Im Zentrum der Erzählung „Im roten Sand“ von Eric Giebel steht eine typisch deutsche Familie in den siebziger und achtziger Jahren, die es geschafft hat, die Kriegserlebnisse zu verdrängen und sich nun den kritischen Fragen ihrer Enkel stellen muss. Faust-Kultur veröffentlicht einen Auszug aus dem Buch.

Originaltext

Im roten Sand

6

Ich war sauer auf meinen Lehrer. Ich hatte meine Hausaufgaben erledigt, einen, wie ich fand, ordentlichen Aufsatz geschrieben. Doch er hatte vor allen laut zu mir gesagt: „Noch einmal!“

Wie üblich stürmte ich nach dem letzten Gong aus der Schule und rannte Richtung Bushaltestelle. Verdammter Mist. Warum nochmals Tell? Ich wollte doch einfach mal faulenzen.

Dem Busfahrer hielt ich meine Monatskarte nur flüchtig hin. „Mach mal langsam, Kleiner! Wenn du mir die Karte nicht ordentlich zeigst, kannst du auch laufen!“ Ich klappte das Etui, in dem Lichtbildausweis und Monatsmärkchen steckten, nochmals auf, wortlos. „Geht doch!“

Das Mittagessen schmeckte mir nicht, obwohl es Schnitzel und Pommes gab. Ich kippte Ketchup über den Teller. „Reicht!“, sagte Vater. Ich setzte die Flasche ab und stocherte lustlos mit der Gabel in dem roten See.

Wie ich meinen alten Deutschlehrer vermisste! Der hatte uns in Ruhe gelassen oder uns höchstens mit ein paar Geschichtchen aus seinem Leben gelangweilt. Man konnte sich wunderbar wegducken, fiel nicht auf. Der Neue, den ich im zweiten Halbjahr bekommen hatte, war aus ganz anderem Holz. Er forderte. Das gefiel mir ganz und gar nicht. Auch wenn ich mich flach machte und mit der Schulbank fast schon verschmolz, fand er mich und stellte Fragen.

Jetzt saß ich an meinem Schreibtisch. Ich hatte getrödelt, solange es ging. Mutter erinnerte mich mit einem knappen „Keine Hausaufgaben?“ an meine Pflicht. Es war schon halb vier, als ich mein Deutschheft aufklappte und nochmals die Sätze durchlas, mit denen ich den Höhepunkt des 3. Aktes beschrieben hatte, meinen „missglückten Versuch“, wie ich auf den Weg mitbekommen hatte. Ich starrte die Tapete an, verlor mich in ihrem Muster und in ihrer Farbigkeit. Ich konnte nur denken: „Was will der? Das ist doch nicht so schlecht.“ Lustlos blätterte ich in meinem Heft, das mir die Unterschiede des römischen Rechts zum germanischen Gewohnheitsrecht nahebringen sollte. Ich überflog die aufnotierte Zeitleiste, die mit dem Jahr 1215, Magna Carta Libertatum, begann und mit 1804 endete. Was hatte ich damit zu schaffen?

Ich fühlte mich ungerecht behandelt. Am liebsten hätte ich dem Lehrer den Mist vor die Füße geworfen und gesagt, er solle das doch gefälligst selber machen. Aber ich kniff meine Arschbacken zusammen und versuchte, mich auf das Thema zu konzentrieren.

„Wofür den zweiten Pfeil?“, dachte ich, zögerte einen Moment, spürte, wie sich eine neue Gewissheit in mir breit machte. Ich griff meinen Füller und schrieb zügig meinen Aufsatz über die Bedeutung des dritten Aktes. Mit kämpferischem Ton ging ich ans Werk und endete bald bei Tyrannenmord und Volkssouveränität.

Bald danach öffnete mir dieser Lehrer die Augen. Paul Celans „Todesfuge“ löste in mir ein Erdbeben aus. Die Ordnung, die mir bislang Halt geboten hatte, geriet ins Wanken. Ich war wütend. Ich konnte die Vernichtung der Juden nicht in Einklang bringen mit Großvaters Erzählungen über die Kampfhandlungen an der russischen Front. Ich besorgte mir Bücher über den Holocaust, las fiebrig. Jan und ich sahen gegen Vaters Willen den Vierteiler „Die Geschichte der Familie Weiss“ im Fernsehen.

Viel bekamen wir nicht aus den Köpfen der Erwachsenen heraus. Großvater schwieg soldatisch. Großmutter erzählte lieber von den schönen Ausflügen mit dem Bund Deutscher Mädel. Es gab nur zwei Sätze, die wir wieder und wieder hörten: „Davon haben wir nichts gewusst!“ und „Man soll das jetzt mal gut sein lassen!“

„Sie ist immer noch davon überzeugt!“, sagte Jan. Großmutter hatte gerade ihr Strickzeug beiseitegelegt und war in die Küche gegangen, um das Essen vorzubereiten. Wenige Augenblicke zuvor hatte sie, zwei links, zwei rechts, Ungeheuerlichkeiten in den Pulli gestrickt, auf den ich mich schon so sehr gefreut hatte.

„Sie ist eine Faschistin!“, erregte sich Jan. „Alles haben sie gewusst. Alles mitgetragen!“

Ich erinnerte mich an unsere Klassenfahrt nach München. Wir warteten auf den Linienbus, der uns zur S-Bahnstation Dachau zurückbringen sollte, traten von einem aufs andere Bein, die Hände weit in die Jackentaschen vergraben, um dem Frost zu entgehen. Und den Bildern, die wir gesehen hatten. Ein Erwachsener kam auf unsere Gruppe zu und raunte: „Kinder, das mit den Juden kann nicht stimmen. Das sind doch alles nur Lügen.“ Schon war er wieder weg, aber seine Worte blieben im Kreis. Abends sagte ein Klassenkamerad zu mir: „Und außerdem: die Autobahnen. Beim Adolf war nicht alles schlecht.“

Ich stand auf der anderen Seite. Ich hatte nicht die Kraft, mich Großmutters gestricktem Pullover zu verweigern, aber ich fühlte jedes Mal die falschen Maschen auf meiner Haut.

Übergriff

Über Schuhe weiß ich alles, damit verdiene ich mein Geld. Ich gehe bei allen bedeutenden Schuhfabriken in Süddeutschland ein und aus, verkaufe als freier Handelsvertreter Produkte, die im Herstellungsprozess gebraucht werden, Hinterkappen zum Beispiel. Zum Glück wohne ich unweit von Pirmasens mit seiner monoindustriell geprägten Umgebung. Das bedeutet die meiste Zeit kurze Wege. Gelegentlich fahre ich die große Tour nach Bayern oder nach Herzogenaurach ins Fränkische. Mit beiden Dasslers mache ich gute Geschäfte. Besonders Adolf empfängt mich immer sehr freundschaftlich, er hat seine Zeit in Pirmasens nicht vergessen. Seine Frau stammt ja von dort. So reden wir nach dem Abschluss gerne mal bei einem Cognac und einer Zigarre über die Pfalz. Wenn ich mit jedem, der während der Hitlerzeit in der Partei gewesen war, keine Geschäfte gemacht hätte, mit wem hätte ich dann überhaupt noch Geschäfte machen können? Womit das Geld für meine Familie und mich verdienen? Es muss auch mal gut sein. Wenigstens jetzt, nachdem es aufwärts gegangen ist und ich etwas aufbauen konnte.

Das mit den Juden, wir haben das nicht gewusst. Und ich persönlich kann sagen, auch nicht gewollt. Schlecht für das Geschäft. Andererseits war Krieg schon immer gut für das Geschäft. Soldaten brauchen Stiefel. Ach, das waren die wirklich großen Zeiten für diese Stadt. Ihr ging ein Ruf voraus, dem ich vom Rhein kommend Mitte der dreißiger Jahre folgte und der mich Teil der Schuhindustrie werden ließ. Darauf bin ich stolz. Der Krieg war eine Unterbrechung des Geschäfts, vielleicht ist es das Beste, es so zu sehen. Völkerhass bringt doch einfach nichts. Das ist eine ideologische Verblendung. Meine Devise lautet: Leben und leben lassen. Ich habe mich niemals gefragt, welche Schuhgröße Hitler hatte. Im Nachhinein wollen alle es wissen und uns unsere Schuld präsentieren.

Auszug aus: Eric Giebel, Im roten Sand
Mit freundlicher Genehmigung © Pop Verlag, Ludwigsburg 2016

Siehe auch

Elke Barker über Eric Giebel, Im roten Sand

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erstellt am 30.5.2016

Eric Giebel, Foto: Philine Stehling
Eric Giebel, Foto: Philine Stehling

Eric Giebel
Im roten Sand
Erzählung
96 Seiten
ISBN 978-3-86356-127-7
Pop Verlag, Ludwigsburg 2016

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