Zum 65. Mal ist in Köln der „Hörspielpreis der Kriegsblinden” verliehen worden. Ausgezeichnet wurden in diesem Jahr Sibylle Berg und Marina Frenk für das Hörspiel „Und jetzt die Welt!“. Träger des Preises ist der Bund der Kriegsblinden und seit 1994 auch die Film- und Medienstiftung NRW.

Foto: Petra Kammann

Juryvorsitzende Anna Dünnebier, Petra Müller, Chefin der Film-und Medienstiftung NRW, Sibylle Berg, Hans-Dieter Hain, Vorsitzender der Jury der Kriegsblinden

Hörspielpreis der Kriegsblinden

Wie ein doppelter Espresso:

Das Hörspiel lebt…

Ein Beitrag von Petra Kammann

„Und jetzt die Welt!“ . Der Titel des in diesem Jahr ausgezeichneten Hörspiels von Sibylle Berg hat bereits programmatischen Charakter. Indem Sibylle Berg die Orientierungslosigkeit und Wut junger Frauen im Zeitalter des Postfeminismus aufs Korn nimmt, präsentiere das Hörspiel, so die Juryvorsitzende Anna Dünnebier, eine „lebendige Botschaft aus dem Hier und Jetzt“.

Die in Moldawien geborene Schauspielerin Marina Frenk, die zur Entgegennahme des Preises in Köln leider nicht zugegen sein konnte, weil sie am gleichen Abend im Maxim Gorki-Theater auf der Bühne stand, war in diesem Hörspiel mit ihrer wandlungsfähigen Stimme gleich in vier verschiedene Rollen geschlüpft: In junge, so coole wie verzweifelte Frauen der Generation Praktikum, denen im digitalen Zeitalter trotz Skype, SMS, Chat, und Telefon das eigentliche Lebensziel abhanden gekommen zu sein scheint. Frenk hat sich deren „Schicksal“ förmlich einverleibt. Sie sinniert, chattet, spottet, singt, trällert, röchelt ohne Punkt und Komma, zeigt sich bisweilen jedoch auch warmherzig und melancholisch. Dieses atemlose Stück „voll ätzender Komik und tiefer Verzweiflung, zum Lachen, wenn man denn nicht heulen muss“, werde von Marina Frenk „grandios dargeboten“, fasst die Autorin Anna Dünnebier für die Jury das Urteil über die MDR-Produktion zusammen.

Frenks stimmliche Präsenz, ihr Changieren zwischen Furor, Rasanz, Verzweiflung, emotionaler Verletzlichkeit und Liebessehnsucht trägt das Stück auch bis zum Ende. Regisseur Stefan Kanis hatte das „Schauspiel des Jahres 2014“ von Sibylle Berg für den MDR als Hörspiel transformiert. Er sprach bei der Preisverleihung im Kölner WDR über die Reibungsfläche, die ihm der Text bot und auch über die hervorragende Zusammenarbeit mit „Marina Hypertalent“. Kanis hatte mit der Schauspielerin und Performerin Frenk zuvor schon musikalisch gearbeitet, denn sie ist auch Sängerin der Folk-Gipsy-Band „Kapelsky“ und der ElectroTanz-Band „The real Baba Dunyah“.

Kanis lobte, dass Marina Frenk ein unmittelbares Verhältnis zum Text gefunden und gleich erfasst habe, was Sybille Bergs „Textmaschine liefert“. Sie habe den Text sofort gespielt, musikalisch adaptiert und eigene Lieder zum Stück beigesteuert. Die Auszeichnung für das Hörspiel wirke daher in der „Nischenwelt des Hörspiels wie ein doppelter Espresso“. Diese souveräne Zusammenarbeit rechtfertige die Entscheidung der Jury, Marina Frenk gleichwertig neben Sibylle Berg als „Mit-Urheberin“ auszuzeichnen.

Vom Hörspielpreis der Kriegsblinden, der auch als „Hörspiel-Oscar“ bezeichnet wird, heißt es in den Statuten: “Der Hörspielpreis wird jährlich für ein von einem deutschsprachigen Sender konzipiertes und produziertes Original-Hörspiel verliehen, das in herausragender Weise die Möglichkeiten der Kunstform realisiert und erweitert.“

In den Gewinnerstücken des Hörspielpreises der Kriegsblinden wird immer schon mit der Form experimentiert. In dem 2011 auszeichneten Hörspiel von Robert Schoen „Schicksal, Hauptsache Schicksal“ nach Motiven von Joseph Roths „Legende vom heiligen Trinker“ hat der Radioperformer Lorenz Eberle ebenfalls mit der eigenen Stimme Sogkraft zu entfalten vermocht und dem Fiktiven Authentizität verliehen. Das zum Teil brillant improvisierte Solo machte auch aus ihm einen Mit-Autor des Hörspiels.

Zwanzig Einreichungen hatte die 10-köpfige, paritätisch aus Blinden und Fachkritikern zusammengesetzte Jury, insgesamt zu beachten. Nominiert hat diese auch zwei weitere herausragend welthaltige, wenn auch sehr verschiedenartige Stücke wie „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz (SWR) und Andreas Ammers dokumentarische Hörspielparodie „The King is gone“ (BR). Lotz schickt zwei Bundeswehrsoldaten in Afghanistan auf eine Reise, die an Joseph Conrads Klassiker „Herz der Finsternis“ und Coppolas während des Vietnamkriegs spielende „Apocalypse now“ erinnert. Lotz überträgt die „Reise“ auf die heutige Weltlage und zeigt die Entgrenzung des Horrors in den verschiedenen Krisengebieten. Sein Hörspiel arbeitet mit imaginären Landschaften, Überblendungen realer Orte und Namen und lässt die politische Realität zum zynischen Albtraum werden.

Andreas Ammer, dessen Einbindung von Pop-Elementen und Live-Mitschnitten die Hörspieldramaturgie verändert hat, war bereits zweimal mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet worden: 1995 für „Apocalypse live“ und 2001 für „Crashing Aeroplanes“. Diesmal macht er uns mit dem bisher eher unbekannten und völlig naiven bayerischen Monarch Ludwig III. vertraut, der die Welt nicht mehr begreift, als er am Ende des Ersten Weltkriegs von der Revolution überrascht wird und vor ihr flieht. Improvisation spielt auch hier eine große Rolle. Eine Woche lang wurden in einem bayerischen Wirtshaus im Schützenkeller die O-Töne des Blasorchesters „The Notwist“ aufgenommen. Als die Revolution ausbricht, spielt die „Blaskapelle“ Hochzeitsmusik …

Eigentlich hätten alle drei Stücke den Preis verdient, was Sibylle Berg, als sie gefragt wurde, wie sie sich fühle, zu der Bemerkung veranlasste: „Es fühlt sich sehr schön an. Aber es ist peinlich. Alles ist preistoll. Überlegt doch mal, und macht drei daraus!“

Hörspiel zum Nachhören unter:

www.mdr.de

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erstellt am 21.5.2016

Sybille Berg, Foto © MDR
Sybille Berg, Foto © MDR

Die Autorin Sibylle Berg

Sibylle Berg, 1962 in Weimar geboren, verließ 1984 die DDR und lebt heute in Zürich. Seit ihrem Debüt „Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot“. 1997 hat sie fünfzehn Bücher veröffentlicht, zuletzt „Der Tag, als meine Frau einen Mann fand“. Ihre Theaterstücke („Helges Leben“, „Hund, Frau, Mann“, „Hauptsache Arbeit!“, „Nur Nachts“, „Die Damen warten“, „Angst reist mit“ u.a.) werden an zahlreichen Bühnen im In- und Ausland gespielt. „Und jetzt: Die Welt“ wurde von der Zeitschrift „Theater heute“ zum deutschsprachigen „Stück des Jahres 2014“ gewählt.

Marina Frenk, Foto © MDR
Marina Frenk, Foto © MDR

Die Sprecherin und Musikerin: Marina Frenk

Marina Frenk liefert ein großes Solo in dieser Produktion. Die junge Künstlerin spielt und singt Songs von „Ton, Steine, Scherben“, Rainald Grebe und Udo Jürgens, interpretiert und arrangiert sie auf ihre eigene Art. Außerdem hat die 29-Jährige eigene Lieder beigesteuert.
Die Schauspielerin und Sängerin Marina Frenk wurde 1986 im moldawischen Chisinau geboren. Im Alter von sieben Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland. Von 2005 bis 2008 studierte sie Schauspiel an der Folkwang-Hochschule Essen. Sie spielte am Grillo Theater, am Schauspielhaus in Bochum, am Centraltheater Leipzig, am Schauspiel Köln und dem Maxim-Gorki-Theater Berlin. Marina Frenk ist zudem Sängerin der Folk-Gypsy-Band „Kapelsky“ und der ElectroPunk-Band „The real Baba Dunyah“.