Jürgen Lentes, Buchhändler und Buchliebhaber, Herausgeber und Literaturjournalist, ist im Mai 2016 in Frankfurt am Main verstorben.

„Ein Raum ohne Bücher ist wie ein Körper ohne Seele“ lautete der Titel, den der kenntnisreiche und bibliophile Jürgen Lentes 2010 für seine Besprechung von Rainer Pechmanns kleiner Enzyklopädie Das Haus des Bücherdiebs auf Faust-Kultur wählte. Im Frankfurter B3 Verlag erschienen zwei von ihm herausgegebene schöne Bände mit Fotos und Texten: 2008 beim apfelwein. Geschichten aus Frankfurter Wirtschaften und 2013 (mit Jürgen Roth) Im Bahnhofsviertel. Darin schrieb er, was selten genug geschah, auch über sich selbst: „Mit nur wenigem aus meinem Leben kann ich in geselliger Runde Punkte sammeln. Aber dass ich an der Mosel in einem Wingert gezeugt worden sein soll, in einem Altenheim zur Welt kam (als ein Benjamin-Button-Derivat), mich in dem dem Altenheim gegenüberliegenden Kindergarten (nicht weit entfernt vom Friedhof, also quasi alles in der Reichweite von drei Minuten) zum erstenmal verliebte (natürlich in die Kindergärtnerin)“ – das reicht für eine Minute Aufmerksamkeit. ho

Zum aktiven Gedenken

Über eine Idee, die Jürgen Lentes gehabt haben könnte

1993 erschien ein wunderschönes Buch mit dem Titel Kiesstrasse Zwanzig Uhr. In roten Karton gebunden mit exquisitem Vorsatzpapier, darauf ein Holzschnitt von Thomas Baumhekel. Als Schutzumschlag dient eine transparente Folie. Der Holzschnitt auf der Folie zeigt das Eckhaus in der Kiesstraße mit der Hausnummer 20. Wer genau und interessiert hinschaut erkennt auf der Hausmauer ein Wort: Huss. Viermal, als handele es sich um ein Firmenschild. Wenn eine Buchhandlung wie eine Firma erscheint, dann geht das in Ordnung mit dem Schild, denn diese Buchhandlung war legendär. Ein Porträtfoto von Isolde Ohlbaun auf Seite drei zeigt Melusine Huss, die Gründerin, die zuvor schon die Bockenheimer Bücherwarte führte. Sie starb am 25. Mai 1989. Die Huss’sche Universitätsbuchhandlung in der Bockenheimer Kiesstraße 20 übernahm nach ihrem Tod Jürgen Lentes. Das schöne Buch hat er zum zehnjährigen Geburtstag der Buchhandlung herausgegeben.

Das Buch ist eigentlich ein unwahrscheinlicher Almanach, weil es jeder Wahrscheinlichkeit zuwiderläuft, dass einer Buchhandlung ein solches Buch gewidmet wird. An dem Buch haben 65 Autorinnen und Autoren mitgeschrieben, es ist nicht nur sehr schön, sondern auch noch richtig gut. Weil genau die Leute dafür Gedichte, Essays, Skizzen, Prosatexte oder wissenschaftliche Beiträge geschrieben haben, die in der Huss’schen Buchhandlung ihre Bücher kauften, die um zwanzig Uhr manchmal dort saßen, um denen zuzuhören, die auch für das schöne Buch geschrieben haben. Es wäre merkwürdig, jetzt von den 65 zum Beispiel nur zehn zu nennen, denn sie alle haben die Musik gemacht, die das kribbelnde Dauerkonzert der einschlägigen Häuser, Einrichtungen, Institutionen der Stadt schufen. Die Uni, die Verlage, Museen, Institute, das Städel, manchmal sogar der Römer, und die vielen Einzelnen, die lieber zu Hause blieben, um Bücher zu schreiben.

Es gab also in Frankfurt am Main einmal eine Buchhandlung, über deren Veranstaltungen ein fein gestaltetes Buch gemacht werden konnte, ein Almanach mit 65 nicht thematisch zusammenpassenden Unikaten, die dennoch in einem Punkt einig waren: Alle Autoren hielten diese Buchhandlung für so wichtig, gut sortiert und gut geführt, dass sie ihren Beitrag zu deren Lob lieferten. So erschien durch die Tatkraft von Jürgen Lentes das Buch mit dem Titel Kiesstrasse Zwanzig Uhr, wofür dem Herausgeber und seinen Helfern größtes Lob gebührt.

Und jetzt zur Idee. In Frankfurt gibt es keine Buchhandlung mehr, über die ein Buch gemacht werden könnte. Nach und nach sind sie alle verschwunden und nicht wiedergekommen. Viele haben sich dem Trend gebeugt, den Kunden zehn riesige Bestsellerstapel in den Weg zu stellen und in der Hessenecke Büchsen mit Gref-Völsing Rindswurst zu platzieren. Nichts gegen Gref-Völsing, aber in der Hanauer Landstraße, nicht sehr weit von der Romanfabrik, findet man einen der schönsten Läden, in dem man diese Wurst warm oder kalt kaufen und essen kann. Da gibt es ja auch keine Bücher. Die Idee: Eine Initiative zu gründen mit dem Ziel, in der Frankfurter Innenstadt wieder eine richtige, gut sortierte, mit Buchhändlerinnen und Buchhändlern versehene Buchhandlung einzurichten. Zum Beispiel im Romantik Museum. Und: der neuen Kulturdezernentin als Begrüßungsbitte zu dieser Buchhandlung zu verhelfen. Ja, wir wissen es, wir haben es bei der Berger Bücherstube mit Nachdruck erklärt bekommen: Die Stadt kann und darf kein privates Unternehmen offen unterstützen. Aber halb offen schon. Zum Beispiel über ein Haus im städtischen Besitz, das dann bezahlbar verpachtet würde.

Diese Idee hätte wahrscheinlich Jürgen Lentes gefallen, der im Mai 2016 in Frankfurt verstarb.

Wir danken Heiner Boehncke für den Beitrag, der auch im Kulturbrief Juni der Romanfabrik Frankfurt erschien.

Am 6. Juni findet um 20 Uhr eine Jürgen-Lentes-Gedenkveranstaltung in der Romanfabrik Frankfurt statt.

Kommentare


Helmut Richter - ( 02-06-2016 04:53:02 )
Es gibt doch in Frankfurt eine Reihe gut sortierter Buchhandlungen, die näher an der Innenstadt liegen, als das Romantik Museum. Das sind: Autoren Marx & Co.im Westend, Land in Sicht im Nordend und Ypsilon auf der Berger Str.

Autorenbuchhandlung - ( 03-06-2016 06:26:02 )
Herzlichen Dank für das Lob auf die Buchhandlung und den Beruf des Buchhändlers aus Anlass des Todes von Jürgen Lentes, aber,
lieber Heiner Boehncke,
zur Erinnerung:
1.
Die innerstädtischen Buchhandlungen Frankfurts, die Ihnen auch heute noch keine Bücherstapel in den Weg legen, sondern Ina Hartwigs Publikation empfehlen: Autorenbuchhandlung Marx & Co (1,8 km vom Römer entfernt) ; Land in Sicht (1,5 km); Karl Marx Buchhandlung (3 km); Ypsilon (1,6 km).

2.
Unsere Veranstaltungen, bei denen Sie sogar noch nach 20 Uhr sitzen und den Autoren zuhören dürfen: Wolfgang Ullrich im Gespräch mit Heinz Drügh über Siegerkunst (Wagenbach 2016)/29. Juni 2016; Michael Eberth im Gespräch mit Oliver Reese und Karlheinz Braun über Einheit, Berliner Theatertagebücher (Alexander Verlag Berlin 2016)/2. Juni 2016; Axel Honneth, Julika Griem u.a. diskutieren über Stoner von John Williams/11. April 2016.

3.
Fünf von 91 Autoren, die unseren Laden mitbegründet haben und ihn zu einem lebendigen Treffpunkt machen: Karlheinz Braun, Christoph Buggert, Barbara Klemm, Martin W. Lüdtke, Franz Mon.

4.
Unsere Publikation zum 25-jährigen Bestehen der Autorenbuchhandlung, die u.a. Robert Gernhardt, Hans Traxler und F.K. Waechter für „so wichtig“ hielten, „dass sie ihren Beitrag zu deren Lob lieferten“: Bücher sind unser Kapital, Autorenbuchhandlung Marx & Co, hrsg. von Hanne Kulessa, Frankfurt 2004.

5.
Unsere Kontonummer für halboffene Unterstützung zur Filialgründung: xxxxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Erfreute Grüße
Ihre Autorenbuchhandlung (wir zeigen Ihnen übrigens gerne die von uns geschriebenen Bücher, unsere Homepage mit den Veranstaltungshinweisen und wir brühen Ihnen sogar einen Kaffee, wenn Sie uns das nächste Mal besuchen).


Monika Steinkopf - ( 05-06-2016 11:54:16 )
Es hätte Jürgen Lentes sicher gefreut,dass an ihn mit einer so schönen Idee verbunden erinnert wird und noch mehr,wenn sie verwirklicht würde.

Monika Steinkopf

Holger Spies - ( 06-06-2016 07:22:07 )
Dem Kommentar der engagierten und kompetenten Buchhändlerinnen aus der großartigen Autorenbuchhandlung kann ich mich nur anschließen. Und wenn schon von der Innenstadt die Rede ist: Auch die Büchergilde Buchhandlung unweit der Konstablerwache ist ein guter Ort für Leser. Bedarf für eine subventionierte Buchhandlung sehe ich nicht. Kauft lieber bei denen, die schon da sind!


Martin Lüdke - ( 30-05-2016 06:18:29 )
Hat er verdient. Er war ein Verrückter, wie ich mir
Tausende wünschte. Das Romantik-Museum - sollte das erste Vorhaben unserer neuen Kulturdezernentin sein.

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erstellt am 26.5.2016

Jürgen Lentes, Foto: Irmgard Maria Ostermann
Jürgen Lentes, Foto: Irmgard Maria Ostermann

Geboren 1961 in Schweich an der Mosel, lebte und arbeitete Jürgen Lentes seit den achtziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts in Frankfurt am Main. Er war Buchhändler in der Universitätsbuchhandlung von Melusine Huss, literarischer Programmgestalter in der Frankfurter Romanfabrik und für die Venusberg-Bar sowie Internetredakteur am Schauspiel Frankfurt. Er schrieb für das Journal Frankfurt und seine Veranstaltungshinweise in der Frankfurter Rundschau waren eine sehr geschätzte Unterstützung der Arbeit u. a. der Romanfabrik und des Hessischen Literaturforums.

Am 6. Juni findet um 20 Uhr eine Jürgen-Lentes-Gedenkveranstaltung in der Romanfabrik Frankfurt statt.

Jürgen Lentes (Hg.)
KIESSTRASSE ZWANZIG UHR
Huss'sche Universitätsbuchhandlung 1983-1993
Verlag Huss, 1993

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