Seit dem Riesenflop von 1992 hat es an der Oper Frankfurt keine Carmen-Inszenierung mehr gegeben. Nun verantworten der Regisseur Barrie Kosky und der Dirigent Constantin Cardys eine neue Inszenierung. In der gelungenen Mischung aus Irritation und Konvention verspricht sie ein Erfolg zu werden, meint Stefana Sabin.

Oper

Auf der Treppe

Szenenfoto »Carmen«, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus

Eine bühnenbreite Treppe, die frontal zum Zuschauerraum aufgebaut ist und auf der Chor und Sänger mal rauf, mal runter gehen, mal sitzen oder sich mal hinlegen. Mit diesem einzigen Bühnenbild, das Katrin Lea Tag entworfen hat, kommt die neue Frankfurter Inszenierung der Carmen aus. Diese Treppe dient als Platz in Sevilla, auf dem sich Soldaten und Arbeiterinnen aus der Zigarettenfabrik herumtreiben; als Taverne, wo sich die Banditen versammeln; als Berglandschaft, in der die Banditen ihre Schmuggelware verstecken; schließlich als Platz vor der Stierkampfarena, wo die Menge dem siegenden Torero zujubelt und wo Don José seine abtrünnige Geliebte Carmen niedersticht. Dass die bühnentote Carmen, noch bevor ihr Mörder die Treppe ganz nach oben gestiegen ist, wieder aufsteht und sich strahlend dem Publikum stellt, gehört zu den kleinen Irritationen dieser Inszenierung, die der Regisseur Barrie Kosky verantwortet.

Eine größere Irritation ist der Affe, der oben auf der Treppe erscheint, als die ersten Töne der Habanera erklingen: Stück für Stück entledigt er sich des lästigen Kostüms und wird zu einer jungen Frau, die weniger nach einer femme fatale, als die Carmen meistens dargestellt wird, als vielmehr nach einer modernen metrosexuellen Göre in schwarzen Leggings und weißer Bluse aussieht. Und auch die Arie, die sie singt, wird das Opernpublikum irritieren, denn die Habanera, Carmens Auftrittsarie und inzwischen ein Schlager der Opernliteratur, wird hier mit Reflexen einer früheren Komposition, die Bizet zuerst an dieser Stelle vorgesehen hatte, verfremdet.

Damit will Kosky, der an der Frankfurter Oper schon Purcells Dido und Aeneas als tragische Tafelgesellschaft inszeniert hat, in seiner Carmen-Interpretation neue Akzente setzen. So überlässt er einer Erzählerfigur im roten Torero-Anzug die Eröffnungsszene: sich auf der Treppe räkelnd sinniert diese Erzählerin über das Schönheitsideal der Spanier. So bezieht sich diese Inszenierung von Anfang an auf die literarische Vorlage der Oper: Prosper Mérimées Novelle von 1845. Die auktoriale Erzählerinnenstimme aus dem Off begleitet das Bühnengeschehen, indem sie immer wieder Figuren einführt und ihre Beziehung zueinander erklärt – dafür wird auf die Dialoge verzichtet. Zwar ist dieser Bruch mit der üblichen Inszenierungstradition für das Verständnis der Handlung eher unergiebig, aber die ruhige Erzählerinnenstimme bringt retardierende Momente in den dramatischen Verlauf und steigt so die Spannung. Als retardierende Momente kann man auch die Tanzeinlagen sehen, die – dramaturgisch geschickt eingesetzt – der Oper einen Hauch von Musical verleihen.

Überhaupt nimmt Kosky die Gattungsbezeichnung opéra comique ernst und destruiert sie zugleich, indem er einerseits Elemente des Musical und der Revue einsetzt – so zum Beispiel, wenn bei seinem ersten Auftritt der Torero als Quasi-Popstar von Backuptänzern begleitet die Treppe heruntersteigt – und andererseits durch die – von ganz wenigen Farbtupfern der Tänzer abgesehen – durchgehend dunklen, meist schwarzen Kostüme eine düstere Stimmung herstellt.

Dass die Inszenierung dennoch munter, geradezu amüsant wirkt, ist nicht nur manchem Gag – wie dem Ausruf „Entracte“, mit dem Carmen von der Bühne aus die Pause ankündigt – zu verdanken, sondern vor allem der großartigen Leistung der Solisten – allen voran Paula Murrihy in ihrem Rollendebüt als Carmen – und des Chors, die alle mit einem außergewöhnlichen Bühnengeschick agieren, und dem Dirigenten Constantin Cardys, der trotz dynamischer Kontraste dem Orchester eine kammermusikalische Feinheit entlockt.

Nach der letzten Carmen-Inszenierung vor 24 Jahren, die ein unvergesslicher Flop war und nach einer Spielzeit nie wiederaufgenommen wurde, hat diese neue Carmen alle Merkmale eines Erfolgs. Denn Kosky und Cardys schaffen eine gelungene Mischung aus Irritation und Konvention, wenn sie sich dem Zigeuner- und Banditenkitsch verweigern und eine dramatische Operngeschichte von Liebe und Tod erzählen.

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erstellt am 06.6.2016

Szenenfoto »Carmen«, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus

Oper

Carmen

Opéra comique in drei Akten von Georges Bizet
Text von Henri Meilhac und Ludovic Halévy nach der gleichnamigen Novelle von Prosper Mérimée

In französischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung Constantinos Carydis
Inszenierung Barrie Kosky
Bühnenbild und Kostüme Katrin Lea Tag

Carmen, Zigeunerin Paula Murrihy
Don José, Sergeant Joseph Calleja
Micaëla, Bauernmädchen Karen Vuong

Oper Frankfurt

Szenenfoto »Carmen«, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus