Rede

Laudatio auf Oleg Jurjew

zum Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil der Stadt Heidelberg

Von Ursula Krechel

Es macht Freude, Oleg Jurjew zu loben, und es ehrt mich, daß ich ihn öffentlich hier loben darf. Aber zuerst muß seine Mutter gelobt werden, die ihn 1959 auf dem Höhepunkt des kalten Krieges in Leningrad geboren hat. Und es scheint, als habe die Mutter, eine Professorin für englische Sprache, ihm gleich Edgar Allan Poe vorgelesen und natürlich Lewis Carroll, ihm die verwirrenden Spiegelwelten von „Alice im Wunderland“ vorgehalten, damit er sich nicht zu sicher fühlte unter dem großen weißen Himmel über dem Strom und Aug in Aug mit den blinkenden Sowjetsternen. Und sein Vater, Geiger und Dozent am Konservatorium wird ihn in den Rausch der Töne eingeweiht haben, in die Herstellbarkeit von Kunst. Ich stelle mir eine Gemeinschaftwohnung vor mit hohen Decken, mit allen möglichen Geräuschen und Gerüchen, gegen die man sich nicht immun machen kann, eine Schnur geht durchs Zimmer, ich stelle mir ein wuselndes Leben vor. Und einen oder zwei in der Nähe mit scharfen Augen und Ohren, die die Auffälligkeiten dieses Lebens treulich für den Geheimdienst protokollieren. Ein Leben auf der Hut. Und der junge Oleg ist zu loben, daß er seinem Dichten, das er sehr früh begonnen hat, eine logistische Grundlage gab, er hat Wirtschaftliche Mathematik und Theorie der Systeme studiert, und ich bin gar nicht sicher, ob er dies auch im kapitalistischen Lager zu dieser Zeit hätte studieren können. Aber er ist nicht nur ein Kind seiner Eltern, er ist ein genuiner Sproß aus der St. Petersburger Avantgarde mit ihrem grellen, verzweifelten Humor, ihren Bockssprüngen über Schreibverbote, Verhaftungen, Deportationen hinweg. Von ihren Dichtern sind mir Daniil Charms, der 1942 während der Hungerblockade in einer psychiatrischen Anstalt starb, und Ossip Mandelstam, der hier in Heidelberg studierte und in einem Lager in der Nähe von Wladiwostok verhungerte, die liebsten. Oleg Jurjew, das vermute ich, bezieht sich in seinem geistigen Kosmos sicher am stärksten auf Andrej Bely, den Autor des faszinierenden Roman-Kosmos „Petersburg“ mit seinen Schwindel erregenden Gratwanderungen.

„Petersburg“, schreibt Oleg Jurjew, „ist eine Art Laputa (die fliegende Stadt aus ‚Gullivers Reisen‘), und hielten es nicht die unzähligen Anker fest, glitte es wahrscheinlich augenblicklich fort.“ Peter der Große nannte die von ihm erbaute Stadt „mein Paradies“. „Der gemeine Petersburger,“ kommentiert Jurjew mit Hohn und Trauer zugleich, „in diese Pracht ohne eigene Verdienste hineingeboren, fühlt sich ständig unsicher und des Paradieses unwürdig. Etwas schwindelig ist ihm – vom leichten Stampfen und Schlingern des Himmelsschiffes; seine Augen schmerzen – vom zittrigen Glänzen der Flüsse, vom silbrigen Feuer der Wolken; er weiß, daß diese Paläste eigentlich nicht für ihn gebaut, diese Gärten nicht für ihn angelegt sind, sondern für irgendwelche höheren Wesen, Engel vielleicht.(…) Es zieht ihn fort, nach Moskau, nach Frankfurt, nach New York, – in Städte, welchen er einen Gefallen tut, wenn er sich bereit erklärt, sie zu bewohnen.“

Wenn man von Oleg Jurjew spricht, muß man vom Reichtum eines großen Sprachorchesters sprechen. Man muß vom Tuten und Blasen sprechen, von dem er viel Ahnung hat, man muß von sonoren Schiffsirenen sprechen über die Ostsee hinweg, von pfäffischen Bimmelglöckchen, die mittags erklingen, vom Zirpen eines Streichinstruments, das man so noch nicht gehört hat. Ist die Saite ein rostiger Draht aus dem Bestand eines abgewickelten Schiffskombinats? Und man muß sich den Dirigenten vorstellen, der alle diese Töne, Klangfarben einsetzt, der die Tutti machtvoll aufruft, es ist ein Brausen in der Luft wie Engelsgeschwader. Man muß sich den Dirigenten Oleg Jurjew als einen glücklichen Menschen vorstellen. Er steht – ja, genau wie ein Dirigent – mit dem Rücken zum Publikum, mit anderen Worten, er sieht uns Leser nicht. Oder tut er nur so, als würde er uns nicht bemerken, wie wir die ungeübten Ohren spitzen, damit uns keines seiner Tonmaterialien entgeht. Mit anderen Worten: seine Romane machen hellwach. Er selbst sagt dazu: „Ich irritiere niemanden vorsätzlich. Aber ich bin der Meinung, dass der Leser auch daran Spaß haben kann, sich eigene Bilder zu schaffen aus den Konstruktionen, die ich ihm zur Verfügung stelle.“ Ja, er ist ganz konzentriert auf sein Wortorchester mit seinen unzählig vielen Instrumenten und Stimmen.

Als er 1991 Rußland verließ, zusammen mit seiner Frau Olga Martynova und seinem Sohn Daniel, hörte er auf, ein Dramatiker zu sein, obwohl seine Stücke auch in Deutschland aufgeführt wurden. War die Bühne, die sich ihm bot, zu klein, die Materialität des Theaters, Auftritte, Abtritte, Licht und Dekorationen ihm zu wenig phantasievoll? Stieß sich seine Phantasie an der vermeintlichen Allmacht von Regisseuren, die glauben, ein Stück nur in den Griff zu bekommen, wenn sie ihm ihre Einfälle aufzwingen? So ist es zu vermuten. Und seitdem jongliert er mit Sprachbrocken, mythischen Versatzstücken, kulturellen Sedimenten. Schachteln, in denen eine Erzählung verborgen ist, in der eine Schachtel vorkommt, in der wiederum eine andere Erzählung ist, und in einer dieser Erzählungen rattert eine Schiffsschraube, die wiederum eine andere Erzählung in Gang, was sage ich: in Fluß bringt, auf hohen Wellen tanzen läßt und eine große Woge hinterläßt. Alles ist groß, alles ist groß angelegt, Breitwanderzählungen mit riesigen Besetzungen, die für alle möglichen Überraschungen gut sind.

Als Romancier ist er ein unausgesprochener Feind aller literarischen Klavierlehrerinnen, die mit feinen, sensiblen Fingerchen schwarze und weiße Tasten anstupsen, damit sie einen einzigen Ton geben, dem dann ein zweiter Ton folgt. Nein, bei Oleg Jurjew braust und donnert ein Erzählorchester, es wird einem der Kopf vor Staunen gewendet, und es wundert einen nicht, daß sein Domizil im Exil nicht in einem Häuschen am Stadtrand ist, sondern eine Wohnung haarscharf am Rand des Frankfurter Zoos, das Keifen der Affen, das Trompeten der Elefanten, das kreischende Schulklassengewimmel vor den Gitterstäben der Tiere scheint unmittelbar in seine Romane zu dringen, ein Unterstrom von Wärme, das Malmen der Tiere, ihr unschuldiger Unrat, ein eigener Kosmos, eine enzyklopädische Weltsicht.

Nehmen wir nur den Roman „Halbinsel Judatin“, 1999 auf Deutsch erschienen. Soll man ihn von vorn bis hinten lesen, wie dies der Bücherleser gewohnt ist? Aber es gibt kein Ende. Kommt man in der Mitte an, muß man das Buch umdrehen und vom Rücken her das Lesen beginnen, zwei vollständig getrennte Erzählstränge, die sich ineinander spiegeln. Der Leser geht durch sie hindurch, er selbst ist die Mitte in dieser rasanten Doppelstruktur. Zwei dreizehnjährige Knaben träumen im Fieber zu Pessach 1985, direkt nach Gorbatschows Ernennung zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Sie liegen in Betten, nur durch ein Stockwerk getrennt, fernab im äußersten Winkel des Sowjetreiches an der finnisch-russischen Grenze. Die Gegend ist so abgelegen, daß nicht einmal ein Störsender hineindringt.

Der eine Erzähler ist ein städtischer Feriengast aus einer Familie, die ihre jüdische Herkunft verdrängt und sich zu assimilieren versucht hat, der andere kennt die Rituale und Mythen seiner Vorfahren, die vor zweihundert Jahren auf der Flucht vor dem Zugriff des Zaren in diese Gegend gekommen sind und den jüdischen Glauben angenommen haben, sogenannte Kryptojuden. Die Knaben hören im Fieber ihre Verwandten sprechen, ihre Phantasien entzünden sich an Aufgeschnapptem, Gelesenem, halb oder gar nicht verstandenen Bruchstücken der jüdischen Kultur, eine verflüssigte, ins Rutschen gekommene Identität.

Woran man Juden erkennt, darüber sinniert der Pope Jegor: „Der Hebräer, Agrippina Semjonowna, ist äußerlich zwangsläufig leicht zu erkennen – sie sind alle groß, dick, haben große Nasen. Waschen sich öfter als normale Leute und all so was. Und sie sprechen irgendwie anders als wir.“
„Nicht als wie russisch?“ Die bucklige Semjonowna hob ihr Gesicht und wandte es ab vom Wischlappen, hörte aber nicht auf, die Dielen zu schrubben. (…)
„Schon als wärs Russisch, aber eigenartig. Erstens einmal mit Akzent. (…) Zweitens dann – sein Reden, das ist nicht das einfache – das unsrige, kommt nicht von Herzen, sondern irgendwie mit einem Hintersinn, hinterhältig, beinahe hinter-…-trotzig. Gott verzeih mir. Sonst freilich sprechen sie gut Russisch, zwecks Konspiration. Man merkts fast nicht.“

Wir befinden uns in einem antisemitischen Zirkelschluß: Juden erkennt man an diesem und jenem, vor allem an ihrer Tarnung. Jurjews Reflexionen über das Judentum sind für deutsche Leser gänzlich überraschend. Sie unorthodox zu nennen, steht uns nicht zu. Wir nichtjüdischen, aber auch nichtchristlichen Deutschen, die das „Wesen des Judentums“ bei Franz Rosenzweig , Martin Buber und in dem herausragenden Werk von Leo Baeck zu studieren gelernt haben, die wir „Den Gottesbegriff nach Auschwitz“ von Hans Jonas diskutiert haben, staunen über die Volten, die Jurjew in seinen Überlegungen zu Russen und Juden schlägt. „Die Russen und die Juden haben überhaupt vieles gemeinsam (abgerechnet die verschiedene Veranlagung von Verstand und Instinkt), in erster Linie deshalb, weil sowohl Russen wie Juden kein Volk, keine Rasse, keine Kultur sind, sondern etwas wie eine Menschheit für sich, die viele Völker, Rassen und Kulturen umfaßt. Demnach müßten beide auch leben auf jeweils einem Planeten für sich, “ heißt es in dem Roman „Der neue Golem oder Der Krieg der Kinder und Greise“, 2003 in Deutschland erschienen. Es ist ein buntscheckiges, flickenhaftes Judentum, unter dem der Begriff der Religion nur noch in Rudimenten hervorlugt, ein Judentum ohne Eschatologie. Atlantis und Petersburg und Jerusalem verkeilen sich wie Eisschollen. Vom engen Prager Judenfriedhof „durch enge Durchgänge in der Erde wandern die Seelen der verstorbenen Juden nach Jerusalem.“ Der Erzähler dieses Romans, der sich, um ein Stipendium zu schnorren, mit Rasierapparat und Blumenrock in eine Frau verwandelt, schiebt die alte Golem-Sage des Rabbi Löw vom künstlichen Menschen beherzt beiseite, Zeit und Raum verschieben sich. Mit einem großväterlichen Beutefeldstecher betrachtet der Erzähler einerseits die kleine fiktive Stadt Judenschlucht im deutsch-tschechischen Grenzgebiet: Deutschland hat sich vereinigt, die Tschechoslowakei hat sich geteilt. Andererseits forscht er über das Volk der Chasaren, von dem mein Philo-Lexikon aus dem Jüdischen Verlag, Auflage von 1935, sagt: „nichtsemitisches Volk, vermutlich tatarisch, seit dem 4. Jahrhundert im heutigen Südrußland (an Don, Wolga, Kaspischem und Schwarzem Meer), ein Reich, dessen König und Oberschicht bei Abkehr vom Heidentum das Judentum annahmen (um 740), und erlagen den Byzantinern und Russen.“ Sich selbst bezeichnet der Erzähler des Romans als „roßloser Chasare“, träumt von Amerika und trinkt abgestandene, warme Coca-Cola.

Jurjew spielt, ironisch augenzwinkernd, mit unzähligen literarischen Anspielungen, Kafkas Schloß ist nah, Bulgakows „Der Meister und Margarita“ und die Großmutter fliegt wie auf einem Chagall-Bild durch das Fenster davon. Was für ein avanciertes Erzählen, prunkend, sich verströmend und voller Witz. Und daß wir es so genießen können, daran sind Oleg Jurjews erfindungsreiche, kongeniale Übersetzerinnen, Elke Erb und Olga Martynova, die beide Dichterinnen sind, schuld. Ihre Arbeit kann gar nicht genügend gerühmt werden.

Und dann wird ein Schiff beladen, Weniamin, der Junge aus dem unteren Stockwerk im Roman „Halbinsel Judatin“ ist erwachsen und ein Historiker geworden, doch ein hartnäckiger Träumer geblieben. Kriminelle haben in Petersburg seinen Stiefvater ermordet. Er heuert auf einem Schiff mit den Namen „Zweifacher Held der Sowjetunion“ an, das einerseits das versunkene Vineta in der Ostsee sucht, andererseits ein Rettungsschiff ist, das einer Zukunft, die verloren zu gehen droht, entgegenreist. Es steuert Lübeck an, transportiert Bologneser Elitehündchen, deklariert sie aber, um das Importverbot der EU zu umgehen, als japanische Zwergschafe. Solche Umwidmungen durchziehen den Roman. Das Schiff, sicher ein Seelenverkäufer oder ein „Fliegender Holländer“, ist ein Kühlschiff mit Leichen, die zu wissenschaftlichen Zwecken nach Deutschland transportiert werden, das aber als Kreuzfahrschiff firmiert. Auf dem Deck Flüchtlinge, abtreibungswillige Polinnen, EU-Rentner und quicklebendige Personen aus Weniamins Jugend. Der Roman heißt „Die russische Fracht“, ist 2010 in Deutschland erschienen und selbst ein vollgeladener Container voller anarchischer Phantasien. Man kann den Roman als Agententhriller, als Liebesroman, als einen Text von einer Insel der glücklichen Wiedergänger lesen oder als den dritten Teil einer Romantrilogie. Die lebensgefährliche postkommunistische Wirklichkeit verwandelt Oleg Jurjew in eine Sehnsucht nach dem Utopischen, das versunken ist und um so heller strahlt.

Während ich darüber nachsann, wie Oleg Jurjew angemessen zu loben sein würde, dachte ich auch an die Namensgeberin dieses Preises, an Hilde Domin, die erst im Tauchbad der Emigration zu einer Dichterin wurde und die immer betont hat, wie viel sie der spanischsprachigen Lyrik, die sie in der Dominikanischen Republik lieben lernte, verdankt. Ich dachte an Nelly Sachs, die so viel Mühe darauf verwandte, deutsche Leser für die Lyrik ihres Gastlandes Schweden zu begeistern. Ich dachte an Joseph Roth, der sich todtraurig und müde am Caféhaustischchen in Paris eine versunkene ostjüdische Welt ausmalte. Und ich freue mich, daß Oleg Jurjew einen ganz anderen Weg gewählt hat: keine Rückschau, keine Nostalgie. Er konfrontiert uns mit unseren Ressentiments über Juden, Russen, Deutsche, er konfrontiert uns mit unserem Nichtwissen. Er macht seine Leser klüger und weitsichtiger und dies auf heitere, ja manchmal umwerfend komische Weise. Für diesen Akt der Balance, der ein Akt der Kunst ist, erhält Oleg Jurjew den Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil der Stadt Heidelberg.

erstellt am 23.3.2011

Oleg Jurjew
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