Im Zentrum der Erzählung „Im roten Sand“ von Eric Giebel steht eine typisch deutsche Familie in den siebziger und achtziger Jahren: Großvater war im Krieg und später in Gefangenschaft, Großmutter im BDM. Eine Familie, die es geschafft hat, die Kriegserlebnisse zu verdrängen und sich nun den kritischen Fragen ihrer Enkel stellen muss. Elke Barker hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Bildungsroman en miniature

Von Elke Barker

Es gibt Autoren, die können beides. Lyrik schreiben und Prosa. Der in Darmstadt lebende Eric Giebel ist ein solcher Pendler zwischen den Welten. Und wie bei allen, die über den Tellerrand schauen, zielt auch sein Blick ins Weite: Die Geschichte von Sören Matussek steht pars pro toto für viele der heute erwachsenen Enkel der Kriegsgeneration. Lebenslüge, Schuld, ungelebte Träume und der Hunger nach Identität – das sind die Spuren, denen die Erzählung „Im roten Sand“ folgt. Auf subtile, sensible Art wird hier (Familien-)Geschichte aufgearbeitet.

Eric Giebel verabreicht keine leichte Kost und ist doch stets auf Augenhöhe mit seinem Thema. So als gebe es keine Tabus zu durchbrechen, wenn Sörens Vater homosexuell war und das seine Familie erst nach seinem Tod entdeckt. Und als sei es nicht bis in unsere Tage eine Herausforderung, mit der Familiengeschichte auch ein Stück Nazivergangenheit aufzuarbeiten.

Im Zentrum der Erzählung steht eine typisch deutsche Familie in den siebziger und achtziger Jahren: Großvater war im Krieg und später in Gefangenschaft, Großmutter im Bund deutscher Mädel. Vater baut sich gerade eine freiberufliche Existenz auf, Mutter ist Hausfrau und kümmert sich um die beiden Söhne Jan und Sören. Eine Familie, die es geschafft hat, Kriegserlebnisse zu verdrängen und sich nun den kritischen Fragen ihrer Enkel stellen muss.

„Es muss auch mal gut sein“ und „Das haben wir nicht gewusst“, mit diesen Floskeln werden Jan und Sören abgespeist. Und während Jan im Aufbegehren und der Demaskierung der bürgerlichen Welt seinen Weg findet, sucht Sören verzweifelt nach Halt in der Familie. Er findet ihn nicht. Weder beim Vater, dessen zärtliche Hand er ersehnt und vor dessen nikotingelben Fingern er sich ekelt noch der Mutter, die ihre (beruflichen) Träume mit der Flucht in den Westen begraben musste. Sören bleibt mit seinen Gefühlen allein. Ein Phänomen, das im übrigen auch Sabine Bode in ihrem Buch „Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation“ beschreibt, wo sie der Frage nachgeht, was das Schweigen der Eltern und Großeltern mit den Enkeln macht.

Eric Giebel problematisiert Sörens Identitätssuche nicht, er entfaltet sie in Form eines Entwicklungsromans en miniature, dessen Ökonomie er beherrscht. Szenen des Rückblicks, vor allem aus Sörens Perspektive, an einigen Stellen aber auch aus der des Großvaters, reihen sich in der 96 Seiten starken Erzählung aneinander und entwickeln kaleidoskopisch ein Bild der Familie. Eine Familie, die das Schweigen verbindet wie andere ihr Besitz oder bürgerliche Bildung.

Das hat seine Tragik, doch es gibt auch Entwicklungspotential, das sich, wenn man genau hinschaut, in einem einzigen Satz verdichtet. Sören bekommt einen Fotoapparat geschenkt und ist fasziniert. „Er ist fasziniert von einer Welt, die anders ist, als er sie erlebt. Ein schneeweißer Pulli wird in der Wirklichkeit des Negativs pechschwarz. Er fragt sich, was er glauben soll, woran er sich festhalten soll? Was ist Schein, was Wirklichkeit?“ Und genau hier ist der Ausgangspunkt seines Wegs, eines Bildungswegs im klassischen Sinn. Denn Verstehen ist nur der Anfang, letztendlich geht es um die Umsetzung eigener Gedanken und Ziele.

Sören findet seinen Weg in Reisen, Auslandsprojekten, einem Studium nach der ungeliebten Lehre und schließlich in Partnerschaft und Familie. Und wenn er versucht, „mit seinen Kindern zu lachen, in eine bodenlose Albernheit zu fallen“, dann geht das in die richtige Richtung und trifft mit der Frage nach Schein und Wirklichkeit den Kern der Erzählung.

Elke Barker, geboren 1969 in Karlsruhe, Studium der Romanistik und Germanistik, Arbeit als freiberufliche Journalistin, Prosaautorin.

Siehe auch

Buchauszug: Eric Giebel, Im roten Sand

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erstellt am 30.5.2016

Eric Giebel, Foto: Philine Stehling
Eric Giebel, Foto: Philine Stehling

Eric Giebel
Im roten Sand
Erzählung
96 Seiten
ISBN 978-3-86356-127-7
Pop Verlag, Ludwigsburg 2016

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