Euthanasie ist ein Euphemismus. Wofür dieser Begriff bei den Nationalsozialisten stand, ist Massenmord. Sie haben der Ärzteschaft nicht nur die Lizenz zum Töten der Menschen, die sie für geistig oder psychisch behindert hielten, erteilt, sondern sie dazu beauftragt. Carola S. Rudnick erinnert in dem Buch „Den Opfern ein Gesicht, den Namen wieder geben“ am Beispiel von zwölf Lebensgeschichten an die getöteten Kinder und Jugendliche, in einem zweiten, „Leistet nichts. Zu schwach. Nicht einsatzfähig“, an die Hintergründe zu Gräbern von ‚Patienten’ in Lüneburg. Thomas Rothschild stellt die Bücher vor.

Euthanasie-Opfer im Nationalsozialismus

Geschichtsschreibung und Moral

Zu den immer noch nicht adäquat wahrgenommenen und gesühnten Schandtaten der Nationalsozialisten gehört die massenhafte Tötung von so genannten, insbesondere geistig oder psychisch Behinderten. Im kollektiven Unbewussten spielt die Erinnerung daran vielleicht eine kleine Rolle, wenn die Frage der Euthanasie in Deutschland anders diskutiert wird als in Ländern, die sich des gezielten Missbrauchs dessen, was man gelegentlich euphemistisch den „Gnadentod“ nennt, nicht schuldig gemacht haben.

Die Behinderten haben keine Lobby, jedenfalls nicht, wenn es darum geht, die Vergangenheit des Kollektivs, dem sie – unfreiwillig – angehören, aufzuarbeiten. Und das Interesse an ihrem Schicksal ist gering. Umso bewundernswerter ist die Arbeit der Historikern Carola S. Rudnick, die sich in einer Ausstellung, dem dafür gedruckten Katalog und einer zweiten Publikation zur Advokatin der vergessenen Opfer gemacht hat. Dass die beiden Veröffentlichungen in kleinen Verlagen erschienen sind, von denen einer nicht mehr existiert, ist kein Versehen. Die Zeiten, da es große Verlage als ihre moralische Pflicht betrachtet haben, solche sicher nicht massenhaft verkäuflichen Bücher über populärere Titel zu finanzieren, sind vorbei. Geschäfte kann man mit den Geschichten unschuldiger Mordopfer nicht machen. Kennen sollte man sie schon. Ihre Mörder waren und sind, so sie nicht eines natürlichen Todes gestorben sind, unsere Nachbarn, angesehen, wohlgelitten, niemals zur Verantwortung gezogen und frei von Gewissensbissen.

Die zwölf Lebensgeschichten, die unter dem Titel „Den Opfern ein Gesicht, den Namen wieder geben“ in dem Katalog zur gleichnamigen, 2014 gezeigten Ausstellung der Bildungs- und Gedenkstätte „Opfer der NS-Psychiatrie“ in Lüneburg dokumentiert sind, können nur als Beispiele für ein Verbrechen gigantischen Ausmaßes gelten, dessen Aufdeckung schwierige und umfangreiche Recherchen erforderte und bis in die Gegenwart massiv behindert wurde. Der Katalog schätzt die Zahl der Opfer auf 420000 Zwangssterilisierte, 5000 in „Kinderfachabteilungen“ ermordete Kinder und 200000 bis 300000 ermordete erwachsene Psychiatriepatienten. In Lüneburg, von wo die beschriebenen und mit Fotos und Schriftstücken illustrierten Fälle stammen, wurden zumindest 300 bis 350 Kinder getötet.

Carola S. Rudnick erzählt die Biografien minutiös, in einer fast literarischen, zugleich aber sachlichen Sprache. Stellenweise fühlt man sich an Robert Walser erinnert. Sie verzichtet auf Bewertungen und lässt die grauenvollen Fakten für sich sprechen. Sie gibt den Opfern nicht nur ein Gesicht und einen Namen, sondern auch ihre Würde. Das bringt sie freilich nicht zum Leben und die Täter nicht vor ein Gericht. Man kann diese Lebensläufe, von denen der längste vierzehn und der kürzeste nicht einmal fünf Jahre umfasste, nicht ohne Zorn, Empörung und Trauer lesen. Ermittlungsverfahren gegen die Ärzte Max Bräuner und Willi Baumert wegen Mordes wurden, nachdem sie bereits 1949 wegen „Mangels an Beweisen“ eingestellt worden waren, nach einer Wiederaufnahme auf der Grundlage neuer Erkenntnisse 1966 endgültig mit der Begründung eingestellt, „beide seien schlechter gesundheitlicher Verfassung und somit prozessunfähig“. Das Argumentationsmuster ist uns vertraut. Es bewahrte auch den berüchtigten österreichischen Psychiater Heinrich Gross vor der gerechten Strafe für seine Verbrechen.

Manchmal ist Rudnick auf Vermutungen angewiesen, manche offenen Fragen lassen sich heute nicht mehr beantworten. Dass die behandelnden Ärzte und Pflegerinnen über die Todesursachen gelogen haben – in der Regel wurde gegenüber den Angehörigen und in den Akten „Lungentuberkulose“ oder „Lungenentzündung“ angegeben –, ist, wo man es nicht nachweisen kann, mit an Gewissheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen. Alles, so unübersehbare Widersprüche in den offiziellen Mitteilungen, spricht für gezielte Tötung der Kinder durch Luminal.

Die zweite Publikation, „Leistet nichts. Zu schwach. Nicht einsatzfähig“, geht den Schicksalen von ausländischen Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg nach, die auf der dortigen Kriegsgräberstätte beerdigt sind. Auch sie werden namentlich aufgeführt. Und auch unter ihnen finden sich vier Kinder.

In jedem Dorf erinnert ein Denkmal an die Soldaten, die für Hitler gefallen sind. Für Hitler? Die Verbrechen der Wehrmacht, die mittlerweile nur noch von Hardlinern bestritten werden, haben dieser Ehrung nichts anhaben können. Sei's drum. Für die hilflosen Kinder und die ausländischen Patientinnen und Patienten, die an der „Heimatfront“ ermordet wurden, gibt es keine Denkmäler. An sie erinnern die beiden Publikationen von Carola S. Rudnick. Immerhin.

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erstellt am 22.5.2016

Carola S. Rudnick
Den Opfern ein Gesicht, den Namen wieder geben
Zwölf Lebensgeschichten von Kindern und Jugendlichen der Lüneburger „Euthanasie“-Maßnahmen

Carola S. Rudnick
Leistet nichts. Zu schwach. Nicht einsatzfähig
Hintergründe zu den Gräbern ausländischer Patientinnen und Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg

Husum Druck- und Verlagsgesellschaft, Husum
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