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Während viele Künstler ihr Leben lang von einer Geschäftsidee zehren und damit ihre Fans begeistern, verlässt Bob Dylan permanent seinen ästhetischen Ort und begibt sich weiter fort. Zum Geburtstag hat ihm Volker Breidecker ein Loblied geschrieben.

Bob Dylans 75. Geburtstag

Alias in den Städten

„Wer bist du?“, fragt der Sheriff den schweigsamen jungen Mann, der lakonisch antwortet: „That's a good question.“ In der 33. Minute von Sam Peckinpahs Spätwestern „Pat Garrett jagt Billy the Kid“ aus dem Jahr 1973 ist dies schon das Ende des Dialogs. Zu dem filmischen Abgesang auf die Mythen des weiten Lands Amerika, das „wir einst durchritten“ – wie an einer Stelle gesagt wird –, schuf Bob Dylan die betörend traurige Musik, und in einer der wohl merkwürdigsten Nebenrollen der Filmgeschichte verkörpert er einen Hobo, einen Landstreicher, der nirgendwohin zu gehören scheint, als aufmerksamer, aber meist teilnahmsloser Beobachter eines befremdlichen Geschehens mal hier und mal dort auftaucht, bevor er stillschweigend wieder verschwindet.

„What is your name, boy?“, lassen auch Pat Garretts Männer nicht ab, den Fremdling beim nächsten Auftritt zu fragen. Dieser, in archaisches Kostüm wie aus den Zeiten der Pilgerväter gekleidet, erklärt sich als „Alias“. – „Alias what?“ – „Alias, as you please!“ – Zugänglicher wird Alias erst, als er sich dem Gefolge – ganz Kolportage eines Hippiehofs der letzten Tage – Billy the Kid anschließt, nicht als Waffenbruder, sondern als stummer Zeuge und Beobachter, aber auch als ein geheimnisvoller Bote wie aus einer anderen Welt. Im dem einzigen Dialog mit Billy rät er diesem, sich seinen Häschern durch die Flucht nach Mexiko zu entziehen. Auf die Gegenfrage, ob er – Alias – denn in Mexiko leben könne, antwortet dieser: „Ich könnte überall leben, und ich könnte auch von überall weggehen.“

Immer noch ist Bob Dylan auf seiner „Never Ending Tour“. Und just zum selben Zeitpunkt, als die ehrwürdige Mainzer Akademie der Wissenschaft und der Literatur aus Anlass seines 70. Geburtstags zu einer Poetikrunde „Über Lyrik & Lyrics bei Bob Dylan“ lud, ließ der wandernde Spielmann und fahrende Sänger zum Abschluss seiner Asien-Tournee in Singapore zum – so die exakte Statistik – 1823. Mal sein „Like a Rolling Stone“ ertönen, nicht zum 1823. Mal das gleiche Lied, sondern ein Lied, das die Geschichte der populären Musik verändert hat, gesungen in 1823 verschiedenen Versionen, als würde es mit jedem neuen Auftritt nicht nur immer älter, sondern auch immer jünger. „For ever young“ – das ist Dylans Verheißung an die selbst gesungenen Lieder.

Die Quellen, aus denen sie schöpfen, sind freilich so archaisch und modern zugleich und so originell miteinander verschmolzen, dass Dylan, dieser „urbane Huckleberry Finn“, nach dem Befund des Vortrags des Literaturwissenschaftlers und Leibnizpreisträgers Heinrich Detering einem „wandernden Song-Lexikon“ der Weltkultur gleicht. In der Wechselrede und im Dialog mit dem Lyriker und Poetologen Harald Hartung und dem Musikwissenschaftler Richard Klein wurden die heterogenen Zuströme erkundet, aus denen der Songdichter seine Inspiration und das Material für einen Liedschatz bezieht, den er wie ein Archivar pflegt, wie ein Forscher kommentiert, als Künstler aber beständig interpretiert und reinterpretiert.

Die pseudonymen Rollenspiele die Dylan im Laufe seiner langen Karriere mit seinem Namen anstellte und das konstante Maskenspiel mit der eigenen Identität haben demnach mehr als nur idiosynkratische Gründe, sondern sind ästhetisches Programm: Es zielt auf die Archivierung und in der lebendigen Performance von Körper und Stimme auf die Vergegenwärtigung der in vorwiegend anonymen oralen Überlieferungen verlaufenden Ursprungsmythen Amerikas. In dem Maße aber, wie Dylan dabei selbst zum populären amerikanischen Mythos und zu einem Urphänomen unserer Gegenwart – jedenfalls ihres letzten halben Jahrhunderts – geworden ist, entzieht er sich solcher Bestimmung, indem er seine Anhängerschar immer wieder gründlich enttäuscht und – wie Detering sehr schon ausführte – die berühmte Rimbaud-Rolle des „Ich bin ein Anderer“ derart reinszeniert, dass er auch immer schon woanders ist, als da, wo seine Fans scheinbar mit ihm und durch seine Songs gerade angekommen sind. Vielleicht ist Bob Dylan ja der einzige Mythos unserer Gegenwart, der sich vor unseren Augen und Ohren beständig selbst zersetzt.

Im Anfang, als alle Welt Amerika war, waren Poesie und Gesang bekanntlich noch eins. Zeigte Detering am Beispiel Dylans, wie Lyrik mitunter aus den „lyrics“ der Pop- und Rock-Kultur hervorgeht, verfolgte Harald im Gegenzug die Wege „zurück von den „lyrics“ zu deren Anschlussstellen mit den Traditionen der amerikanisch Lyrik von Walt Whitman – amerikanisches Gegenmodell zu Baudelaire und bereits ein „Dichter der Massen-Demokratie“ – über Ezra Pound, William Carlos Williams bis zu den Schulen des Beat and Pop. Zwar wollte Hartung darauf beharren, dass Lyrik „keiner Ergänzung durch andere Kunstmittel“ bedürfe, doch müsse dies ja „nicht ewig so weitergehen“. Schon Allan Ginsbergs „Howl“ ließ ganz andere Töne erklingen, die sich in den Performanzen der Pop- und Rockmusik dann auch realisierten: Musikgeschichtlich ist damit eine Epoche eröffnet, in der die Stimme wieder die Hauptrolle spielt. Aber was für eine Stimme! Klingt sie im Falle Dylans, dem Richard Klein ein meisterhaftes Pionierwerk gewidmet hat: „My Name It Is Nothin'. Bob Dylan: Nicht Pop, nicht Kunst“ (Lukas Verlag, Berlin 2006), nicht dem Geheul des Kojoten in den an biblische Landschaften erinnernden Wüsten und Prärien Amerikas? Und ähneln Dylans Liedtexte nicht den Psalmen und den Reden alttestamentarischer Propheten?

Dieser Beitrag erschien erstmals in der Süddeutschen Zeitung anlässlich der Eröffnung der Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag von Bob Dylan in der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur.

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erstellt am 24.5.2016

Bob Dylan
Bob Dylan in »Pat Garret and Billy the Kid«

Trailer zu »Pat Garret and Billy the Kid«