Die 1981 uraufgeführte „Matthäus-Passion“ ist der große, längst in die Ballettgeschichte eingegangene Wurf des Hamburger Ballett-Chefs John Neumeier. Die kürzlich erschienene DVD oder Blu-ray konserviert eine Aufzeichnung von 2005 aus Baden-Baden. John Neumeier ist hier Tanztheater im engsten Verständnis gelungen, meint Thomas Rothschild.

DVD

John Neumeiers großer Wurf

Da wurde endlich die Konsequenz gezogen aus dem Unterschied der Raumkonzeption auf der Bühne und im Film und aus den Möglichkeiten der DVD. Bühneninszenierungen und insbesondere Tanztheaterchoreographien gehen von einem Zuschauer aus, der seinen Platz und seine Perspektive während der gesamten Vorstellung nicht verändert. Er überblickt das komplette Geschehen und kann nach eigenem Wunsch zwar nicht die Entfernung, aber die Fokussierung wählen. Genau genommen bekommt schon der Zuschauer, der am Rand einer vorderen Reihe sitzt, einen verzerrten Eindruck. Die Regie stellt sich einen idealen Betrachter in der Mitte der siebten bis zwölften Reihe vor. Dieses Ideal erreichen naturgemäß nur ein paar Privilegierte im Publikum. Der Film hingegen wird für die Kamera inszeniert. Sie wechselt ihren Standort, ihre Brennweite, und bei der Montage werden ganz unterschiedliche Perspektiven zusammengebracht.

Wenn nun ein Bühnenereignis verfilmt oder für das Fernsehen aufgezeichnet wird, folgt man gemeinhin der Methode des Films und zerstört damit die ursprüngliche Konzeption. Das Dogma der ständigen Bewegung – nicht der Objekte auf der Bühne, sondern des betrachtenden Subjekts – läuft den Intentionen des Bühnenregisseurs oder Choreographen zuwider. Der Zuschauer wird permanent bevormundet. Er darf nicht sehen, was am Rand der Bühne geschieht, er darf nicht entscheiden, welchen von zwei Dialogpartnern oder zwei Tänzern er ins Visier nehmen möchte. Die Beine von Tänzern werden abgeschnitten, Relationen zwischen ihnen werden vernichtet, die Richtung ihrer Gänge ist oft nicht mehr auszumachen.

In der Aufzeichnung von John Neumeiers „Matthäus-Passion“ hat man der solcherart aufgenommenen und geschnittenen Version eine zweite hinzugefügt, in der das gesamte Ballett, ungeschnitten, von einer einzigen zentralen Kamera aufgenommen wurde. Das hat zwar den Nachteil, dass das Bild auf einem Fernsehschirm oder gar auf dem Computer sehr klein ausfällt. Aber wer partout mehr Interesse an den Gesichtern oder an Händen hat als am Arrangement, der kann ja zwischen den beiden Versionen hin und her schalten oder sie hintereinander ansehen. Das ist der große, viel zu wenig genutzte Vorteil der DVD.

Das ist nicht getanztes Oberammergau

Die 1981 uraufgeführte „Matthäus-Passion“ ist der große, längst in die Ballettgeschichte eingegangene Wurf des Hamburger Ballett-Chefs John Neumeier. Die DVD oder Blu-ray Disc konserviert eine Aufzeichnung des SWR und des BR von 2005 aus Baden-Baden. Was John Neumeier hier gelungen ist, erweist sich als Tanztheater im engsten Verständnis, nicht als Sekundärphänomen. Das ist nicht getanztes Oberammergau. Zwar sind die Figuren der Passion identifizierbar – John Neumeier tanzt Jesus in der vorliegenden Aufführung selbst –, aber sie bleiben abstrakt, verzichten mit wenigen kurzen Ausnahmen auf mimetischen Realismus. Erst im letzten Teil vermehren sich die Momente einer psychologisierenden Figurenzeichnung, die allerdings auch hier durch das Corps de ballet relativiert werden. Mehr als der Handlung, die als bekannt vorausgesetzt werden kann, folgt Neumeiers Choreographie der Bewegung der Musik. Dabei entwickelt sie eine Vielfalt von tänzerischen Zeichen, die die Spannung über die für ein Ballett monumentale Dauer von dreieinhalb Stunden aufrecht erhalten sollen. Der Formenvielfalt entspricht es, dass die Tänzer teils barfuß, teils in Spitzenschuhen, teils sogar in Turnschuhen auftreten.

Das aus mehr als vierzig Tänzern bestehende, insgesamt weiß gekleidete Ensemble bleibt fast die ganze Zeit auf der Bühne. Die unbeschäftigten Teile sitzen im leicht erhöhten Hintergrund und schauen den Solisten oder kleineren Gruppen im Vordergrund zu. Bestimmte Elemente – etwa die Geste, die eine Rede einleitet – wiederholen sich leicht variiert und strukturieren so den Fluss der Choreographie.

Obgleich umstritten – einerseits wegen des Tabubruchs, Bach und die Passion zu tanzen, andererseits aus Gründen der Realisierung –, ist Neumeiers „Matthäus-Passion“ mehr als drei Jahrzehnte auf dem Spielplan geblieben. Da darf man schon von einem Meilenstein sprechen.

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erstellt am 03.6.2016

Johann Sebastian Bach
Matthäus-Passion
A Ballet by John Neumeier
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