Filmstill (Screenshot)

Adolf Winkelmann hat den Roman „Junges Licht“ aus dem Jahr 2004 verfilmt. Der Stoff ist im Bergbaumilieu des Ruhrgebiets angesiedelt und erzählt die Geschichte eines Heranwachsenden in den begrenzten Verhältnissen einer Kleinfamilie der 60er Jahre. Riccarda Gleichauf hat sich von dem Film berühren lassen.

»Junges Licht« von Adolf Winkelmann

Ruhrpottromantik

Filmbesprechung von Riccarda Gleichauf

Graue Rauchschwaden aus den Kohlebergwerken bilden die Landschaft im Ruhrgebiet der 60er Jahre. Immer wieder eingeblendet, verdecken sie die Sicht auf das, was in den Arbeiterhäusern der Kleinfamilien passiert, legen einen Schleier über die trostlosen Begebenheiten, die sich in den kühl wirkenden Steinkäfigen abspielen.

„Junges Licht“, die Verfilmung nach dem gleichnamigen Roman von Ralf Rothmann, erzählt aus Sicht des 12-jährigen Julian eine Kindheit, in der individuelle Sorgen nicht zu Hause besprochen, sondern mit dem Kochlöffel auf den Hintern beantwortet werden. Denn auch die Eltern schweigen sich bei Tisch aus, anstatt persönliche Probleme zu besprechen, weil es die gar nicht geben darf und jeder in seiner geschlechtsspezifischen Rolle zu funktionieren hat. Dabei könnte die dunstige, melancholische Kulisse durchaus romantische Geschichten zulassen, wenn Leben nicht mit Arbeit gleichgesetzt werden würde, sondern mit Lebendigkeit.

Der Regisseur Adolf Winkelmann versteht es meisterhaft, mithilfe unterschiedlicher Farbeinblendungen, die Stimmungen von Julian auf den Zuschauer zu übertragen. So wechselt der Farbfilm immer dann in Schwarzweiß, wenn dieser das elterliche Treppenhaus betritt und weiß, dass es demnächst Prügel setzen wird. Traumszenen sind wiederum in rotes Licht getaucht – in den Momenten etwa, in denen der Junge von einer freien Existenz in einer Kokerei träumt, weil er anders leben möchte als sein Vater (Charly Hübner) unter Tage. Im Bergwerk bohrt der Vater Tag für Tag, Nacht für Nacht nach einer Wahrheit, die er nie finden wird, weil er es, anders als sein aufgeweckter Sohn, verlernt hat, voller Neugierde und Wissensdurst diese seltsame Welt verstehen zu wollen. Fragen werden von den Kindern gestellt – Antworten müssen sie sich selbst geben.

Selten gelingt es einem Regisseur, die Stimmung einer Romanvorlage derart authentisch in einen Film zu übertragen. Das liegt insbesondere, wie bereits erwähnt, an den Lichteinstellungen, die das Seelenleben von Julian immer wieder untermalen. Gerade die Schwarzweiss-Sequenzen erinnern dabei stark an Filme von R. W. Fassbinder, weil sie die gleiche leere, emotionale Trostlosigkeit der Nachkriegsgesellschaft thematisieren.

Die Erwachsenen zeigen kein Interesse an den Rätseln des Lebens, und so braucht es den aufgeweckten Blick eines von Gott und der Welt unverstandenen, einsamen Kindes, um der Möglichkeit von Freiheit Raum zu geben. Die tief empfundene Verlassenheit des Jungen, eindrücklich gespielt von Oscar Brose, führt dazu, dass Licht ins Dunkel der Rauchschwaden dringt und die ganz eigene Wahrnehmungswelt des Kindes die Umwelt, zumindest für Momente, in bunte Farben taucht.

Tief berührend wird deutlich, dass „Junges Licht“ nicht nur exemplarisch irgendeine Ruhrpottkindheit in den 60er Jahren auf die Leinwand bringt, sondern die (noch) ganz eigene, befreiende Wahrnehmungs- und Erkenntniswelt der Kinder im Allgemeinen.

Kommentare


Bernd Mosblech - ( 23-06-2016 02:10:59 )
und so braucht es den aufgeweckten Blick eines von Gott und der Welt unverstandenen, einsamen Kindes,

WARUM ERWÄHNEN SIE NICHT DDEN MANN ODER DIE FRAU AN DER KAMERA ?

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erstellt am 21.5.2016