Zum dritten Mal fand, diesmal in Genf, das Schweizer Theatertreffen statt. Die Vorstellungen in fünf verschiedenen Häusern waren halbleer, Festivaleuphorie wollte nicht aufkommen. Als Höhepunkt des kleinen Theatertreffens erwies sich Ewald Palmetshofers Neufassung von Christopher Marlowes „Edward II“, berichtet Thomas Rothschild.

Schweizer Theatertreffen 2016

Das Theater sucht sein Publikum

Deutschland hat die SWR-Bestenliste. Also braucht Österreich eine ORF-Bestenliste. Deutschland hat den Theaterpreis „Faust“. Also benötigt Österreich einen „Nestroy“. Deutschland hat einen Buchpreis. Also braucht die Schweiz einen Schweizer Buchpreis, der sich nicht mit der Mehrsprachigkeit des Landes erklären lässt: Er gilt nur der deutschsprachigen Literatur. Und auch die österreichischen Verlage und Autoren kamen in seltener Einigkeit zur Erkenntnis, dass Österreich dringend einen eigenen Buchpreis braucht. Deutschland hat seit vielen Jahren ein erfolgreiches Theatertreffen. Also muss auch die Schweiz ein Theatertreffen haben, nunmehr zum dritten Mal und zum ersten Mal, nach zwei Ausgaben in Winterthur, im französischsprachigen Genf. Keine deutschsprachige Dominanz also. Dass die Genfer freilich ein überwältigendes Interesse am Schweizer Theater hätten, wäre gelogen. Die Vorstellungen in fünf verschiedenen Häusern waren, obwohl jeweils nur ein einziges Mal zu sehen, halbleer, Festivaleuphorie wollte nicht aufkommen.

Neun Inszenierungen hatte die Jury für das Schweizer Theatertreffen ausgewählt, zwei konnten „aus technischen Gründen“, will heißen: aus Mangel an geeigneten Räumen nicht anreisen und sollten, wäre es nach dem Willen der Veranstalter gegangen, eigentlich gar nicht genannt werden: Jan Bosses Zürcher „Hexenjagd“ und die Bearbeitung von Tony Kushners „Engel in Amerika“ durch Simon Stone aus Basel.

Gemeinsam haben die Hälfte der Inszenierungen die Verwendung von Video. Soll man es Einfallslosigkeit nennen, Konformismus oder den unentrinnbaren Zwang durch technische Errungenschaften? Mit der gleichen Unausweichlichkeit jedenfalls, mit der man in der S-Bahn dem stieren Blick auf das Smartphone begegnet, trifft man heute im Theater auf vorproduzierte oder synchron aufgenommene bewegte projizierte Bilder. Eine Pappendeckelkulisse würde in diesem Kontext eine Revolution auslösen.

Aus dem Schauspielhaus Zürich kam Henrik Ibsens „Volksfeind“. Die Aktualität des Stücks über die Versuche von Politik und Presse, die Veröffentlichung eines ökologischen Skandals zu verhindern, und über damit zusammenhängende Fragen der Demokratie drängt sich geradezu auf. Dietmar Dath aber hat die Vorlage in eine Gegenwart von Bloggern, YouTube und Fracking verlegt, aus dem männlichen Redakteur, wie es sich gehört, eine weibliche Bloggerin gemacht und den Text vollgestopft mit nützlichen ökonomischen und politischen Einsichten der jüngeren Vergangenheit. Nun ist Dietmar Dath einer der klügsten deutschen Denker unserer Tage. Was man freilich in seinen Essays gerne liest, wirkt als zum Monolog tendierender Dialog von der Bühne her oft strohtrocken und peinlich didaktisch. Vor einer differenzierten Auseinandersetzung mit Stockmanns demokratiepolitisch höchst zwiespältigen Ansichten drückt sich Dath und delegiert die Positionierung an die Publikumsbeteiligung. Zwar versucht der Regisseur Stefan Pucher mit allerlei Beiwerk, unter anderem mit der narzisstischen Musikerin Becky Lee Walters und mit viel Video eben, das Ganze visuell aufzulockern, aber der Mehrwert gegenüber dem Original ist gering.

Zu den ironischen Pointen der Bearbeitung gehört es, dass Dietmar Dath neben Slavoj Žižek einer der am meisten gehätschelten Publizisten jener Medien ist, deren Wirtschaftsteil in diametralem Gegensatz zu den Standpunkten der beiden Autoren steht. Verglichen mit Ibsens Badearzt Thomas Stockmann ist Dath ein paradiesisches Dasein beschieden. Es sei ihm gegönnt. Nur – mitreflektieren hätte er diesen Widerspruch bei einer Aktualisierung schon können.

Politisches Theater einer ganz anderen Machart zeigte das Ensemble L'outil de la ressemblance mit dem im Théâtre Benno Besson in Yverdon-les-Bains uraufgeführten „D'acier“ („Aus Stahl“) von Silvia Avallone. Es handelt sich um eine durch Erzählpassagen verknüpfte Szenenfolge über das „Coming of Age“ im proletarischen Milieu. So sympathisch die Haltung dieses Stücks ist, kommt einem doch alles sehr vertraut vor. Die Story spart nicht mit Klischees, und das tragische Ende erinnert an das doch gewagtere „L'Âge d'or“ am Théâtre du Soleil der Ariane Mnouchkine.

Entsprechen der „Volksfeind“ und „D'acier“ der Tradition und der Wirkungsabsicht des politischen Theaters, so singt „Münchhausen?“ von Fabrice Melquiot vom Genfer Ensemble Contrechamps in der Regie von Joan Mompart das Lob der Fantasie, und wie so oft bei diesem beliebten Thema streift die Inszenierung die Grenzen zum Kitsch und zur pädagogischen Putzigkeit. Dass sie den Erwachsenen und den mitgebrachten Kindern gefällt, verdankt sich wohl der üppigen und gescheiten Nutzung theatralischer Mittel sowie von Elementen der Pop Art. Auch die Videotechnik wird hier erfinderischer eingesetzt als gemeinhin.

Von der Fantasie zum musikalischen Klamauk ist es nur ein Schritt. Offenbar gibt es in der Schweiz nicht nur Christoph Marthaler oder Ruedi Häusermann. Auf einer etwas weniger anspruchsvollen Ebene unterhält auch die Gruppe „ressort k“ um den Regisseur Manfred Ferrari mit musikalischem Kabarett. Die nicht sonderlich raffinierte Story zu „Der Extremist“ lieferte Juri Andruchowytsch, aber das eigentliche Vergnügen gewährt eben die Musik.

Von ganz anderem Kaliber ist „Words and Music“ von Samuel Beckett in der Regie von Alan Alpenfelt. Beckett hat das kurze Stück für den Rundfunk geschrieben, als Hörspiel also. Mit Theater hat es auch in der Aufführung mit Adele Raes und mit drei Musikern weniger zu tun als mit der Oper „Neither“ (1977) von Morton Feldman, der übrigens auch eine eigene Version von „Words and Music“ komponiert hat. Das hätte in Donaueschingen mit ebenso viel Berechtigung seinen Platz wie beim Schweizer Theatertreffen. Hier nähert sich die Videoprojektion der abstrakten Malerei und zugleich der elektronischen Musik an.

Als Höhepunkt des kleinen Theatertreffens erwies sich Ewald Palmetshofers Neufassung von Christopher Marlowes „Edward II“ mit der Titelerweiterung „Die Liebe bin ich“. Zugegeben: schauspielerisch kommt Simon Zagermann als Eduard nicht an Nicholas Ofczarek heran, der mit dieser Rolle in der Regie von Claus Peymann seine steile Karriere begonnen hat. Aber die Regie von Nora Schlocker vom Theater Basel beweist einmal mehr, wie man mit einfachsten Mitteln auch die drastischste Handlung auf die Bühne bringen kann. Palmetshofer hat das Motiv der Homophobie, das diesem Drama über die skrupellose Ausübung von Macht seine besondere Note verleiht, verdeutlicht und sprachlich pointiert. Seine Methode lässt sich mit dem Umgang von Botho Strauß mit Shakespeares „Titus Andronicus“ in seiner „Schändung“ vergleichen. Erwähnt sei abschließend das Bühnenbild von Marie Roth, ein zweistufiges hohes Podium vor einer messingfarbenen Wand. Es ermöglicht die Nutzung der Vertikalen als räumliche Dimension, die Auf- und Abstieg, aber auch hierarchische Ordnungen versinnbildlicht. Auch hier gilt: nicht der Aufwand, die Stimmigkeit der Konzeption zählt.

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erstellt am 30.5.2016

Szenenfoto „Volksfeind“ © Tanja Dorendorf
Szenenfoto „Edward II. Die Liebe bin ich“ © Alexi Pelekanos