Flucht und Migration sind Themen, die eng mit den Folgen kolonialer Politik verbunden sind. Der Filmkritiker Enoka Ayembaim gibt einen Überblick über Filme, die von afrikanischen Filmemachern gestaltet sind und sich bereits seit Jahrzehnten aus afrikanischer Sicht mit den Problemen von Vertreibung auseinandersetzen.

Filme afrikanischer Regisseure

Zwischen uns das Mittelmeer

Flucht und Migration sind beständige Themen im afrikanischen Film

Von Enoka Ayemba

Afrique sur Seine, 1955
Afrique sur Seine, 1955

Er gilt für viele als Geburtsstunde des afrikanischen Films, und er behandelt bereits das Thema Migration: der Dokumentarkurzfilm „Afrique-sur-Seine”, 1955 von einer Gruppe afrikanischer und karibischer Filmstudierender und -interessierter unter der Leitung von Paulin Soumanou Vieyra, Mamadou Sarr und Jacques Mélo Kane (alle aus dem Senegal) sowie Robert Caristan aus Französisch-Guyana gedreht. Der Film zeigt den Alltag von Afrikaner*innen in Paris und deren Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung.
Weil die Kolonialbehörden keine Genehmigung für Filmaufnahmen erteilten, beschränkt sich „Afrique-sur-Seine“ auf Schauplätze in Paris. Wie schon der Titel verrät, liegt der Schwerpunkt in der Sichtbarkeit afrikanischer Migrant*innen in Paris, vor allem von Studierenden, der zukünftigen Elite also, aber auch Arbeiter*innen verschiedener Berufe. Doch der Film ist auch eine Reflexion über mögliche friedliche und rassismusfreie Beziehungen zwischen den zukünftig unabhängigen Staaten und ihrer ehemaligen Kolonialmacht Frankreich.

Der Film der Unabhängigkeit

Die Unabhängigkeit um das Jahr 1960 herum bedeutet für die meisten neu entstandenen Nationalstaaten in Afrika, sich mit den veränderten politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnissen zu befassen und diese, um auf der internationalen Bühne bestehen zu können, möglichst zu verändern und neue zu erschaffen. Die ausgewählte und gewollte afrikanische Migration in die ehemaligen Kolonialländer Europas (vor allem Frankreich und England) zum Studium oder zur Arbeit fand auch nach der Unabhängigkeit weiter statt.
Mit seinem 1966 entstandenen Film „La Noire de…“ über die Geschichte eines jungen Hausmädchens in Antibes (Südfrankreich) zeigt der 2007 verstorbene senegalische Filmregisseur Sembene Ousmane eindrücklich, dass sich die kolonialen Verhältnisse trotz formaler Unabhängigkeit nicht so einfach verändern beziehungsweise verschieben lassen. Die etwas naive Diouana freut sich, als die weiße Französin („Madame“) sie auf dem Hausmädchen-Markt in Dakar engagiert. Sie soll in Frankreich auf ihre Kinder aufpassen und im Haushalt mithelfen. Dort angekommen wird Diouana stattdessen zur dauernd verfügbaren Haussklavin der Familie gemacht und ständig gedemütigt, bis sie rebelliert und sich anschließend das Leben nimmt.
Auch „Le Grand détour“ des algerischen Journalisten und Gelehrten Ahmed Bedjaoui aus dem Jahr 1968 behandelt die legale Arbeitsmigration nach Europa. Amar, der in einem Stadtteil Algiers lebt und mit Gelegenheitsjobs seine dreiköpfige Familie nicht ernähren kann, unterwirft sich verschiedenen Eignungstests, um als Arbeiter nach Frankreich zu kommen. Dort wird er nach einer Polizeirazzia verhaftet und mehrere Tage eingesperrt, weil er seine Papiere nicht dabei hat. Als er wieder entlassen wird, verliert er seinen Job auf einer Baustelle. Ihm wird schließlich ein gut bezahlter Job auf einer großen Plantage in Madagaskar versprochen, nur fährt das Schiff, in das er steigt, nach Algiers.
Die ersten Filmschaffenden haben den Wunsch der Menschen, nach Europa auszuwandern, nicht verteufelt. Schließlich lebten und studierten die meisten von ihnen selbst in Europa. Sie erfüllen einen gewissen Aufklärungsauftrag gegenüber den Zuschauer*innen beider Seiten. Die Menschen in Europa kritisieren sie für ihre rassistische und diskriminierende Mentalität in der Mitte der Gesellschaft. Und die neue afrikanische Elite, weil sie es nicht schafft, akzeptable Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Bevölkerungsmehrheit zu ermöglichen.

Neue Grenzen, tödliche Folgen

Ab Mitte der 1980er Jahre finden zwei unterschiedliche, aber auf sich bezogene Prozesse statt, die die Beziehung Europas und Afrikas maßgeblich verändern. Zum einen verschlechtern sich aufgrund der sogenannten Strukturanpassungsprogramme des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank die sozialen und wirtschaftlichen Indikatoren in fast allen afrikanischen Ländern. Viele staatliche Firmen müssen schließen oder werden von ausländischen Unternehmen für wenig Geld aufgekauft. Die Armut wächst enorm, und junge Menschen, die auf den Arbeitsmarkt drängen, finden keine Beschäftigung.
Diese Perspektivlosigkeit zeigt „Un matin de bonne heure“ (2006) von Gahité Fofana: Die reale Geschichte von Yaguine Koita und Fodé Tounkara, zwei guinesischen 15-jährigen Schuljungen aus Conakry, die versuchten nach Europa zu gelangen. Ihre Leichen wurden am 2. August 1999 im Fahrwerk eines Flugzeugs in Brüssel gefunden. Sie hatten ihre Geburtsurkunden, Schulausweise und einen Brief an alle Regierungen Europas bei sich. Für den Regisseur träumten die jungen Menschen „von einer Chance, ihre Zukunft selbst in die Hand zu nehmen“.
Zum anderen wurde Europa im Zuge des Schengener Abkommens seit 1985 zu einer streng bewachten Festung ausgebaut. Trotz unzähliger Dramen bei der Überquerung des Mittelmeers und unter Inkaufnahme der gefährlichen Überwindung der hohen Mauern und Zäune zum Beispiel in Ceuta und Melilla versuchen weiterhin viele ihr Glück und versuchen irgendwie nach Europa zu kommen.
Viele Filme thematisieren diese Odysseen. In „La pirogue“ (2012) von Moussa Touré nennt ein Fischer die Gründe für die Beteiligung an so einer gefährlichen Überfahrt: „Es gibt keinen Fisch mehr! Alle anderen sind schon weg. Hier gibt es doch keine Zukunft!“
Auch in dem exzellenten Dokumentarfilm „Tanger, le rêve des brûleurs“ von Leila Kilani aus dem Jahr 2002 suchen die Menschen das Glück auf der europäischen Seite des Mittelmeers. Der Film schildert die Hoffnungen und Träume der „Harragas“, derjenigen, die ihre Ausweispapiere verbrennen, sobald sie von Grenzbeamten gefasst werden, um einer Abschiebung in ihre Herkunftsländer zu entgehen. Doch noch warten sie darauf, die Schengengrenze zu überwinden
Das arabische Wort „Harragas“ („die Verbrenner“) ist sogar selbst zum Filmtitel geworden. Der gleichnamige Spielfilm von Merzak Allouache aus dem Jahr 2009 fiktionalisiert eine Mittelmeerüberfahrt – und macht schon im Vorspann keinen Hehl daraus, wer an erster Stelle verantwortlich ist für die erzwungene Migration nach Europa: „Das stinkreiche Algerien lässt seine Kinder im Stich. Hunderte von jungen Menschen werden gezwungen abzuhauen. Gehen ist verbrennen. Verbrennen.“
Mit seinem semifiktionalen Film „Bamako“ (2006) sorgte der malisch-mauretanische Regisseur Abderrahmane Sissako für Aufsehen, als er im Hof eines Privathauses der Hauptstadt Malis eine Gerichtsverhandlung stattfinden lässt: Vertretungen der afrikanischen Zivilgesellschaft klagen gegen die Politik des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank, die, so der Vorwurf, mit ihren neoliberalen Projekten und Planungen das Land zugrunde richtet und somit für die Auswanderung der jungen Menschen mit verantwortlich ist. Als ein Anwalt der Weltbank die Globalisierung in einer aus seiner Sicht, freien Welt anpreisen will, um einige der Maßnahmen zu begründen, bekommt er von der Schriftstellerin und Klägerin/Zeugin Aminata Traoré eine klare Antwort: „… wir leben doch nicht in einer freien Welt! Die Globalisierung entmenschlicht. (…) Afrikanische Emigranten werden ständig verhaftet, in Handschellen, erniedrigt und abgeschoben. Und sie sprechen von einer freien Welt. Vielleicht sollten wir von einer freien Welt nur für Weiße und nicht für Schwarze reden.“

Migration hat viele Ziele

Vor allem in Europa glauben viele, dass die Flucht- und Migrationswege einzig von Afrika nach Europa verlaufen. Andere Wege beziehungsweise die dazugehörigen Zahlen sind unbekannt. Dabei sind in Großstädten wie Abidjan, Dakar, Lagos oder Johannesburg zahlreiche Menschen verschiedener Nationalitäten aus Afrika, aber auch aus Europa und Asien zuhause. Allein in der Elfenbeinküste leben heute mehr als 16.000 Französ*innen.
Der südafrikanische Filmregisseur Khalo Matabane präsentiert in „Conversations on a sunday afternoon“ Johannesburg als eine Stadt, in der nicht nur afrikanische Eingewanderte diverser Nationalitäten leben, sondern auch viele Europäer*innen, die einst vor Krieg und Zerstörung geflohen sind.
Mit seinem Film „Africa Paradis“ (2007) wagt Sylvestre Amoussou aus Benin einen Blick in die Zukunft: Die Welt befindet sich im Jahr 2033 in einem apokalyptischen Zustand, Europa ist am Abgrund und seine Bevölkerung verarmt, während die Vereinigten Staaten Afrikas und seine Wirtschaft gut da stehen. Europäische Migrant*innen versuchen per Boote einzureisen. Afrika wird das Paradies auch für Europa und ein philosophischer Kampf innerhalb der Regierung entbrennt: Soll das Land seine Grenzen öffnen und die Europäer*innen, die Schlangen stehen, in die Botschaften lassen?
Die reformwilligen Kräfte im Parlament setzen sich durch. Gesetze für eine stark verbesserte Aufnahme von nichtafrikanischen Arbeitskräften und zur Erleichterung beim Erwerb der afrikanischen Staatsbürgerschaft werden erlassen.
Die Filmhandlung ist der Realität gar nicht so fern, denn hergestellt wurde der Film, bevor die große wirtschaftliche Krise 2008 Europa in die Zange nahm und Länder wie Portugal, Italien, Spanien und Griechenland fast in den Bankrott trieb. Die hohe Arbeitslosigkeit traf vor allem viele junge Europäer*innen hart. Jährlich beantragen seitdem beispielweise tausende Portugies*innen ein Visum für die ehemalige Kolonie Angola. Wird der afrikanische Kontinent das neue gelobte Land für Zuwanderungswillige? Eine Frage, die zehntausende Chinesen, die sich in den letzten Jahren dort niedergelassen haben, bejahen würden.

Enoka Ayemba ist Filmkurator und Filmkritiker. Er arbeitet auch als Bildungsreferent und lebt in Berlin.

Der Beitrag erschien zuerst in »südlink«. Das Nord-Süd-Magazin von INKOTA

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erstellt am 14.5.2016

La Noire de... from Africiné www.africine.org on Vimeo.

„La Noire de…“ von Sembene Ousmane (2007)

„Un matin de bonne heure“ von Gahité Fofana (2006)
Ausschnitte ©BAFILA FILMS

„La pirogue“ von Moussa Touré (2012)

„Bamako“ von Abderrahmane Sissako (2006)

CONVERSATIONS ON A SUNDAY AFTERNOON from Matthys Mocke on Vimeo.

„Conversations on a sunday afternoon“ von Khalo Matabane

„Africa Paradis“ von Sylvestre Amoussou (2007)