Im Rahmen des Osnabrücker „Africa is rising“-Festivals hatte ein Stück über afrikanische Flüchtlingskinder in der DDR Uraufführung. Eine große Bühne bietet „Oshi-Deutsch“ dabei namibischen Teenagern, die an der Seite von Profischauspieler/innen agieren. Das gelingt – trotz einiger wohlfeiler Passagen – sehenswert, meint Bruno Laberthier.

Theater

Zwischen Deutschland und Namibia

Probenfoto
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Nach der Uraufführung witzeln die namibischen Akteure über den Ort, an dem sie die letzten zwei Monate mit Bühnenproben, Auswendiglernen und Choreographieren verbracht haben. Aus Osnabrück wird Osnabrooklyn. Oder OshiNabrück.

Die Friedensstadt in Niedersachsen hat, Stichwort Osnabrooklyn, vielleicht ein Imageproblem. Ein Qualitätsproblem an seinem Theater hat sie nicht. Der Theaterpreis des Bundes ging 2015 unter anderem nach Osnabrück. Und auch die Uraufführung von „Oshi-Deutsch. Die DDR-Kinder von Namibia“ zeigt junges, dynamisches und unkonventionell frisches Theater über ein deutsch-afrikanisches Zeitthema, das mit dem Verschwinden der DDR und der beinahe zeitgleichen Unabhängigkeit Namibias in Vergessenheit geraten ist.

Die Geschichte der ‚Oshis‘

Gemeint ist das Schicksal von rund 430 namibischen Flüchtlingskindern, die ab 1979 in Absprache zwischen der namibischen Befreiungsbewegung (und späteren Regierungspartei) SWAPO und der SED nach Ostdeutschland gelangt sind. Bis 1990 wurden die ‚Oshis‘, wie sie sich heute selbst(ironisch) – nämlich in doppelter Anlehnung an die Bezeichnungen ‚Oshiwambo‘ (für ‚Sprache der Owambos‘, der größten Ethnie in Namibia) und ‚Ossis‘ – nennen, im mecklenburgischen Bellin und in Staßfurt von deutschen und namibischen Erzieherinnen betreut, beschult und im sozialistischen Sinn erzogen. Dann wurden sie mit der Ende der DDR und dem erfolgreichen Ende des ‚Liberation Struggle‘ der SWAPO nach Afrika zurückverbracht.

Bei vielen der ehemaligen Flüchtlingskinder hat diese Hin- und Her-Migration, und vor allem ihr Ende, tiefe Spuren hinterlassen. Das biografische Pendeln zwischen Deutschland und Namibia wurde jedes Mal über die Köpfe der Kinder entschieden und war begleitet von Problemen wie der stillschweigenden Vorhaltung, weder in Deutschland noch in Namibia die Erwartungen zu erfüllen. „Wer war ich überhaupt?“, fragt sich Lucia Engombe, eines der namibischen Flüchtlingskinder von damals, angesichts der Erwartungshaltung ihrer Familie und der Peers nach ihrer Rückkehr nach Namibia:

War ich so wie jenes Tierchen, vor dem ich mich als kleines Kind im sambischen Busch gefürchtet und das ich nie vergessen hatte? War ich ein Fimbifimbi? Ein Chamäleon? Mal weiß, mal schwarz? Welche Farbe sollte ich denn haben? Warum hatten sie mich zu einer Weißen gemacht, wenn sie jetzt eine Schwarze wollten?

Lucia Engombes Autobiographie Kind Nr. 95, aus der diese Reflexionen stammen, ist nicht nur ein Must-have für deutsche Touristen in Namibia – in jedem Buchladen ist der Titel dort vorrätig. Das Buch dient zusammen mit der Ich-Dokumente-Sammlung von Constance Kenna aus dem Jahr 1999 und einer Reihe von just für diesen Zweck geführten Interviews mit weiteren ‚Oshis‘ zugleich als Vorlage für die beiden für die Osnabrücker Inszenierung Verantwortlichen: Sandy Rudd aus Namibia und Gernot Grünewald aus Deutschland.

Herausgekommen ist bei deren Sichtung eine knapp zweistündige Materialcollage, die auf offener Bühne das nicht eben geringe Risiko eingeht, viel Stoff auf drei Profischauspieler/innen (Anne Hoffmann, Rebecca Marie Mehne, Oliver Meskendahl) und acht namibische Laienschauspieler im sehr jungen und Teenager-Alter zu orchestrieren: auf Adam Eiseb und, beeindruckend ernst, Mbitjita Tjozongoro. Außerdem Helouis Goraseb, Beatrix Munyama und Ndimomholo Ndilula. Schließlich – besonders authentizitätssteigernd und nicht nur deswegen besonders gut gewählt – drei leibliche Kinder von „DDR-Kindern“: Gia Shivute, Sabrina Kaulinge und Shakira Ntakirutimana.

Deutsch-deutsch-namibische Aspekte

Für die wenigen diskussionswürdigen Momente bei der Entwicklung der Storyline auf der Bühne können die jungen Namibier nichts (Gleiches gilt für das Schauspielertrio). Manchmal erliegt die Inszenierung einem wohlfeilen DDR-Bashing, wenn die altbekannten ideologischen Versatzstücke aus den Verlautbarungen der ostdeutschen Offiziellen – vom Heimleiter bis zu den aktenkundig gewordenen Bulletins und Berichten – deklamiert werden: wohlfeil auch, weil die ambivalente Haltung des altbundesrepublikanischen Deutschlands unberücksichtigt bleibt. Natürlich gab es während des ‚Liberation Struggle‘ auch westdeutsche Unterstützung für die Unabhängigkeitsbewegung SWAPO, vor allem durch NGOs und Kirchen. Es gab aber auch eine massive Einfluss- und Parteiname für die andere Seite, das südafrikanische Apartheidregime durch namhafte konservative Politiker und Parteien. Auch die Entscheidung der politischen Entscheidungsträger, die Kinder aus Deutschland zurück nach Namibia zu fliegen, ist mit dem fremdenfeindlichen Klima im vor der Wiedervereinigung stehenden Ostdeutschland nur unzureichend erklärt. Das Stück trägt also nicht unbedingt dazu bei, die deutsch-deutsch-namibische Geschichte in ihren postsozialistischen und postkolonialen Hinsichten aufzuarbeiten.

Nicht ganz unproblematisch erscheint zudem die andere, eigentlich erfreulich Perspektive des nun unabhängigen Namibia, die im aristotelischen Poetik-Sinn durchgefeiert wird. Die Aufforderung an die Zuschauer, sich kurz vor Ende der Aufführung für die namibische Nationalhymne zu erheben und damit nach all dem ostdeutschnamibischen Schaudern und Erschrecken ein Ticket Katharsis zu ziehen, wirkt schon etwas befremdlich. Erstaunlich viele der Osnabrücker Premierengäste folgen dem Appell jedoch.

Unterm Strich

Das Risiko, den Rudd und Grünewald zusammen mit den Dramaturgen Marie Senf und Ndimomholo Ndilula eingegangen sind, um die Geschichte der DDR-Kinder von Namibia auf der Basis von selbsterhobenem und klug ausgewähltem Dokumentarmaterial auf die Bühne zu bringen, zahlt sich trotz dieser Meckereien aus. Die Inszenierung ist sehenswert und hätte mehr als nur eine Handvoll Aufführungen in Deutschland und, später im Sommer, zwei namibischen Städten verdient. Die drei Profis und die acht Namibier spielen sich souverän durch imaginäre Schlafsäle, Turnhallen, DDR-Diskotheken und, nach der Rückverbringung, namibische Schauplätze vom Ankunftsflughafen bis zur Kreidematrix eines afrikanischen Kinderspiels.

Dass die Kinder von damals dabei wie Spielfiguren hin- und hergewürfelt wurden, als sei ihr ‚Spiel des Lebens’ ein ‚Mensch ärgere dich nicht‘, ist alles andere als ein Gesellschaftsspiel. Diese Quintessenz auf die Bühne zu bringen und nicht nur in OshiNabrück dem Publikum nahezubringe, stellt die eigentlich Leistung von „Oshi-Deutsch“ dar.

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erstellt am 07.6.2016

Szenenfoto Theater Osnabrück: Uwe Lewandowski

Theater

Oshi-Deutsch – Die DDR-Kinder von Namibia

Inszenierung Gernot Grünewald, Sandy Rudd
Bühne Michael Köpke
Kostüme Cynthia Schimming

Mit Helouis Goraseb, Ndinomholo Ndilula, Beatrix Munyama, Anne Hoffmann, Rébecca Marie Mehne, Oliver Meskendahl, Sabrina Kaulinge, Shakira Ntakirutimana, Gia Shivute, Adam Eiseb, Mbitjita Tjozongoro

Musik Elemotho, Samuel Brudey Batola

Weitere Aufführungen: 14. Juni, 16. Juni, 17. Juni, 21. Juni 2016, jeweils 19.30 Uhr

Theater Osnabrück

Szenenfoto Theater Osnabrück: Uwe Lewandowski

Weitere Informationen

„Verdammt alles – die DDR-Kinder aus Namibia“ lautet der Titel einer Komplementär-Inszenierung zum Thema, den der Jugendclub MANIA des Theaters Osnabrück ab dem 18. Juni (Premiere) in der Gedenkstätte Augustaschacht aufführt.

Die (Ur-)Aufführung von „Oshi-Deutsch – Die DDR-Kinder von Namibia“ fand im Rahmen des Osnabrücker „Africa is rising“ -Festivals statt.