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Klaus Reichert, Jahrgang 1938, ist für die einen der streitbare Gelehrte, der gegen die Zerstörung des deutschen Bildungssystems durch die Bologna-Beschlüsse zu Felde zieht, oder der Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung, der nicht müde wird, die Verwandlung der präzisen deutschen Wissenschaftssprache in einen nivellierten angloamerikanischen Exzellenzcluster-Jargon zu kritisieren. Für die anderen ist er der renommierte Anglist, der sich mit seinen Übersetzungen (Shakespeare, Joyce) hervorgetan hat und dabei auf das Un-Angemessene von Übersetzungen gestoßen ist, oder der Stratege, der die interdisziplinäre Renaissanceforschung befördert hat. Rechnet man noch die umfangreiche Tätigkeit des Essayisten und Herausgebers hinzu, ist der Poet kaum noch ins biographische Bild zu ziehen, als den er sich doch entworfen hat.

Was hat ein Frankfurter Gelehrter in der Wüste des Sinai zu suchen? – Zunächst einmal das, was er in Frankfurt nicht finden kann: nicht nur Abwesenheit all dessen, was seine Existenz definierte, Stille und Ruhe, sondern Grenzerfahrung und Erfahrung der eigenen Grenzen. Nun geht er nicht allein in die Wüste, sondern in Begleitung von Nomaden und deren Kamelen. Den größten Widerstand gegen die ungestörte Hingabe an die Leere muß er aber in sich selbst überwinden. Das Wissensgepäck läßt sich nicht abschütteln; und paradoxerweise fordert das Tagebuchschreiben – allein das Schreiben! – den Vergleich, die Assoziation und andere Gedankenspiele ein, die Sinneseindrücke nur als vermittelte zulassen. Diesen Widerspruch hat Klaus Reichert mit seinem Journal fruchtbar gemacht. Seine Notate geben uns eine detaillierte Vorstellung vom Alltag in der Wüste, von den Entbehrungen und Zumutungen, die sich zwanglos mit Naturbetrachtungen zu Lande und am Himmel verflechten, mit Träumen und Selbstreflexionen über Ungeduld, Langeweile und Einsamkeit. Diese kurzweilige, von frappierenden Sprachbildern durchzogene Mischung, die mit Zeichnungen von Marion Victor ergänzt ist, hält das Wüstenprotokoll perfekt zusammen. Das Schönste aber ist diese unkomplizierte und bedachte Sprache, die das Groteske und das Berührende pointiert und mit melancholischer Leichtigkeit präsentiert.
Bernd Leukert

Journal einer Reise

Wüstentage

Von Klaus Reichert

Stark bewölkt und windig, daher kalt. Wenn die Sonne einmal durchkommt, wird es wärmer, aber sie kann sich gegen den durch nichts gehemmten wütenden Wind nicht durchsetzen, der Wolkengebirge vor sich her peitscht. Nach überlanger Rast um eins weiter, jetzt, um drei, ist schon wieder Schluß, und die Burschen wollen für die Nacht rüsten, obwohl es noch drei Stunden bis dahin ist. Ich glaube, sie sind faul oder haben keine Lust, mit einem unergiebigen Schweiger dahinzuziehen. Oder folgen sie einem anderen, inneren Zeitplan, der kein Plan ist nach meinem Verstand?

Läfi schnieft und niest ständig, schneuzt sich dabei in den Zipfel seiner Kefiya oder den Rock seiner Dschalabiya. Als ich ihn frage, wie man sich in der Wüste einen Schnupfen hole, meiner sei ja hier weggetrocknet, sagt er, er bete täglich fünfmal, müsse dafür Gesicht, Hände und Füße waschen: daher. Den Seinen machts der Einzige, Große also auch nicht leicht. Ich verstehe aber jetzt, wofür wir die dreimal zwei Wasserkanister um die Bäuche der Kamele brauchen: für das bißchen Brot, Eintopf und Tee, für das Säubern der Hinterteile mittels der in einer Plastikflasche abgezapften Ration hinter einer Felsnase ohne Papier, vor allem aber für den fünfmal täglich anzubetenden Allah, gelobt sei Er, der uns kein Wasser zum Zähneputzen gönnt. Der Bedarf Allahs an Wasser ist größer als unserer. Essen, Scheißen, Gott – die drei Grundbedürfnisse in der Wüste, für die Wasser mitgeschleppt werden muß.

Wir waren weiter ins Gebirge geritten, manchmal durch hohe, enge Schluchten, manchmal durch breite Ebenen, die nicht das sind, was wir Täler nennen, weil sie – so möchte ich es mir vorstellen – im Frühjahr vom Wasser geflutet sind und jetzt rissig vor sich hindösen. Vielleicht stimmt das nicht, denn die Beduinen reden immer wieder von dem ihre Existenz bedrohenden Wassermangel. Vielleicht ist es nur der Wind, der in den Ewigkeiten seiner Dauer dieses Immergleiche geschaffen hat.

Ein langer weißer Bergzug hat eigenartige vertiefte Muster, die wohl durch jahrtausendelange Auswaschungen, bei denen der Wind kräftig mitgewirkt hat, entstanden sind. Sie sehen aber durchaus ›gemacht‹ aus, von einem Titanenwillen hingeballt, nicht mit der Zeit entstanden, als hätte ein gigantischer Bildhauer hier sein Handwerk in bizarren Formen ausprobiert. Oder als wollte die Trostlosigkeit bewahrt werden: Schaut hin, glotzt nicht so romantisch! Oder als hätten Riesen eine Botschaft in ihrem Zyklopenalphabet hinterlassen, die noch der Entzifferung harrt. In der Ferne, auf einem langgezogenen, rosaweiß glühenden Bergkamm, gerät etwas in den Blick, das wie eine chinesische Mauer vor einem vorzeitlichen Königreich aussieht, ganz regelmäßig aufgeschichtet, mit Mörtelabsätzen dazwischen. Als ich es mit dem Fernglas heranhole, sind auch das Felsformationen im Kalkstein. Oder ist es eine der von Jesus verfluchten Städte, Chorazin oder Bethsaida, vom Fürsten der Luft nach hier versetzt? Vielleicht sind die Erscheinungen beides: verwunschene Städte, die aber dem profanen Auge ihr Geheimnis nicht preisgeben und sich unter dem zudringlichen Blick in bröckeliges Gestein verwandeln. Sie erinnern jetzt an die Säulen Salomos im Timna-Tal in der Negev-Wüste, nur sind sie viel viel höher und weiter.

Als die Kamele entladen waren, sind sie sofort davongaloppiert in die weite Ebene auf Futtersuche, die Führer sind auch ausgeschwärmt auf der Suche nach Holz. Ich habe nie verstanden, warum Abraham, als er sich aufmacht ins Land Morija, um Isaak zu opfern, Holz spaltet und mitnimmt. Hätte er nicht an der Opferstatt welches gefunden? Oder während der dreitägigen Reise durch die Wüste? Vielleicht, vielleicht nicht. Jetzt weiß ich, daß Holz hier so rar und kostbar ist wie Wasser, und begreife die Stelle, die Vorsorge des Patriarchen. Es ist alles dabei: das Holz, das Feuer, das Messer.

Ich sitze auf einem halbwegs windgeschützten Stein mit der Sonne im Südwesten vor mir. Sie scheint noch stark, wärmt aber kaum, und das bißchen Wärme nimmt der Wind. Mubarak kommt auf seinem Holzgang vorbei und trägt trockene Akazienäste über der Schulter.

Ich langweile mich. Ist das das Abenteuer, auf das ich so gespannt war? Es ist eine Leere um mich und in mir – seit ich hier bin, war es erst gestern?, eine saugende, vampirhafte Leere –, die mich auf einmal neugierig macht. Wie genau die Tage in unseren Gesellschaften geplant sind, über jede Stunde ist verfügt, manchmal müssen wir Abläufe koordinieren, leben in verschiedenen Zeitschichten gleichzeitig. Hier ist das Leben nur abhängig vom Sonnenauf- und -untergang, vom Holzsuchen, von Wasserlöchern gelegentlich und daß wir einen geschützten Platz finden fürs Feuer und zum Schlafen. Es ist schwer, dieses Nichtstun auszuhalten. Ich habe mich dem noch nie ausgesetzt, ja, ich fühle mich ausgesetzt, fremd, extraneus. Ohne Bücher, Bilder, Musik und Gespräche, von denen ich abhängig bin oder vielleicht war. Es ist eine Art Ausgeliefertsein. Aber wem ausgeliefert? Und was wird es mit mir machen? Versuche ich, es von mir wegzudrücken, mich ihm nicht zu stellen, indem ich bei jeder Rast vor mich hin schreibe, mich bediene aus dem Gepäck im Kopf, das ich mitgebracht habe, mich festhalte an dem, was ich ›weiß‹? Werden sonst zottige Bestien mit gräßlichen Fratzen aus meinem Inneren aufsteigen? Ach, das ist etwas für die Erzählungen der Wüstenväter.

Trotzdem graust mir vor der kommenden Nacht.

Die längste und kälteste Nacht bis jetzt, zwölf Stunden. Hier vergeht die Zeit nicht; wie das Kamelgerippe nach unserem Maß nicht vergeht. Sie steht. Ich schaue auf die langweiligste Konstellation, das gleichschenklige Dreieck, schließe die Augen, döse, brüte, öffne sie wie mir scheint nach einer Ewigkeit wieder, doch sie hat sich nicht vom Fleck gerührt. Sie steht. Fühllose Dauer. Ich döse. Die Kälte ist auszuhalten. Nicht die Gedanken. Wenn sie kommen, gehen sie im Kreis wie Esel, die ein altes Mühlrad treiben. Oder sie sirren wie eine Mücke, die ich erschlagen muß. Hier und jetzt.

Irgendwann wache ich auf, weil die Blase drückt, denke, es ist Morgen, aber es ist erst Mitternacht. Der Jäger Orion steht in voller Montur im Zenit, aber ich bin zu schläfrig, lustlos und kalt, mich in seinen Anblick und seine Umgebung einzulesen. Es ist schwierig, wieder in alle Wärmeschichten richtig hineinzukriechen, wenn man draußen war, der Wind streicht überall hindurch. Als ich endlich liege, beginnt es am rechten Arm zu kribbeln. Eine Ameise. Ich versuche, sie durch die verschiedenen Stoffschichten zu erdrücken, was nicht gelingt. Sie kribbelt an anderer Stelle weiter. Am Ende muß ich mich doch aufraffen, die vier oder fünf Ärmel zu befreien, und kriege sie tatsächlich zu fassen. Ameisen und Sterne – für mein Auge sind sie gleich groß, gleich unzählbar, und beide älter als das Menschengeschlecht.

Um sechs aufgestanden. Alles schmerzt, der Rücken vom langen Liegen, der Bauch, die Beine. Die Nase läuft. Eine Mischung aus Mißmut und Depression: Was suche ich hier überhaupt? Kann ich durchhalten? Um was zu finden? Einkehr, Reinigung – für mich sind das Vokabeln aus einem Lexikon untergegangener Wörter. Aber es gibt jede Sekunde das Glück reinen, freien Atmens in einer duftlosen, vom Wind immer aufgefrischten Luft. Reicht das denn nicht?

Mubarak hat schon Feuer gemacht, gibt mir ein Glas heißen Tee in die klammen Hände. Er knetet den Brotteig auf einem Maissack, legt den Fladen in die heiße Asche, andere Glut häufelt er vom Rand darüber.

Ich habe Zeit. Ist es das, was so schwer auszuhalten ist? Dabei versuche ich, dieses unverhoffte Geschenk zu nutzen, indem ich schreibe. Spüre ich die Zeit als Leere, die ich durch Schreiben auffüllen oder vernichten will? Die Zeit totschlagen? Aber ich habe ja eine Absicht: Ich will die Wüste beschreiben, ihre Eintönigkeit und trostlose Schönheit, und merke, daß ich das nicht kann. Immer kommen mir Vergleiche in den Sinn: Sie sind ein Rückübersetzen von etwas Unfaßbarem, ja, Unfaßbarem in den eigenen Horizont des Verstehens, des Wiedererkennens, auch des Träumens. Dabei sind die Wüsten, wie die Wolken, nicht wie …, sie sind. Sind, was sie sind. Ich will also etwas sagen, was nicht zu sagen ist, wie die Liebe, der Schmerz, der Tod, die Trauer, das Glück. Ich habe nicht die Sprache, die dem langsamen Fahren einer Kamera vergleichbar sein müßte. Ich kann allenfalls ein paar Feststellungen treffen:

- Die Wüste ist das Immergleiche und das Immerverschiedene. – Das Gleichmaß der Fortbewegung ohne Beschleunigungen. – Einen Weg finden, wo keiner ist. – Beleuchtung mit länger oder kürzer werdenden Schatten. – Die vom Menschen gemessene Zeit ist bedeutungslos. Wichtig ist einzig der Sonnenstand, der anzeigt, wann wir uns um den Rastplatz für die Nacht kümmern müssen. – Die Zeit, ablesbar am Zug der Sterne. – Das Chaos der Aufschüttungen und bilderlosen Formationen im Großen, die sich in langen Zeiträumen im Wind verändern. Dagegen die starren kristallographischen Ordnungen im Kleinen, in winzigen Steinen, im Sandkorn mit seinen haargenauen Bruchstellen. Die Gitter zeigen die unendliche Wiederholung, der gegenüber die eintönige Wüste ein Karneval des Unvorhersehbaren ist.
– Die Stille. Sie ist nachts so groß
– kann Stille groß sein, oder ist sie eher vollständig, ganz, total, absolut? –, daß mir einmal der Gedanke kam, es könnte dahinter ein ohrenbetäubender Lärm sein, der gleich losplatzen möchte. Wie bei der gefürchteten Meeresstille vor dem großen Sturm.
– Wenn ich den Sternen in ihren Bewegungen lange genug zuschaue, denke ich, sie müßten doch tönen nach alter Weise. Pythagoras hat die Sphärenharmonie als letzter gehört, Kepler hat noch geglaubt, ihr Intervall bestimmen zu können. Wenn wir lange genug in der Stille sind, hören wir vielleicht doch – durch sie hindurch
– etwas noch nie Gehörtes. Ich lege das Ohr ganz dicht an den Boden. – Zu hören manchmal nachts, wenn ein Kamel mit den Zähnen mahlt, wenn ein Beduine sich auf seinem Lager umdreht, der eigene Herzschlag.
– Die Wüste ist Wind aus ständig wechselnden Richtungen. Kälte. – Wüste heißt Holz besorgen, Feuer machen, Steine finden, auf denen der Topf mit dem Wasser fürs Gemüse fest steht, Gemüse zerstückeln und ins Wasser geben.
– Wüste heißt keine Hygiene, aber man stinkt auch nicht.
– Wüste heißt herumsitzen oder auf ein Bündel Kleider oder Decken gelehnt lagern, Tee trinken, schweigen. Warten. Ist der Tee aus der Blechbüchse ausgetrunken, wird nicht aufgebrochen, sondern neuer gekocht.

Das Vögelchen ist wieder da, der Glücksbringer. Es singt jetzt zum erstenmal, fünf Töne: drei gleiche, dann einen Halb-, dann einen Ganzton nach oben. Leider klingt es nicht so anmutig, wie das Vögelchen aussieht. Zwischendurch wetzt es den Schnabel am Stein. Dann ist es auf einmal nicht mehr da. Wie das Glück. …

Zwei Textauszüge aus: Klaus Reichert, Wüstentage © Insel Verlag

Klaus Reichert
Wüstentage
Journal einer Reise
Mit Zeichnungen von Marion Victor
insel taschenbuch
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erstellt am 23.3.2011

Notiz
Die Künstlerin Marion Victor hat auf dem Kamel Thaban, das ihr gehört, mit den beiden Beduinen Läfi und Mubarak oft die Sinai-Wüste auf den gleichen Spuren wie ich durchstreift. Sie hat mit ihrem Mittel, dem Zeichenstift, manches von dem festgehalten, was ich zu beschreiben versucht habe.
Klaus Reichert

Zeichnungen von Marion Victor