Nach der Walpurgisnacht setzt sich das Hexentreiben fort. Vielleicht stützt sich die Mainzer »Macbeth«-Inszenierung schon deshalb auf grundlosen Boden. Aber hat William Shakespeare sein mörderisches Stück für die Situation im Jahre 2016 geschrieben? Martin Lüdke war bei der Premiere dabei und hat sich echt gewundert.

Theater

Sondermüll im Staatstheater, entsorgt

„Macbeth“ ist, zugegeben, eines der rätselhaftesten Stücke Shakespeares. Hexen, seinerzeit nichts besonderes, prophezeien dem somnambulen Machtmenschen Macbeth, was bald geschehen wird, wenn er nur das getreulich umsetzt, was die Hexen ihm prophezeit haben und dabei ALLE aus dem Weg räumt, die ihm erstens (mit-)wissend und zweitens überhaupt im Weg stehen. Also: Ganz schön was los. Lust und Leichen. Dennoch ist es ein Stück vor allem über die Macht der Phantasie und zugleich eines über die Phantasie(n) der Macht. Und damit über die Gewalt. Das heißt: über die Natur. Die Natur in uns, die Natur im Menschen.
Am Ende: sehr starker Beifall, aus guten Gründen, obwohl die Inszenierung von Jan-Christoph Gockel keineswegs überzeugen konnte. Mainz hat den vielen Rätseln von Shakespeare noch ein weiteres hinzugefügt. Nämlich die Frage, wie sich Stück und Schauspieler gegen Regie und Dramaturgie so eindrucksvoll durchsetzen können.

Szenenfoto von Bettina Müller
Szenenfoto © Bettina Müller

Nee, Kinder. So bitte nicht. Erst denken, dann handeln. Selten dürfte Shakespeare derartig misshandelt worden sein. Aber, ein ironischer Trost, die Natur setzt sich auch hier durch: selbst der misshandelte Shakespeare ist noch weit stärker als die fortschrittlich gesinnten Quälgeister, die ihn – ich zitiere aus den offiziellen Verlautbarungen des Mainzer Staatstheaters – „ökokritisch“ mit ihrer, kaum zu glauben, „grünen Sensibilität“ (!) traktieren. Ein sog. Prof. Dr. Christof Mauch, jeder Hauch von Ironie liegt den Verantwortlichen hier wirklich fern, versteigt sich doch tatsächlich noch zu der wahrlich wahnhaften These: „Wenn die Temperaturen ansteigen, dann erhitzen sich auch die Gemüter.“ Das heißt: Macbeth ist dieser Deutung zufolge so grün wie die Parteiplakate der Grünen in den achtziger Jahren. Die Thronbesteigung des schottischen Herrschers wird mit Folgen des Klimawandels zusammengedacht und die ganzen Auseinandersetzungen um Macht und Herrschaft erscheinen als shakespearischer Vorgriff auf unsere kommenden „Klimakriege“ (hier wird Harald Welzer missverstanden zitiert). Wenn die Bewohner der Sahel-Zone erst einmal bei uns im Garten stehen, dann wissen wir endlich, was Shakespeare gemeint hat.
Das Stück beginnt nach einer „großen Umweltkatastrophe“. Die Welt ist offenbar in ihrem Müll erstickt. Becketts „Endspiel“, seligen Angedenkens, erscheint dagegen als bloßes Kinderspiel. „Grau, allüberall“ und zwei Mülltonnen, sonst war da nichts. Hier hingegen herrscht die Schwärze vor, schwarze Müllsäcke füllen den gesamten Raum. Die Seitenwände pechschwarz, himmelhoch. Der Boden schwarz. Die Rückwand, ein riesiges, schwarzes Regal, in dem ausschließlich Müllsäcke, schwarze natürlich, gelagert werden.
Doch dann geht es los und den ganzen Müll können wir – zum Glück! – sehr schnell vergessen, auch wenn uns die Tiere, Fuchs, Rabe und Rehkitz, noch so manches Mal mächtig irritieren. Echte Tiere, tot zwar, dafür ausgestopft. Sie hängen an Strippen und werden von Puppenspielern bedient. Wozu? Gute Frage. Auch wieder, um ein Stück gefährdete Natur auf die Bühne zu bringen? Wer weiß? Man muss vielleicht nicht alles wissen. Schaden richten die putzigen Wesen jedenfalls keinen an.
Aber „Macbeth“?
Bitte, so nicht!
Es war nun aber spannend zu sehen, wie schnell das Stück den ganzen (Gedanken-)Müll von Regie und Dramaturgie hinter sich gelassen hat.
Shakespeare hat sich über alle diese Hindernisse hinweg spielend, das heißt: gut gespielt, durchgesetzt. Die beiden königlichen Heerführer, Banquo und Macbeth, die gerade siegreich aus der Schlacht gegen die Norweger zurückkehren und damit dem schottischen König Duncan das Reich gerettet hatten, werden auf freiem Feld von drei Hexen überrascht. Mit seltsamen Prophezeiungen deuten die „drei Unheilsschwestern“, wie sie sich nennen, die Gegenwart und verkünden den Feldherren damit die Zukunft. „Eingeschrumpft“ und „wild in ihrer Tracht“, wie es in der Schlegelschen Übersetzung heißt, verkörpern diese Gestalten die Verheißungen der Natur ebenso, wie den Preis, die sie dafür fordert. Vor allem Anika Baumann, als Hekate, kommt, selbstbewußt eigennützig, den Klimafreunden am Regiepult entgegen. Sie demonstriert (ihnen) eindrucksvoll die Einheit der Gegensätze, mit dem Einsatz von Kopf und Körper. Herrlich heiß und böse kalt. Erotisch verlockend und abweisend zugleich. Ohne den Zusatz chinesischer Abgase. Wenn man sie sieht, versteht man besser, was Macbeth antreibt.
Die Unheilsschwestern verkünden den Heerführern nun das „Heil“. „Heil Dir, Macbeth“. „Heil Dir“. Für seine Verdienste in der Schlacht würde er von Duncan, dem König, zum Than von Glamis und zum Than von Cawdor ernannt, worunter man wohl Grafschaften verstehen darf. Wie verkündet, so geschehen.

Szenenfoto © Bettina Müller
Szenenfoto © Bettina Müller

Diese Versprechen setzen bei Macbeth von ihm kaum mehr kontrollierbare Machtphantasien in Gang, die nach seiner Rückkehr auf das heimatliche Schloss von seiner Frau, Lady Macbeth, gespielt von Anna Steffens, weiter geschürt und dann auch effektiv vorangetrieben werden. Lady Macbeth, hier eine ebenso grazile wie lüstern laszive und meist nur spärlich bekleidete Frau, spielt mit den Reizen, über die sie verfügt. Sie versteht es, den Zusammenhang von Macht und Sexualität, auch von Erotik und Gewalt körperlich in Szene zusetzen. Zögert Macbeth, lockt sie, zaudert er, bedrängt sie ihn. Sie bezirzt den König und macht ihn gefügig für das Schicksal, das ihn erwartet. Sie treibt überhaupt das Unheil voran, bis hin zu ihrem eigenen Verderben. In diesen Momenten, vom Mord an Duncan an, gewinnt die Inszenierung, allem ökologischen Unsinn zum Trotz, eine faszinierende Dichte und Intensität. Selbst das Bühnenbild, hat man die Frage nach seinem Sinn oder Unsinn mal hinter sich gelassen, überzeugt nun plötzlich durch seine straffe Strenge. Der Hintergrund ist schwarz. Das, was sich davor abspielt, ist es ja auch. Auch die posierlichen Tierchen erscheinen nur noch als bizzare Farbtupfer auf einem tristen Bild. Wobei, von den Plastiksäcken mal abgesehen, die Inszenierung sonderbar zeitlos wirkt. Kaum Utensilien, die sich historisch lokalisieren lassen. Mir scheint, dadurch fokussiert sich die Konzentration auf das eigentliche Geschehen: das Schicksal von Macbeth.
Johannes Schmidt, als Macbeth, getrieben von der Gier nach Macht und bedrängt von der Angst vor den Folgen, zeigt die Zerrissenheit eines Menschen, der doch nur seiner Natur folgt und dabei zwischen den Imperativen, die daraus folgen, hin und her schwankt. Auch die Selbsterhaltung ist ja ein Machtspiel, in sich der Mensch nur durch die Unterdrückung und Zähmung der Natur in sich gegen die äußere Natur durchsetzen kann. „Mörder im Geist“ und „Mörder des Geistes“, wie Bloom das nennt. Macbeth frevele gegen die Natur, doch es ist seine eigene. Etwas von dieser Dialektik, fern jeder Ökologie, machte Johannes Schmidt sichtbar, obwohl er zeitweise herumlaufen musste, wie ich mir den Turnvater Jahn vorstelle. „Was fürchtest Du von Worten, die so herrlich klingen?“
Macbeth herrscht in einer Leere „ohne sinnstiftende kosmologische Ordnung.“ (H. Bloom) Gott spielt, und hier liegt die wahre Aktualität des Stücks, keine Rolle mehr. Die Schöpfung liegt hinter uns. Natur und Mensch sind da. Und jetzt müssen sie sich behaupten – in der Zeit.
Harold Bloom, der große Shakespeare-Deuter unserer Tage, schreibt über den Schrecken, den das Stück (uns) präsentiert: „der ganze Horror des Stücks ist letztlich ein Horror der Einbildungskraft. Die Fantasie war für Shakespeare und seine Zeitgenossen eine zweischneidige Sache; sie ist gewissermaßen der weltliche Ersatz für die göttliche Inspiration und bedeutete poetische Verzückung, zugleich aber riss sie eine Lücke in der Realität auf, fast wie zur Strafe zur Profanisierung des Heiligen.“ Es sind vor allem Macbeth (Joh. Schmidt), Hakete (Anika Baumann) und Lady Macbeth (Anna Steffens), die diese Dimension des Stückes sichtbar werden lassen. Durch ihr Spiel, nicht durch irgendwelchen aufgesetzten ökologischen Firlefanz.
So war in Mainz ein ebenso kurioses wie seltenes Schauspiel zu betrachten: eine Aufführung, die sich den kräftigen Beifall des Publikums wahrlich verdient hatte, aber sich erst gegen die Inszenierung und das Bühnenbild durchsetzen musste. Zwanghafte Aktualisierung hinterlassen vor allem einen Eindruck: den des Zwangs.
Deshalb zum Schluss noch zwei hilfreiche Informationen von Prof. Dr. Christof Mauch:
„Ein Temperaturanstieg von 2 bis 3 Grad Celsius würde, so die Weltgesundheitsorganisation, das Ansteckungsrisiko für Borreliose weltweit wenigstens verdreifachen.“
Daran knüpft sich die Frage der Theatermacher an:
„Gewalt, Kampf, Krieg und Verrat sind die menschlichen Hauptcharakteristika in Shakespeares Tragödie. Inwiefern kann man real eine Verknüpfung zwischenmenschlicher Gewalthandlungen und Umweltzerstörungen herstellen?
Wenn die Temperaturen ansteigen, dann erhitzen sich auch die Gemüter. Autofahrer, so heißt es, drücken bei Hitze häufiger auf die Hupe und Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich nehmen signifikant zu.“
Da haben wir es doch. Alles hängt mit allem zusammen, Hupen und Huren, Mainzelmännchen und Mordgesellen. Auch Kurzschlüsse sind Schlüsse. Schließlich ist in der Kampagne 2015/16 der Fassnachtsumzug tatsächlich dem Klimawandel zum Opfer gefallen. Sturm. Von Westen, der Nordsee her, nicht der von Shakespeare. Deshalb jetzt nachträglich: ein dreifach donnerndes Hellau!

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erstellt am 08.5.2016

Szenenfoto © Bettina Müller
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Theater

Macbeth

William Shakespeare

Deutsch von Angelika Schanelec

Inszenierung: Jan-Christoph Gockel
Bühne: Julia Kurzweg
Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke

Staatstheater Mainz

Szenenfoto © Bettina Müller
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Szenenfoto © Bettina Müller
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