Von verdichteter Gegenwart, in der so viel Vergangenheit mitspielt, dass es schon mal wehtun kann, berichtet Guntram Vespers Roman „Frohburg“, der mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2016 ausgezeichnet wurde. „Frohburg“ ist ein ungemein reichhaltiges Buch, das den Leser in seinen Bann zieht, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Erinnerungsbilder

Unter den vielen Problemen, die der Mensch hat, gibt es eines, das am hartnäckigsten ist, obwohl oder gerade weil es nur in Ausnahmefällen verhaltensauffällig wird: das Bewusstsein. Es lässt sich, in andauernder Notwehr, auf alles ein, pflegt erwünschte und unerwünschte Kontakte und hat als Fluchtmöglichkeit aus dem Geschehensstrom, dem es ausgesetzt ist, nur den Rückzug ins Untergründige, das sich nicht gern in die Karten schauen lässt und allenfalls über die Erinnerung kommuniziert. Das Bewusstsein ist unser emsiger Agent fürs Alltägliche, läuft aber erst zu großer Form auf, wenn es sich zu Höherem berufen sieht, wofür dann, beispielsweise, der ungebremste Mitteilungsdrang von Literatur herhalten muss, die so viele Selbstanzeigen auswirft, als gäbe es kein Morgen mehr. Tatsächlich wird auf diesem Wege ja auch der gewöhnlichen Zeiteinteilung ihre Schärfe genommen; alles fließt und macht sich, wenn man’s denn auf passende Weise begreift, zu einer unendlichen Jetzterfahrung: „Nur die Gegenwart zählt“, befand schon der Philosoph Schopenhauer, „in der Vergangenheit hat kein Mensch gelebt, und in der Zukunft wird keiner leben.“

Von verdichteter Gegenwart, in der so viel Vergangenheit mitspielt, dass es schon mal wehtun kann, berichtet „Frohburg“, ein opulenter, in sich verschlungener und letztlich doch sehr geordnet anmutender Roman, der mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2016 ausgezeichnet wurde. Sein Autor Guntram Vesper ist kein ganz junger Autor mehr, eher ein Altmeister, der poetischen Momentaufnahmen ebenso vertraut wie der Widerständigkeit eines Begreifens, das sich gegen vorschnelles Vergessen stemmt. Frohburg, eine Kleinstadt in Sachsen mit bemerkenswert großzügigem Marktplatz, liegt südlich von Leipzig an den Ausläufern des Erzgebirges. Hier ist Vesper zur Welt gekommen, hier hat er seine Kindheit und Jugend verbracht, bis die Familie 1957 in den Westen floh. Im Rückblick wird Frohburg zum Zentrum einer Welt- und Ich-Erfahrung, die sich nicht abschütteln lässt. Nimmt man sie beim Wort, lassen sich Geschichten erzählen, von denen auch Übergänge ins Anekdotische möglich sind; so ist das nun mal mit der Erinnerung, die mit ihren Beständen eigenwillig verfährt und vorab keine Auskünfte erteilt, was sie denn nun für aufhebenswert hält oder nicht. Man hat sich, erst recht wohl im Nachhinein, am Nochvorhandenen zu orientieren, dem dann jedoch, ohne Gewähr, das Wort zu erteilen ist: „Meine frühesten Erinnerungsbilder hängen mit dem Einmarsch der Roten Armee zusammen. Ich sehe die Lastwagen, die Pferdefuhrwerke in stundenlanger Folge an unserem Haus vorbei und in die Stadt ziehen. Juni fünfundvierzig.“ Was im Gedächtnis bleibt, ist im Haus des Bewusstseins eine Art tragende Wand; sie sollte stabil sein, kann aber auch ins Wackeln geraten, was zur Folge hat, dass man manches mit anderen Augen sieht. „Umbruch und Vereisungen. Ich wuchs unter Erwachsenen auf, die im Frühjahr dreiunddreißig die Nazis gewählt, die dann die ersten Zwangsmaßnahmen gegen die Juden für angebracht hielten, die endlich den Sieg über Frankreich bejubelt hatten und denen es fünf Jahre später und für lange Zeit schwerfiel, die Häuser voller Flüchtlinge, die fremden Soldaten, den Mangel an Kleidung, Heizung und Wohnraum als Folgen zu begreifen. – Nach dem Krieg der Versuch, den Sozialismus einzurichten. Viel guter Wille, viel Anstrengung.“

„Frohburg“ ist ein ungemein reichhaltiger Roman, der den Leser, auch den, der sich eigentlich für reiseunwillig hält, in seinen Bann zieht. Wer sich auf dieses Buch einlässt, sollte Geduld mitbringen und bereit sein, mitzumachen, ja manchmal sogar dagegenzuhalten: „Draufsicht, Einsicht, Übersicht, nicht triumphierend ( … ) Sondern sich hineinarbeiten, hineinsehen, hineindenken, die Zeichen, die Linien wahrnehmen, verarbeiten, entschlüsseln, so als könnte es sein, so müsste es in etwa sein, so ist es, vielleicht.“ Am Ende, wenn man Frohburg wieder verlässt, gerät einem, mit leichter Wehmut, sogar die eigene Vergänglichkeit in den Blick, von der, realistischerweise, nicht zu erwarten ist, dass sie sich veredeln lässt und zu anhaltendem Gedenken führt, mit dem sich dann aber ohnehin nur noch die anderen abzumühen hätten: „Was für ein Bild die Nachwelt von uns hat, hängt von vielen Umständen ab. Vielleicht haben wir Glück und kommen mit unserem Doppelgesicht und unseren Gemeinheiten durch, und man redet hauptsächlich gut über uns. Vielleicht haben wir aber auch Pech, und gerade unsere Unzulänglichkeiten stehen im Vordergrund und bekommen das Gewicht von Niedrigkeiten und Schlimmerem. Was soll man machen, es gibt Minuspunkte, die die Zukunft entschuldigt, und Pluspunkte, die eines Tages nicht mehr zählen.“

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erstellt am 05.5.2016

Guntram Vesper
Frohburg
Roman
Gebunden, 1008 Seiten
ISBN-13: 9783895616334
Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2016

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