Rainald Grebe, Liedermacher, Schauspieler, Kabarettist, Autor und Regisseur, hat Heinrich Hoffmanns Kinderbuch-Klassiker „Struwwelpeter“ in Frankfurt auf die Bühne gebracht. Die Premierenbesucher hatten sich amüsiert und wussten nur nicht so recht, auf welchem Niveau, berichtet Martin Lüdke.

Theater

Und die Mutter blicket stumm auf dem ganzen Tisch herum

War es großes Theater? Nee, das sicher nicht. Eher ein Gebrauchsstück, das freilich gut ankam. Grinsend zogen die Besucher von dannen, nachdem sie lange geklatscht hatten. Denn sie hatten sich, ersichtlich, amüsiert und wussten nur nicht so recht, auf welchem Niveau.
Rainald Grebe, Liedermacher, Schauspieler, Kabarettist, Autor und Regisseur, hat das Kinderbuch von Dr. Heinrich Hoffmann aus Frankfurt am Main, das 1845 erstmals als Buch erschien (und mir in der 540. Auflage, 1994, vorliegt) auf die Bühne gebracht. Mit Erfolg.
Martin Lüdke war bei der Premiere dabei und eiert jetzt ebenfalls etwas herum.

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Das Licht ging aus. Es wurde still. Und da stand er, überlebensgroß, vor uns, er, den wir, alt, jung, groß, klein, alle kennen. Der Struwwelpeter, als Scherenschnitt. Die überlangen Fingernägel, die struppigen Haare, die wie ein Buchsbaum über seinem Gesicht wuchernd gewachsen waren. Die Guckkastenbühne war noch geschlossen. Auf der großen Leinwand tauchten die Requisiten auf, Kamm und Schere, Peitsche und Gewehr. Und schon machte sich eine seltsame Stimmung breit im Publikum. Man spürte regelrecht, wie die Menschen plötzlich spürten, Mensch, das kennst du doch. Als wär’s ein Stück zum Mitsingen. „Der Friederich, der Friederich, / Das war ein arger ….“ Oder: „Doch Minz und Maunz, die Katzen / Erheben ihre …“ Oder: „Konrad! Sprach die Frau Mama, / Ich geh aus und du bleibst …“ Bei den Achtzigjährigen, das sind ja nicht wenige unter den Premierenbesuchern, gluckerten aus der Bauchhöhle die alten Erinnerungen hoch, sozusagen im Generationstakt, Kinder, Eltern, Großeltern. Aber auch die Achtzehnjährigen, eine saß direkt vor mir, nickten ganz leicht die Köpfe im Takt der allseits bekannten Strophen. Sogar die „Achtundsechziger“ wurden alsbald bedient, der „Anti-Struwwelpeter“ von F. K. Waechter schwebte über die Bühnenrückwand. „Wenn die Kinder artig sind, /(…) Wenn sie, ohne Lärm zu machen, / Still sind bei den Siebensachen, (…) / Von Mama sich führen lassen“ – das war doch das genaue Gegenbild antiautoritärer Erziehung. Und die großen Begriffe drängten sich regelrecht auf: allen voran die wuchtige Kastrationsdrohung: „Bauz, da geht die Türe auf, / Und herein in schnellen Lauf / Springt der Schneider in die Stub’ / Zu dem Daumen-Lutscher-Bub. / Weh! Jetzt geht es klipp und klapp / Mit der Scher’ die Daumen ab, / Mit der großen scharfen Scher’! / Hei!, da schreit der Konrad sehr.“

Vorn, an der Rampe, erklärte uns deshalb eine kluge Frau in Weiß, mit Sigmund Freud ebenso vertraut wie mit den frühen Leiden des späteren Kinderarztes Dr. Heinrich Hoffmann, wie das arme Kind den Tod der Mutter und die Installierung der Tante, Schwester der Mutter, als Stiefmutter in seinen Bildgeschichten verarbeitet hatte. Der Arme musste seine Mutter zur Himmelkönigin erhöhen. „Die inneren Bilder von Eltern, die Elternimagines oder Repräsentanzen, erleiden durch diese Erhöhung und Steigerung eine Verzerrung, worunter das Kind Hoffmann wie später auch der Erwachsene leidet.“ – so klärt uns das Programmheft auf. Rainald Grebe aber tut ein weiteres. Er überspitzt die überspitzten Deutungen der Psychoanalyse noch weiteres Mal und klärt uns damit über die damals intendierte Aufklärung auf. Das ist gescheit und erkenntnisträchtig zugleich. Wie er überhaupt, ebenso einfalls- wie abwechslungsreich, Hoffmanns Episoden auf die Bühne zaubert. Es ist viel Klamauk dabei, klar, bei diesem Stoff. Mehr noch Gaudi. Aber eben oft doch ein bisschen mehr. Christoph Pütthoff etwa, der in einigen Rollen über die Bühne hampelt, präsentiert in einer großartigen Weise einige der unzähligen Fassungen und Übersetzungen dieses unverwüstlichen Kinderbuchs. Hessisch, österreichisch, ostfriesisch, holländisch, englisch, japanisch usw., usw. Das Buch ist um die Welt gegangen. Warum? Klarer wird das auch durch Grebes Bühnenfassung dieser Episodenfolge nicht. Es gab vor allem in der Folge von Achtundsechzig eine Reihe von Deutungsversuchen, meist psychoanalytisch inspiriert. Es sind, eben weil so vieles auf der Hand liegt, selten befriedigende Interpretationen. Der „Struwwelpeter“ bleibt (zumindest mir) rätselhaft. Und das vor allem, weil ich das Vergnügen, das er macht, nicht leugnen kann. Denn wenn auch die Mädchen oder Buben gern zu Hause bleiben, in den Stuben, wegen der Unwetterwarnung, macht sich einer auf die Socken – der „fliegende Robert“. Er dachte: „nein! Das muß draußen herrlich sein!“
Und stiefelte, wie wir wissen, mit seinem Regenschirm los, bis der Wind den Schirm erfasste.
„Schirm und Robert fliegen dort / Durch die Wolken immerfort. / Und der Hut fliegt weit voran, / Stößt zuletzt am Himmel an. / Wo der Wind sie hingetragen, / Ja! Das weiß kein Mensch zu sagen.“

So endet das Buch. So endet das Stück. Robert, in Nebel gehüllt, wird mitsamt seinem Schirm und einem großen Bilderrahmen, genau den Rahmen nachgebildet, in denen Dr. Heinrich Hoffmann „Die Geschichte vom fliegenden Robert“ erzählt, emporgehoben und in den Bühnenhimmel gehievt, bis plötzlich der Rahmen krachend herunterfällt und das Stück zu Ende ist. Weg ist er, doch hat er, wenn man Hans Magnus Enzensberger und seinem gleichnamigen Gedicht „Der fliegende Robert“ glauben darf, wenigstens „eine Legende“ hinterlassen, „mit der ihr Neidhammel, wenn es draußen stürmt, euern Kinder in den Ohren liegt, damit sie euch nicht davonfliegen.“

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erstellt am 05.6.2016

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Theater

Struwwelpeter

Nach Dr. Heinrich Hoffmann

Regie Rainald Grebe

Bühne Jürgen Lier

Kostüme Kristina Böcher

Besetzung Rainald Grebe, Gaby Pochert, Christoph Pütthoff, Nino Sandow, Paula Skorupa, Jens-Karsten Stoll, Till Weinheimer

Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld