis felix, sei glücklich!“

Machiavelli trank sein Weinglas aus und schenkte sich nach. Was willst du, lästiger Zweifel, dachte er. An meiner Art zu leben beißt du dir die Zähne aus. Komm wieder, wenn ich wie gewohnt Verwendung für dich habe, am morgigen Tag zum Beispiel, der schon bald wieder mit seinem allerersten ärgerlichen Lichte graut.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 09.6.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Niccolò Machiavelli
Niccolò Machiavelli (Porträtgemälde von Santi di Tito)