Man nannte den Philosophen Demokrit von Abdera den lachenden Philosophen. Die heitere, gelassene Stimmung war ihm Ziel und Anliegen. Doch zu Hause, wie Otto A. Böhmer weiß, musste ihm das Lachen vergangen sein, besonders im fortgeschrittenen Alter, das ohnehin nicht so lustig ist.

Der Philosoph Demokrit

Noch nicht tot

Der Philosoph Demokrit war in die Jahre gekommen, und das Alter setzte ihm zu mit Beschwerden. Seine Knochen knackten, auch wenn er sich gar nicht bewegte, Rücken und Brustkorb schmerzten ihn, die Hände zitterten. Auch die Gedanken waren nicht mehr das, was sie mal waren: Sie traten als Erinnerungsbilder auf, die es eilig hatten; der Mensch, dem sie galten, schien schon tot zu sein: ein lebendig Gestorbener, der sich vor langer Zeit einmal am Erkennen der Welt versucht hatte. Nein, das Alter war nicht schön, das musste Demokrit sich eingestehen. Der Tod hätte ihn längst abberufen sollen; es wäre einer Art Befreiung gleichgekommen. Seltsame Freuden und Torturen bezog der Philosoph nur aus dem Umstand, dass auch Philomela, seine Schwester, noch lebte: Sie, die inzwischen wohl achtundneunzig Jahre alt war und halbblind, wohnte mit ihm in seinem Haus und gab vor, ihn zu pflegen. Dabei bedurfte sie eigentlich selbst intensiver Zuwendung; oft stolperte sie, fiel über die eigenen Füße; sie sabberte und brabbelte, und manchmal weinte sie, nur so zum Spaß, oder riss sich die Haare büschelweise aus. Der Mittelpunkt ihres verschatteten Lebens war der Bruder; wenn Philomela ihn sah, kam ein boshaftes Leuchten in ihre Augen, und sie wurde geschäftig. Demokrit war ihr zum Pflegefall geworden; er lebte noch, mehr schlecht als recht, und sie hatte sein Ende vorzubereiten. Dabei ging sie so liebevoll vor, wie sie konnte; sie rührte ihm einen Brei an, von dem sie genau wußte, dass er ihn verabscheute; sie brachte ihm Essigwasser, wenn er nach Erfrischungen verlangte, und sie legte ihm warme Brotfladen auf, um die Kopfschmerzen zu vertreiben, die Demokrit immer erst nach dieser Behandlung bekam. Philomela hielt sich für barmherzig, und wenn sie es besonders gut meinte, dann mühte sie sich sogar, dem Bruder ein philosophisches Gespräch aufzuzwingen. Der geriet dann ins Schwitzen, wurde puterrot im Gesicht und fing an zu stammeln; ihn durfte man drangsalieren, aber die Philosophie, der noch die präzisesten seiner abgelebten Erinnerungen galten, sollte seine Schwester verschonen. Dafür schien er noch kämpfen zu wollen; er bäumte sich sogar auf und wurde, wenn es denn ging, laut und drohend.

Philomelas Existenz bedeutete für Demokrit eine tägliche Qual, die ihn zugleich mit scharfzüngiger Lebensfreude versorgte; auch wenn er litt, wie nur ein versehentlich am Leben gebliebener Greis leiden konnte, dem abartig-komische Drangsal zugedacht war: Seine Schwester mochte er nicht missen. Mit stillem Vergnügen registrierte er ihre täglichen kleinen Unfälle: Sie stolperte, verschüttete das ihm zugedachte Essigwasser; bei ihren Versuchen, im Garten hinter dem Haus für Ordnung zu sorgen, geriet sie in Disteln oder verfing sich in einer wuchernden Dornenhecke; sie fiel aus dem Bett, wenn ihr üble Träume zusetzten, und doch blieb sie im Grunde unverletzt, ja unbeteiligt. Das Leben konnte ihr nichts mehr anhaben, und der Tod ließ auf sich warten. Wenn er denn kommen würde, eines Tages, musste er den Bruder holen, das stand für Philomela fest; ihre Aufgabe war es, ihm die letzten Tage so unangenehm wie möglich zu machen. Demokrit hatte schon oft überlegt, woher dieser ihm so innig zugeneigte Hass seiner Schwester stammte, aber ihm war kein Ereignis in den Sinn gekommen, von dem man hätte annehmen können, dass es den tieferen Grund für ihr merk- und denkwürdiges, an unerbittlicher Übellaunigkeit ausgerichtetes Verhalten in sich barg. Gewiss, der Philosoph hatte, als er noch kein Philosoph war, sondern nur ein kleiner Junge, seine Schwester gelegentlich verprügelt; aber diese Vorfälle gehörten zur Normalität geschwisterlicher Verständigungsbemühungen, bei denen es Missverständnisse gab. Zugegeben: Demokrit hatte seine Schwester einige Male am Türpfosten angebunden und mit Dungstreifen behängt; es war auch vorgekommen, dass er ihr die Haare abschnitt, Nadeln in die Kleider steckte oder ab und zu einen kleinen Skorpion in ihr Bett setzte. Diese Geschehnisse jedoch lagen weit, sehr weit zurück, und sie boten keinerlei Anhaltspunkt für eine Erklärung der späten Ungezogenheit, die Philomela ihrem Bruder gegenüber an den Tag legte. Es musste ein anderes Motiv geben, und manchmal war Demokrit der Meinung, dass er es längst kannte; er hatte es nur, wie so vieles im Leben schon, schlicht vergessen.

Die Sonne stand hoch am Himmel, und kein Lüftchen rührte sich. Es mochte früher Nachmittag oder ganz später Vormittag sein, wen interessierte das schon. Demokrit saß im Garten, und wie immer fror er ein wenig; er hatte sich in eine Decke gehüllt. Dass es eine Zeit gab, die verging, merkte er nur noch an der Gegenwart seiner Schwester. Sie, die ihm im Alter am nächsten war, verstand es, das Gleichmaß der Stunden aufzubrechen; ihre Anschläge, die seiner Gesundheit galten, waren auch gegen die ihnen gemeinsam auferlegte Zeit gerichtet: Philomela wehrte sich noch gegen die schiere Vergänglichkeit, wobei sie sich heimlicher Tücke bediente, die sie im Dienst nachzutragender Gerechtigkeit an ihren Bruder vergab, dem es kaum mehr einfiel, Widerstand zu leisten oder den verfallenden Stunden ein Ärgernis zu sein. „Oft ist das lange Leben nicht ein langes Leben, sondern ein langes Sterben“, hatte Demokrit vor Jahren geschrieben, und das war einer der Gedanken, an die er sich noch erinnerte. So starb er denn, Demokrit, und war noch nicht tot; seine Schwester wachte über ihn, und es blieb der weite fugenlose Himmel, der in Ordnung war, weil er die Ordnung verkörperte und ins Sichtbare hinein verzerrte. Demokrit gähnte. Ihm fiel auf, dass er länger nichts von seiner Schwester gehört hatte; weder war sie mit Essigwasser gekommen noch mit dem mörtelähnlichen Brei, den sie für seine Fütterung zuzubereiten pflegte. Es war sehr still, im Garten und im Haus, aber da gab es auch schon einen dumpfen Schlag, so als müsste die unheimliche Ruhe endlich und sofort aufgebrochen werden. Wer ist denn da umgefallen? dachte der Philosoph. Das kann doch nur Philomela sein, die sicher, wie immer, gleich wieder aufstehen wird. Aber nichts geschah; alles blieb ruhig. Demokrit machte sich auf einmal Sorgen; wenn seiner Schwester, die nach ihm zu sterben hatte, nun doch etwas zugestoßen war? Er erhob sich mühsam und schlurfte ins Haus: Ja, da lag sie, Philomela, hingestreckt auf dem Küchenboden, die Augen geschlossen, und in der Hand hielt sie noch eine Schale mit Brei, die erstaunlicherweise unversehrt geblieben war. Der Philosoph beugte sich über sie. „Meine Schwester“, rief er ängstlich, „was ist dir?“ – und Philomela wurde umstandslos wach. Als sie ihren Bruder sah, kam das gewohnt boshafte Leuchten in ihren Blick, und sie nahm die Schale und drückte Demokrit den Brei ins Gesicht. „Es ist Zeit für dich zu essen, Bruder“, krächzte sie. „Entschuldige, dass es etwas länger gedauert hat. Aber dafür habe ich dir auch wieder deine Lieblingsspeise bereitet, die du so gerne isst.“

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erstellt am 05.5.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

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