Künstlerporträt

Özlem Günyol & Mustafa Kunt

Die Paarbildung zwecks einer Zusammenarbeit unter Künstlern ist seit Ende der achtziger Jahre ein häufig vorkommendes Phänomen. Zwei Künstler, zwei Künstlerinnen oder Mann/Frau finden als Liebende, Geschwister oder Freunde zur künstlerischen Kooperation zusammen und treten fortan oder temporär als Einheit in Erscheinung – manchmal sogar unter einem Pseudonym. Die Vorteile einer solchen Kollaboration liegen auf der Hand: Im Französischen heißt sie treffend „L’artiste à deux têtes“, ein Künstler mit zwei Köpfen, der dazu vier Hände hat, auch wenn eine solche Zusammenarbeit gerade in unserer Zeit, die immer mehr die Einzelperson des Künstlers wie einen Popstar in den Mittelpunkt stellt, in hohem Maße eine Anpassung aneinander, eine gemeinsame Zielsetzung und kollegiale Teamarbeit erfordert. Der an sich intime Prozess des Schöpferischen wird miteinander geteilt und potenziert sich im Idealfall. Jake und Dinos Chapman, Fischli & Weiß, Gilbert & George, Teresa Hubbard und Alexander Bichler, Elmgreen und Dragset, Claudia und Julia Müller, Alice Stepanek & Steven Maslin sind bekannte Beispiele für eine erfolgreiche und langjährige Zusammenarbeit.

Özlem Günyol (geb. 1977) und Mustafa Kunt (geb. 1978), beide aus der Türkei stammend und ehemalige Städelschüler – sie schloss als Meisterschülerin von Ayse Erkmen, er als Meisterschüler Wolfgang Tillmans ab –, leben in Frankfurt und arbeiten seit 2007 zusammen. Sie können ein Œuvre vorweisen, das konzeptuell angelegt ist, politische und historische Themen aufgreift und mittels handwerklich präziser Ausführung eine ästhetische Anziehungskraft zu bieten hat, die sich mit einer museal zu nennenden Präsenz darstellt und – was auf dem Kunstmarkt von Bedeutung ist – eine international verständliche Sprache spricht.

Das Künstlerpaar arbeitet stets raum- und ortsbezogen. Ein Aufenthaltsstipendium des Freilichtmuseums Hessenpark 2010 veranlasste sie, die dort ansässigen Handwerke in ihre Arbeit einzubinden. So entstanden die Objekte „… and justice for all“, ein Seil, angefertigt aus politischen Transparenten, und „The Pedestal that has Lost its Monument“, ein schneeweißer Sockel, der ohne das zu Repräsentierende dasteht und in sich die wechselhafte Geschichte der Heldenverehrung bis hin zur Monumentalisierung politischer (Ver-)Ordnungen birgt.

„„... and justice for all“,
„„... and justice for all“, 2010, spray colour (acryl) auf Baumwolle, 22 m, Courtesy Galerie Heike Strelow, Frankfurt am Main
The Pedestal That Has Lost Its Monument
„The Pedestal That Has Lost Its Monument“, 2010, Holz, bemalt, Messing, 105 x 105 x 145 cm, Courtesy Galerie Heike Strelow, Frankfurt

In Erinnerung blieb auch eine der ersten gemeinsamen Ausstellungen des Paares 2008 im MMK Zollamt in Frankfurt, die, auch hier ortsbezogen, den nie von den jeweiligen Leitern des dem Zollamt gegenüberliegenden Museums für Moderne Kunst genutzten Rednerbalkon des Holleinschen Baus in den Kontext eines ähnlichen Balkons stellt, der ebenfalls nach der Eröffnungszeremonie nie wieder einer Rede gedient hatte und sich am Universitätsgebäude des Seminars für Sprache und Geschichte in Ankara befindet. Sein Architekt, Bruno Taut, arbeitete wie viele europäische Architekten während der Zeit des Nationalsozialismus in der Türkei im Exil und importierte jene pathetisch-monumentale Formensprache, die mit westlichen Mustern die nationale Architektur zu übertrumpfen begann, wie zahlreiche türkische Architekten jener Zeit beklagten.

Die Wasserzeichen in Reisepässen wurden von Günyol und Kunt für eine Präsentation vergrößert und ihre verborgene Schönheit und Verschiedenartigkeit sichtbar gemacht. Überhaupt drehen sich viele Werke des Künstlerpaares um die nationale Identität. Da wurden alle Nationalflaggen dieser Welt, 246 an der Zahl, übereinandergedruckt, wodurch ein schwarzes Rechteck entstanden ist. Landesgrenzen wurden abgeschritten und dokumentiert. Die Konturen der Grenzen der Länder dieser Welt zu einem Gespinst, „Ceaseless Doodle“, auf die Wand gezeichnet und 266 Nationalhymnen orchestral ineinandergelegt, die sich dann zu einem „Hullabaloo“, zu einer Kakophonie, mischen.
www.gunyol-kunt.com*

„Perfect Couple“ bezieht sich auf ein Denkmal, dass mit Frankfurt zu tun hat, aber nicht vielen geläufig sein wird. An der Nordseite der Paulskirche befindet sich eine Skulptur von Richard Scheibe (1879-1964), die Figur eines nackten Jünglings, die er 1950 zum 25. Todestag des ehemaligen Reichspräsidenten Friedrich Ebert geschaffen hat. Es war Scheibes zweite Version zum Thema. Denn 1925, er war gerade Leiter des Städel geworden, hatte er schon einmal den Auftrag erhalten, dem gerade verstorbenen Ebert ein Denkmal zu widmen. Der Bildhauer betrachtete das damalige, unter Zeitdruck entstandene Werk als nicht gelungen. 1933 wurde Scheibe wegen dieses Denkmals von den Nationalsozialisten entlassen, die Skulptur abgebaut und eingelagert. Nach der Intervention Albert Speers 1934 stellte man Scheibe wieder ein. Er, der neben Arno Breker auf der „Gottbegnadeten“-Liste Hitlers gestanden hatte, schuf 1953 in Berlin das Ehrenmal für die Opfer des 20. Juli 1944. Der schriftliche Nachlass des Bildhauers wird gerade digitalisiert.
Günyol und Kunt stellen die zwei Figuren Scheibes nebeneinander, beide sind außerhalb jener Jahre der Diktatur entstanden, doch verweisen sie auf die Zeit einer gleichgeschalteten Kulturpolitik, das Involviertsein eines Künstlers, der um des Erfolges willen den Vorgaben folgte und seinen Erfolg mit konformer Bildhauersprache zu festigen wusste. Dies zeigt sich an etlichen Werken Scheibes nach 1933, bei anderer Windrichtung nach 1945, gelang es ihm ebenfalls, Vorteile zu erzielen. Die ältere Skulptur befindet sich in der Sammlung des Historischen Museums Frankfurt, die spätere hängt noch immer an der Fassade der Paulskirche.

In einer Werkserie berufen sich die Künstler auf die Namen, die man militärischen Operationen gibt. „Desert fox“, Wüstenfuchs, ist noch als Codename für die viertägige Bombardierung irakischer Ziel durch die US-Amerikaner 1998 in Erinnerung. Diese oft mit Naturnamen umschriebenen Einsätze haben mehrfach zu vielen toten Zivilisten geführt. Günyol und Kunt geben den Motiven unter Photoshop-Einsatz eine ästhetisch ansprechende, doch morbide, an die Vanitasidee eines Stilllebens erinnernde Atmosphäre, wie beim „Golden Pheasant“, Operation amerikanischer Truppen zur Unterstützung des umstrittenen Guerillakriegs gegen die sozialistischen Sandinisten in Nicaragua 1988.

Einen Einblick in ihre Arbeit vermittelten Günyol und Kunt im Rahmen ihrer Ausstellung in der Frankfurter Galerie Heike Strelow, die im November und Dezember 2010 stattfand. Hier einige Auszüge aus dem anderthalbstündigen Künstlergespräch, das in deutscher und englischer Sprache geführt worden ist:

Frage aus dem Publikum: Ihr kommt von einer Idee zur Form. Gibt es eine Arbeitsteilung? Seid Ihr Euch immer einig? Wie ist der Prozess? Wie fangt Ihr an?

Özlem Günyol: Wir haben eine Idee, also wir wissen schon, mit was wir uns beschäftigen möchten …

Mustafa Kunt: Wir suchen auch kein Thema, das Thema kommt zu Dir. Jede Idee ist anders, hinter jeder Idee verbirgt sich ein anderes Gefühl. Deshalb muss jede Idee ein anderes Arbeitsmaterial haben. Ok, ich kann sagen ich bin Maler, aber zu diesem Thema passt besser Video, zu dieser Arbeit passt besser …

Özlem Günyol: Die Frage ist, was ist der beste Weg, die Idee zu zeigen.

Heike Strelow: Ihr habt immer verschieden gearbeitet. Wie funktioniert das mit dem Zusammenspiel?

Özlem Günyol: Mit Kämpfen. (lacht)

Mustafa Kunt: Viele sagen: Die sind zu zweit und müssten doch mehr schaffen. Nie. Das ist wirklich sehr schwer. Wenn ich alleine arbeite, kann ich das leicht entscheiden. So muss ich ihr auch meine Idee erklären. Und sie sagt immer: Nein! Oder ich sage immer: Nein! Deshalb dauert es immer länger.

Heike Strelow: Was treibt Euch an?

Özlem Günyol: Das hat mit der eigenen Persönlichkeit zu tun, aus welcher Familie Du kommst, aus welcher Gegend, aus welcher Stadt …, es ist immer verbunden mit persönlichen Dingen, aber es wird im Laufe des Werkprozesses zu einem generellen Blick.

Heike Strelow: In erster Linie ist das ästhetische Empfinden bei der Betrachtung noch vor der Bedeutung eines Werkes wirksam. Beim ersten Anblick bin ich emotional berührt. Inwieweit ist Euch das wichtig, das zu suchen? Nach den richtigen Materialien, der richtigen Form, habt Ihr dann schon das empathische Moment im Kopf? Dass ein Werk letztlich auch wortlos funktionieren kann?

Özlem Günyol: Es ist uns sehr wichtig, dass es als Kunstwerk funktioniert, in der Sprache, in der Sprache der Kunst, es ist die Art, wie wir sprechen, wenn es so nicht geht, dann ist es so, als übernehme man die Rolle eines Demonstranten auf der Straße, wenn man etwas zeigt, das aggressiver rüberkommt … Was wir machen, ist eine Fiktion, es ist nicht real, weil wir in einem Ausstellungsraum sind. Die Bedingungen sind andere … Es ist unsere Sprache, daher ist es für uns wichtig, etwas zu machen, das auch auf ästhetischer Ebene funktioniert. Wenn man das Objekt sieht, weiß man noch nichts vom Hintergrund, man denkt darüber nach, welche Geschichte man z. B. mit dem Objekt verbindet, wenn man die Information bekommen hat, dann guckt man das Werk noch einmal an. Auf diese Weise sprechen wir. Daher machen wir keine aggressiven Dinge, daher machen wir sie ästhetisch.

Dokumentiert von Isa Bickmann

erstellt am 23.3.2011

Özlem Günyol & Mustafa Kunt

Die Künstler Özlem Günyol und Mustafa Kunt

Biografische Angaben:

Özlem Günyol
1977 geboren in Ankara (Türkei)
1997-2001 Studium an der Hacettepe University, Sculpture Department, Ankara
2001-2006 Studium an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule –, Frankfurt am Main
2006 Abschluss als Meisterschülerin bei Ayse Erkmen

Mustafa Kunt
1978 geboren in Ankara (Türkei)
1996-2001 Studium an der Hacettepe University Sculpture Department, Ankara
2001-2002 lebt und arbeitet in Frankfurt am Main
2002-2009 Johannes Gutenberg Universität, Bildhauerei bei Ansgar Nierhoff
2003-2007 Studium an der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste –Städelschule – Frankfurt am Main,
2008 Abschluss als Meisterschüler bei Wolfgang Tillmans

Balkon
Balkon, 2008, Kupfer, Messing, Holz, Kieselsteine, Eisen, 570 x 503 x 230 cm, Installationsansicht im Museum für Moderne Kunst-Zollamt, Frankfurt am Main (Foto: Özlem Günyol und Mustafa Kunt)
Perfect Couple
Perfect Couple, 2010, gerahmte Fotografien auf Holzsockel, 92 x 75 x 75 cm, Courtesy Galerie Heike Strelow, Frankfurt am Main
Desert Fox
Untitled (Desert Fox), 2010, C-print auf Aludibond und Acrylglas, je 5 Ex., Courtesy Galerie Heike Strelow, Frankfurt am Main
Golden Pheasant
Untitled (Golden Pheasant), 2010, C-print auf Aludibond und Acrylglas, je 5 Ex., Courtesy Galerie Heike Strelow, Frankfurt am Main

Künstlergespräch in der Frankfurter Galerie Heike Strelow
Stills © Jonas Englert