Internationaler Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2016

Ausweitung der Lesezone

Der Internationale Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2016 geht an die Autorin Shumona Sinha und ihre Übersetzerin Lena Müller.

Die Jury begründet ihre Wahl für den Roman Erschlagt die Armen! (2015, Edition Nautilus, Original in Französisch: Assomons les pauvres!, Editions de l’Olivier, Paris 2011):

„Die diagnostische Kraft der Literatur: Dieser Roman ist im Original 2011 erschienen und weit mehr als ein Kommentar zur aktuellen Lage. Die in Kalkutta geborene und seit 15 Jahren in Paris lebende Autorin evoziert in einer ebenso wütenden wie poetischen und präzisen Suada ein Drama unauflösbarer Verwicklungen: Es treten Geflüchtete mit ihrer inneren Not, all ihren biographischen Brüchen auf und Beamte einer Asylbehörde mit ihrer inneren Distanz. Der Monolog der Ich-Erzählerin – Dolmetscherin in einer französischen Asylbehörde – vermeidet den paternalistischen Blick wie auch xenophobische Paranoia. In ihrer Zwischenstellung im Niemandsland der Sprachen, Kategorien und Weltverständnisse führt sie unnachgiebig vor, was passiert, wenn die Wahrheit nicht ins Schema passt. Lena Müller hat die raue Prosa Sinhas mit ihren ungebärdigen, die Wirkmacht der Sprache auslotenden poetischen Widerhaken kraftvoll ins Deutsche gebracht.“

Die Autorin: Shumona Sinha, 1973 in Kalkutta geboren, lebt seit 2001 in Paris und studierte an der Sorbonne Literaturwissenschaft. Sie arbeitete als Lehrerin für Englisch an weiterführenden Schulen, seit 2009 als Dolmetscherin in der französischen Migrationsbehörde. Nach dem Erscheinen von Erschlagt die Armen! 2011 verlor sie ihre Anstellung. Sinha veröffentlichte mehrere Romane sowie Gedichtbände auf Französisch und Bengalisch. Erschlagt die Armen! wurde in Frankreich mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Prix du roman populiste 2011.

Die Übersetzerin: Lena Müller, geboren 1982, studierte Literarisches Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim und Erwachsenenbildung und Kulturvermittlung in Paris. Sie ist Mitherausgeberin und Redakteurin der französischsprachigen Zeitschrift timult. Sie arbeitet als freie Übersetzerin und Autorin und war 2015 Stipendiatin am Europäischen Übersetzer-Kollegium Straelen.

Das Fest der Shortlist & Preisverleihung findet dann am 25. Juni im HKW unter dem Motto Ausweitung der Lesezone statt. Zahlreiche der nominierten Autor*innen und Übersetzer*innen sind nach Berlin eingeladen, um ihre Werke in Lesungen, Materialgesprächen und öffentlichen Diskussionen vorzustellen. Die Preissumme des renommierten Preises, der vom HKW zusammen mit der Stiftung Elementarteilchen verliehen wird, ist in diese Jahr neu aufgeteilt und das Gewicht der Übersetzung verstärkt worden. Für den Autor sind 20.000 Euro und für den Übersetzer 15.000 Euro der Preissumme vorgesehen.

Der Preis zählt zu den etablierten Auszeichnungen für internationale Erzählliteraturen der Gegenwart und deren Erstübersetzung ins Deutsche. Sein Ziel ist es, den deutschsprachigen Kanon für jene Literaturen zu öffnen, die jenseits nationaler Erfahrungsräume fiktionale, sprachliche und somit gesellschaftliche Horizonte erweitern.

Wenige Tage nachdem der Internationale Bookerpreis in England vergeben worden war, hatte es auch für dessen Pendant im deutschsprachigen Raum die erste Vorentscheidung gegeben: Die Juroren des Internationalen Literaturpreises 2016 hatte 151 Titel, die aus 31 Sprachen ins Deutsche übersetzt worden sind, gesichtet und eine Shortlist für den ILP 2016 festgelegt. Nominiert wurden Werke folgender Autor*innen: Johannes Anyuru, Joanna Bator, Alexander Ilitschewski, Valeria Luiselli, Shumona Sinha und Ivan Vladislavić. Der ILP wird bereits zum achten Mal im Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehen.

Die Jury hat die diesjährige Shortlist ausgewählt, die folgende Titel, Autor*innen und Übersetzer*innen umfasst:

Johannes Anyuru | Paul Berf
Ein Sturm wehte vom Paradiese her
Schwedisch: En storm kom från paradiset
Luchterhand Literaturverlag 2015 | Norstedts, Stockholm 2012

Joanna Bator | Lisa Palmes
Dunkel, fast Nacht
Polnisch: Ciemno, prawie noc
Suhrkamp Verlag 2016 | W.A.B., Warschau 2012

Alexander Ilitschewski | Andreas Tretner
Der Perser
Russisch: Перс
Suhrkamp Verlag 2016 | Astrel, Moskau 2010

Valeria Luiselli | Dagmar Ploetz
Die Geschichte meiner Zähne
Spanisch: La historia de mis dientes
Verlag Antje Kunstmann 2016 | Editorial Sexto Piso, Mexiko 2014

Shumona Sinha | Lena Müller
Erschlagt die Armen!
Französisch: Assommons les pauvres!
Edition Nautilus 2015 | Editions de l'Olivier, Paris 2011

Ivan Vladislavić | Thomas Brückner
Double Negative
Englisch: Double Negative
A1 Verlag 2015 | Umuzi, Kapstadt 2010

Der Jury gehören im Jahr 2016 an: Die Übersetzerin und Islamwissenschaftlerin Leila Chammaa, der Autor und ehemalige Verleger Michael Krüger, der Schriftsteller und Publizist Marko Martin, die Sinologin und Redakteurin Sabine Peschel, der Literaturkritiker und Kulturjournalist Jörg Plath, die Literaturkritikerin und Journalistin Iris Radisch sowie die Schriftstellerin und Essayistin Sabine Scholl.

Weitere Informationen gibt es in nicht nur auf der Homepage des HKW, sondern auch in einem engagierten Blog, der in Zusammenarbeit mit dem Literaturinstitut der Universität Hildesheim und dem MA-Studiengang „Literatur- und Medienpraxis“ an der Universität Duisburg-Essen realisiert wird.

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erstellt am 18.5.2016

Shumona Sinha © Patrice Normand
Shumona Sinha © Patrice Normand
Lena Müller © Philippe Soubias
Lena Müller © Philippe Soubias
Weitere Informationen

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