Der Kompromiss mag in der Politik zwar nicht der Vernunft, aber wohl dem Friedenswillen dienen. In der Kunst, und da besonders in der Musik, ist er immer faul. Denn das konservative Publikum bekommt damit nicht die fordernde Zeitgenossenschaft zu hören, das neugierige nicht die unwiederholbare Tradition. Thomas Rothschild hat bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen 2016 Überraschungen erlebt.

Ludwigsburger Schlossfestspiele 2016, Teil 2

Virtuosität und Dialog

Kari Kriikku © Marco Borggreve
Kari Kriikku © Marco Borggreve

Das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele setzt sich aus Musikern verschiedener regionaler Orchester zusammen. Nun schon in der zweiten Saison wird es, nach einer Unterbrechung ohne Chefdirigenten, von dem Finnen Pietari Inkinen geleitet. Der Sechsunddreißigjährige schafft es, zugleich Chefdirigent in Prag, in Neuseeland und demnächst auch in Japan zu sein. Orchesterleiter scheinen heutzutage mit den Flugplänen besser vertraut zu sein als mit den Probenterminen dazwischen. Trotz dieser barbiervonsevillahaften Omnipräsenz ist es Inkinen gelungen, die Qualität des Ludwigsburger Orchesters hörbar zu verbessern, den Zusammenklang zu vereinheitlichen, die einzelnen Instrumentengruppen, namentlich die Blechbläser, zu profilieren. Die Interpretation der beiden Tondichtungen „Don Juan“ und „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss beim zweiten von vier Konzerten dieser Spielzeit ließ nichts zu wünschen übrig.
Vorausgegangen aber ist die Begegnung mit einem bei uns wenig bekannten Komponisten aus Inkinens Heimat, mit Magnus Lindberg, Jahrgang 1958. Der hat für den Ausnahmeklarinettisten Kari Kriikku ein Konzert geschrieben, und weil dieses Virtuosenstück nur schwer zu bewältigen ist, trat Kriikku auch höchstpersönlich in Ludwigsburg auf. Lindbergs Klarinettenkonzert ist ein eklektizistisches Konglomerat, eher neoromantisch als neutönerisch. Es geizt nicht mit dramatischen Effekten und, nicht zuletzt, mit Humor. Das ist Kriikkus Ding. Ist Woody Allen ein Komiker, der Klarinette spielt, so ist Kari Kriikku ein Klarinettist, der Woody Allen spielt. Er hüpft herum, schreitet die Rampe ab und legt sich auch mal auf den Rücken. Diese szenischen Einlagen freilich gehen nicht auf Kosten der technischen Meisterschaft und der musikalischen Feinarbeit, wenn etwa Gershwins „Rhapsody in Blue“ anzuklingen scheint oder die Klanggestaltung die rasantesten Läufe übersteht.

Andreas Staier © Marco Borggreve
Andreas Staier © Marco Borggreve

Die Klarinette war auch beim Konzert von Lorenzo Coppola und Andreas Staier die halbe Miete. Der italienische Klarinettist und der deutsche Pianist erwiesen sich nicht nur als hervorragende Musiker, sondern auch als Didaktiker im besten Sinne. Jener erklärte die Eigenarten seiner Instrumente, und dieser machte bewusst, was man gemeinhin nicht bedenkt, dass nämlich zwischen der Entstehung von Brahms' präsentierter Sonate und Schönbergs Sechs kleinen Klavierstücken op. 19 gerade 17 Jahre liegen. Nur weitere 2 Jahre trennen die Schönberg-Komposition von Alban Bergs Vier Stücken op. 5 für Klarinette und Klavier. Ergänzt wurde diese Begegnung zwischen Romantik und Zweiter Wiener Schule um „Fantasiestücke“ von Robert Schumann.
Dass in der Vokalmusik Chöre beim Publikum beliebter seien als kleine Besetzungen, kann man nicht behaupten. In der Instrumentalmusik aber sind Symphoniekonzerte in der Regel besser besucht als Solisten- oder Kammerkonzerte. Woran das liegt? Die simple Logik des „mehr ist besser“ kann es wohl nicht sein, sonst müsste sie auch für Chöre gelten.

Harriet Krijgh und Magda Amara © Marco Borggreve
Harriet Krijgh und Magda Amara © Marco Borggreve

Der besondere Reiz von Duos liegt auf der Hand. Sie ersetzen die Fülle durch Transparenz, die Komplexität durch den Dialog. Man braucht den Musikern nur ins Gesicht zu sehen, um sich davon zu überzeugen, wie sie auf einander hören, sich einander anpassen, mit einander „reden“, auch und gerade dann, wenn sie gleichzeitig, also im engen Sinn „zusammen“ spielen. Das gilt, ebenso wie für Lorenzo Coppola und Andreas Staier, für die 26jährige holländische Cellistin Harriet Krijgh und ihre Partnerin, die russische Pianistin Magda Amara, die drei Tage vor Coppola und Staier im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses auftraten. Auch sie mischten Romantik mit Musik des 20. Jahrhunderts, Mendelssohn Bartholdy und César Franck mit Olivier Messiaen und mit einer Bearbeitung eines Songs von Jim Morrison durch Johanna Doderer, Jahrgang 1969.

Two is company, three's a crowd. An einem weiteren Konzert der diesjährigen Schlossfestspiele war alles ungewöhnlich: Die Besetzung, das Programm, der Ort. Die Wahl des Ortes verdankte sich der Besetzung. Da sie neben einer Trompete und einem Sänger eine Orgel benötigte, begab man sich dorthin, wo eine solche vorhanden ist: in die Evangelische Stadtkirche von Ludwigsburg, deren Orgel erst kürzlich aufwendig restauriert wurde. Auch hier stand Messiaen auf dem Programm, diesmal neben Händel und Bach, neben Brahms, Mahler und Max Reger und neben den – nun ja, man zögert, das Attribut „modern“ zu verwenden – also den vor nicht allzu langer Zeit verstorbenen Komponisten Tōru Takemitsu und Petr Eben. Der Trompeter Jeroen Berwaerts, der zusammen mit dem Organisten Christian Schmitt und dem Bariton Michael Volle den Abend bestritt, nahm die beiden letztgenannten Komponisten zum Anlass, eine Lanze für die Tonalität zu brechen. Aber deren Kompositionen waren, mit Verlaub, nicht nur tonal, sie waren auch reichlich schlicht, um nicht zu sagen: banal. Das – wegen des so gut zu Pfingsten passenden Ortes? – ausverkaufte Konzert hatte ohnedies eher den Charakter eines Experiments. Ob die Kirche der ideale Ort ist, um, unsichtbar, weil von der Orgelgalerie aus, romantische Lieder vorzutragen, kann man immerhin bezweifeln. Und auch der architekturbedingte Hall kommt eher der Orgel als der menschlichen Stimme zugute.

Christina Pluhar © Marco Borggreve
Christina Pluhar © Marco Borggreve

Christina Pluhar und ihr Ensemble L'Arpeggiata gehören zu Ludwigsburg wie der „Jedermann“ zu Salzburg, mit dem Unterschied allerdings, dass sie nicht jedes Jahr das Gleiche liefern. Diesmal bezauberte L'Arpeggiata das Publikum unter dem Titel „Via crucis“ mit einer Folge von vorwiegend italienischen Liedern und Melodien, die sich um eben dieses Thema, den „Kreuzweg“ ranken. Im vergangenen Jahr faszinierte der Cuncordu de Orosei aus Sardinien mit seinem A-cappella-Gesang. Diesmal brachte Christina Pluhar das Männerquartett Barbara Furtuna aus Korsika mit, das, wie der sardische Cuncordu, das schon fast ausgestorbene traditionelle Repertoire auf ebenso traditionelle Weise mit spezifischen Artikulationstechniken interpretiert und das die Vokalisten Céline Scheen und Vincenzo Capezzuto ganz vorzüglich ergänzte. L'Arpeggiata wird am 29. Juni mit einer eigenen Version des Orpheus-Stoffes noch einmal zu sehen und zu hören sein.

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erstellt am 15.5.2016

Pietari Inkinen © Marco Borggreve
Der Finne Pietari Inkinen dirigiert das Schloss-Orchester