Lucius Annaeus Seneca sei, heißt es, mit seinen Reden bekannt geworden, die aber verloren sind. Bekannt geblieben ist der Stoiker als glückloser Erzieher Neros und gehorsamer Selbstmörder. Otto A. Böhmer sieht ihn, wie er entsetzt vor der Zukunft, nämlich unserer Gegenwart, sich vorfindet.

Der Philosoph Seneca

Dieser Mann ist wahnsinnig

Der Philosoph Seneca hatte einen Wachtraum, eine jener sich hinziehenden Eingebungen, die zäh sind und zumeist auch sehr zwielichtig: Es hatte ihn in die Zukunft verschlagen, eine weit vorauseilende Zukunft; man schrieb das einundzwanzigste Jahrhundert. Kaum zu glauben eigentlich, aber es gab immer noch Menschen, unendlich viele sogar; ein Gewimmel auf Erden, rücksichtslos und ohne Erbarmen. Man hatte sich das Dasein leichter gemacht, mit allerlei technischen Geräten, deren Funktionen Seneca nicht verstand; sein Traum führte diese Geräte zwar vor, aber er erläuterte sie nicht; dafür blieb keine Zeit. So durfte der Philosoph nur konstatieren, dass die Menschen der Zukunft sich mit affenartiger Geschwindigkeit fortbewegten; sie konnten sogar fliegen, wenn auch nur in merkwürdigen Kisten, und sie wurden, wenn sie nicht zu arm dazu waren, alt und älter; die Greise sahen unangenehm jugendlich aus, die Jugendlichen wirkten vergreist, und die alten Weiber, straff und faltig allesamt, schienen noch viel vorzuhaben. Man ging nicht sonderlich freundlich miteinander um, soviel stand fest; das Leben war zu einer langwierigen Veranstaltung geworden, die man teilnahmslos hinter sich brachte. Seneca fühlte sich gar nicht wohl in diesem einundzwanzigsten Jahrhundert; sehr gern und sehr schnell wäre er wieder heimgeeilt in seine Zeit, aber man ließ ihn nicht; er wurde festgehalten im Wachtraum, konnte weder vor noch zurück. Er fühlte sich wie ein strafversetzter Zuschauer, dem ein schlechtes Stück präsentiert wurde; mit dieser Zukunft wollte er nichts zu tun haben, sie ging ihn nichts an, denn er hatte sie sich nicht ausgedacht. Was er begriff – dennoch – und was ihn zugleich verwunderte, war, dass es noch immer Philosophen gab; zumindest einige wenige. Von den anderen Zeitgenossen hoben sie sich ab durch ihr penetrant unaufdringliches Gehabe; man konnte fast meinen, dass sie den Kopf unter dem Arm trugen, um nicht wirklich gesehen zu werden. Die Leidensmiene dieser Philosophen war dennoch unübersehbar; etwas Säuerliches ging von ihnen aus: Seht her, schienen sie sagen zu wollen, soviel Zeit ist vergangen, und noch immer leben wir; eine Zumutung ohnegleichen, und wir entschuldigen uns dafür bis ans Ende unserer Tage. Der schlimmste unter ihnen war ein hagerer Mensch, der ununterbrochen lamentierte; er schien mit sich selbst zu hadern, und doch war es, als ob er sein Publikum suchte, eine Gemeinde von Freitodsympathisanten vielleicht, die davon überzeugt werden musste, den letzten Schritt zu tun. Als dieser Mensch näherkam, hörte Seneca ihn sagen: „Die Tatsache, dass ich lebe, beweist, dass die Welt keinen Sinn hat. Denn wie könnte ich in der Ruhelosigkeit eines übermäßig erregten und unglücklichen Menschen, für den sich alles auf ein Nichts beschränkt und über dem das Leiden als Weltgesetz waltet, einen Sinn aufspüren? Wenn die Schöpfung ein Menschenwesen meines Schlages zugelassen hat, kann dies nur beweisen, dass die Flecken der sogenannten Sonne des Lebens derart gewaltig sind, dass sie ihr Licht allgemach ersticken. Die Bestialität des Lebens hat mich zertreten und gedrückt, mir die schwebenden Schwingen gestutzt und alle Freuden, auf welche ich ein Recht hatte, entrissen. Alle überspannte Beflissenheit und alle irrsinnige, paradoxe Leidenschaft, die ich daransetzte, um im Diesseits zu glänzen, aller teuflischer Zauber, den ich verbrauchte, um mir einen künftigen Nimbus zu erwerben, und der ganze Elan, den ich auf eine organische Wiedergeburt oder innerliche Morgenröte verschwendete, haben sich als schwächer erwiesen als die Bestialität und Urgründigkeit dieser Welt, welche alle ihre Vorräte an Verderbnis und Gift in mich ausgegossen hat. Das Leben hält hohen Temperaturen nicht stand.“

Seneca war es heiß geworden, sein Kopf glühte. Dieser Mann ist wahnsinnig, dachte er. Und wahnsinnig muss eine Welt sein, die es mit diesem Mann aushält. Noch einmal hörte er hinein in seinen Wachtraum, der mittlerweile zu einem einzigen Redestrom angeschwollen war; auch die anderen Philosophen versuchten sich noch bemerkbar zu machen, aber was sie sagten, klang nicht viel besser als das Lamento jenes einen schier unerträglichen Hagerlings, der nun auf den Horizont zuging, einen natürlich sehr dunklen, wolkenverhangenen Horizont, und dort kurzerhand verschwand. Er wird wiederkommen, murmelte Seneca, denn er gehört der Zukunft – aber tatsächlich hatte sich etwas gelöst: Der Philosoph konnte sich wieder bewegen, die düsteren Bilder fielen von ihm ab, der unzumutbare Redestrom verstummte. Der Wachtraum hatte ihn freigegeben; es war still – und nur still. Die Ruhe währte jedoch nicht lange; denn schon kurz darauf hörte man Schritte, und es klopfte an der Tür. Seneca ahnte, wer ihn da heimsuchen würde: Fabricius, sein Nachbar, ein allseits gefürchteter Querulant der auch beim Flüstern noch Lautstärke entwickelte. „Werter Meister“, rief Fabricius, als er, wie immer ungebeten, das Haus betrat. „Wie schön, dich zu sehen.“ „Ich freue mich auch, Nachbar, du wirst es kaum glauben“, murmelte Seneca. „Schreckliches habe ich erlebt, etwas so Schreckliches, dass sogar das Auftauchen eines ganz normalen unangenehmen Menschen, wie du es bist, befreiend wirken kann.“ „Ich sehe, du hast gute Laune“, sagte Fabricius. „Das freut mich, denn auch ich bin allerbester Stimmung. Ich habe nämlich meinen Prozess gewonnen.“ „Welchen Prozess?“ fragte der Philosoph. „Soweit ich weiß, führst du ständig irgendwelche Prozesse.“ „Die Sache gegen Pseudonius, den alten Halunken“, sagte Fabricius. „Ich fragte dich doch noch nach dem Richter und ob es sinnvoll sei, ihn mit einem Geschenk gefügig zu machen.“ „Wovon ich dir heftig abgeraten habe“, sagte Seneca. „Dieser Richter ist nicht bestechlich.“ „Ein weiser Rat, zweifellos“, sagte Fabricius. „Ich habe mir trotzdem erlaubt, dem Mann ein Geschenk zu machen, eine kleinere, insgesamt entbehrliche Summe Geldes.“ „Und du hast den Prozess tatsächlich gewonnen“, staunte der Philosoph. „Wie das?“ „Nun ja“, meinte Fabricius und schien ein wenig verlegen. „Ich habe dem Geschenk einen Gruß beigelegt, einen Gruß von Pseudonius.“

Seneca atmete auf. Endlich, dachte er. Alles ist wie früher. Keine Zukunft mehr, keine wachen Träume; die Menschen sind, wie sie sind – so wie immer.

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erstellt am 05.5.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

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