Im dritten Beitrag über die diesjährigen Ludwigsburger Schlossfestspiele berichtet Thomas Rothschild unter anderem vom Konzert unter der Überschrift „Telemann: Gipsy Barock” und von dem charismatischen 92jährigen Pianisten Menahem Pressler, den das Publikum mit minutenlangen Standing Ovations ehrte.

Ludwigsburger Schlossfestspiele 2016, Teil 3

Mit Engagement und Verve

Gipsy Barock © Luis Montesdeoca
Gipsy Barock © Luis Montesdeoca

Vor zwei Jahren figurierte bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen ein Konzert unter dem Titel „Celtic Baroque“. Das Versprechen, das der Titel gab, wurde eingelöst. Heuer wollte man wohl daran anschließen, als man ein Konzert unter der Überschrift „Telemann: Gipsy Barock“ anbot. Aber die Analogie wirkt einigermaßen verkrampft. Es trifft zwar zu, dass Telemann, und nicht nur er, von Folklore beeinflusst waren und diese zitiert haben – die Grenzen zwischen Volks- und Kunstmusik verlaufen in der älteren Musik ohnedies fließend –, aber die Bezeichnung „Gipsy Barock“ ist doch zu plakativ für das, was es dann zu hören gab. Es waren ganz und gar „unzigeunerische“ Kompositionen des Barock und einige wenige eingeschobene Improvisationen des Geigers Stano Palúch und des Zymbalisten Marcel Comendant im Zusammenspiel mit dem Ensemble Il Suonar Parlante unter der Leitung von Vittorio Ghielmi und mit der Blockflöten-Virtuosin Dorothee Oberlinger, der man auch ohne den Aufmacher gut und gerne einen Abend lang zugehört hätte. Die beiden, Ghielmi und Oberlinger, waren schon beim „Celtic Baroque“ dabei. Hinzu kam diesmal, dramaturgisch eher deplatziert, mit zwei Arien die argentinische Sopranistin Graciela Gibelli. Zwar bewältigt sie bewundernswert sowohl die Höhen wie auch weitläufige Koloraturen und reiht sich damit neben Palúch und Oberlinger in die Riege der Virtuosen ein, aber die Freude an der technischen Perfektion wird beeinträchtigt durch den stellenweise schrillen Klang der Stimme. Insgesamt war das gut besuchte Konzert ein Erfolg. Das Publikum erklatschte sich zwei Zugaben.

Menahem Pressler © Marco Borggreve
Menahem Pressler © Marco Borggreve

Noch mehr Applaus bekam der 92jährige Menahem Pressler. Nun war es in der Tat eindrucksvoll, wie der hochbetagte Mitbegründer des legendären Beaux Arts Trios die Stücke von Mozart und Kurtág, von Beethoven, Chopin und Debussy nicht nur technisch, sondern auch musikalisch, eher behutsam als mit Furor, eher trocken als mit Pathos, zum Erklingen brachte. Aber das allein kann es nicht gewesen sein. Es wirkte doch auch zugleich berührend und unheimlich, als der demonstrativ stürmische Beifall bereits einsetzte, noch ehe der im Rollstuhl zur Bühne gefahrene Pianist den Flügel erreicht hatte, als ihn Standing Ovations schon vor der Pause und dann am Schluss minutenlang ehrten. Wer sitzen bleibt, weil ihm solche Ausbrüche kollektiver Begeisterung, selbst wenn sie gut gemeint sein mögen, unheimlich sind, macht sich verdächtig. Ganz konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass da das stellvertretende schlechte Gewissen die Erinnerung an die Eltern und Großeltern auslöschen wollte, die vor 83 Jahren ganz anderen Charismatikern, nämlich jenen Volksvertretern Standing Ovations beschert haben, die Leute wie Menahem Pressler, der damals noch Max Pressler hieß und gerade zehn Jahre alt war, ins Exil gejagt haben. Er war einer von den unzähligen Flüchtlingen, die der Mann, der am Tag des Konzerts von der Hälfte der Österreicher gewählt wurde und nur knapp am Posten des Bundespräsidenten vorbeigeschrammt ist, „Invasoren“ nennt und dem der noch amtierende Bundespräsident Heinz Fischer ohne Not seine „Anerkennung aussprechen, Respekt zollen (wollte), dass er in einem langen und spannenden Wahlkampf seine Standpunkte mit Engagement und Verve vertreten und verteidigt hat”. Fairness? Oder die politische Blindheit eines Staatsoberhauptes, das schon die Verteidigung eines Standpunkts, egal wessen Inhalts, für eine Tugend hält? Auch die Verfolger Presslers und Mörder seiner Verwandten haben ihre „Standpunkte mit Engagement und Verve vertreten und verteidigt“. Heute lebt Pressler, der nach einem Aufenthalt in Palästina in die USA übersiedelte, in Bloomington, Indiana, wo er immer noch unterrichtet. Und spricht ein tadelloses Deutsch, als hätte er seine Geburtsstadt Magdeburg nie verlassen müssen.

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erstellt am 25.5.2016