Die Magnum-Fotografin Susan Meiselas zeigt in Frankfurt wichtige Werkgruppen, die in Nicaragua, San Salvador, Kurdistan und an der amerikanisch-mexikanischen Grenze entstanden sind. Zu erleben sind die herausragenden Fotografien einer engagierten und mutigen Bildjournalistin, die Zeugnis ablegen von Krieg, Flucht und Vertreibung. Isa Bickmann berichtet von der Ausstellung.

Ausstellung in Frankfurt

Grenzen kreuzen

Normalerweise werden Fotografen Fragen nach ihrer Ausrüstung gestellt. Mit welcher Kamera wird fotografiert? Digital oder analog? Welche Objektive werden genutzt? Und so weiter. Dass Susan Meiselas mit der Leica fotografiert hat und vor einiger Zeit auf digitale Fotografie umgestiegen ist, erfuhr man beim Presserundgang nicht. Technische Details schienen niemanden zu interessieren. Der Grund dafür lag sicherlich darin, dass die in der Ausstellung „Carrying the Past, Forward“ präsentierten Bilder Kraft des Zeugnisses, das sie abgeben, Anteil am bewegenden Schicksal der Abgebildeten nehmen lassen.

Mit Susan Meiselas zeigt das Fotografie Forum Frankfurt eine vielfach mit Preisen ausgezeichnete Fotografin. Die 1948 in Baltimore geborene Amerikanerin beschäftigt sich seit 40 Jahren mit dem Thema Migration. 1976 wurde sie von der wichtigen Fotoagentur Magnum Photos aufgenommen. Zuvor hatte die in Harvard im Studiengang Visuelle Kommunikation Ausgebildete eine Serie über Striptease-Tänzerinnen auf Jahrmärkten in New England aufgenommen.

Zu sehen sind in der Frankfurter Ausstellung zwei Werkkomplexe, „Kurdistan: In the Shadow of History“ und „Crossings“ von Reisen nach El Salvador, Nicaragua und an die US-amerikanische Grenze zu Mexiko. Mit einem Foto von der Reise in das revolutionäre Nicaragua, das sich gegen die von den USA unterstützte Diktatur Somozas erhob, schaffte Meiselas es im Juli 1978 auf den Titel der New York Times. Das Bild zeigte drei Männer in traditionellen Masken beim Hantieren mit Sprengstoff. Das machte die Fotografin berühmt und rückte einen Nebenschauplatz der Geschichte in den Fokus.

An der den Arbeiten aus Nicaragua vorbehaltenen Wand im Fotografie Forum fällt das bekannte Bild auf, das eine Frau zeigt, barfuß und in einem roten Kleid, aus der Zeit des Aufstands der Indigenen, der in Monimbó brutal niedergeschlagen wurde. Die Frau trägt einen leblosen Körper auf einer Bahre. Die Leiche ist in ein Jutetuch geschlagen, das grob von einem Strick festgehalten wird. Kompositorisch ist das Foto großartig: Die Frau bildet mit dem auf der Bahre liegenden Körper einen Keil, der nach rechts ausläuft. Sie schaut zurück, vom Betrachter aus gesehen, nach links aus dem Bild heraus, also in die Vergangenheit, das eben Erlebte, zurück. Das ist nicht bloß Reportagekunst oder Dokumentation, sondern Meiselas gelingt es, die menschliche Dimension in das Narrativ einzubinden und damit vom Leid des Individuums Zeugnis zu geben.

„I still find these boundaries very blurry,” sagte sie dem Blatt „The Brooklyn Rail“, sich auf die für sie nicht mehr gültigen Unterschiede von Ethnographie, Fotojournalismus und Dokumentation beziehend (aus: Bruce Young: Susan Meiselas, Innovator, in: NPPA, https://nppa.org/page/25144, abger. 11.4.16). Meiselas geht stets über die reine dokumentarische Fotografie hinaus. 1991 begibt sie sich in Nicaragua auf die Spuren der 1978 fotografierten Personen. Sie will sie erneut treffen. Es entstehen die „Pictures from a Revolution“. Darin macht sie auch die Frau im roten Kleid ausfindig. Das Video dieser Begegnung ist in der Ausstellung im Fotografie Forum zu sehen. Nubia, so heißt sie, erzählt, unter welchen Bedingungen sie damals ihren Mann begraben musste. Sie sei erst 14 Jahre alt gewesen und nur ein einziger Mann wollte ihr beim Begräbnis der Leiche ihres Mannes helfen. Meiselas macht ein Polaroidbild von Nubia, die sich noch nie selbst auf einem Foto gesehen hat. Die ganze Familie um Nubia herum freut sich über das Bild. Solch einen „wonderful little moment“ zu erleben, beschreibt Meiselas als ein Privileg. Sie gibt auf diese Weise doppeltes Zeugnis: das der Vergangenheit und das gegenwärtige, in der Konfrontation mit der Vergangenheit entstandene.

Pictures From a Revolution - Nubia from Susan Meiselas on Vimeo.

Meiselas Kunst ist es, mit dem Motiv ein Bild auszufüllen, Nähe zu schaffen, dabei in der Distanz des Fotojournalisten zu bleiben. Wobei sie immer mitten hinein in das Geschehen geht. Man fragt nicht, aber sie hat sich bestimmt selbst mehr als einmal in Gefahr gebracht. Die Kamera ist Verbindung wie auch Distanz schaffendes Medium: „The camera is an excuse to be someplace you otherwise don't belong. It gives me both a point of connection and a point of separation.”

Im Mittelpunkt ihres Werkes steht das Kreuzen von Grenzen: „Crossings“. Flucht erscheint uns als das große Thema unserer Zeit, doch im Grunde, das bestätigt sich rückblickend, ist Flucht ein Dauerproblem. Solange es Krieg, Tod, Verzweiflung, Hunger gibt, solange wird es Flucht geben. Mit der amerikanischen Grenzkontrolle ist Meiselas unterwegs gewesen, in Kurdistan war sie seit Ende der achtziger Jahre tätig. Sie hat dort mit Human Rights Watch zusammengearbeitet bei der Dokumentation von Massengräbern. Sie fotografierte Straßenfotografen, die für die Aufarbeitung und die Erinnerung der kurdischen Geschichte wichtig sind, da sie Porträtbilder anfertigten, jene einzigen Erinnerungsstücke, die bleiben, wenn ein Mensch verschwindet oder exekutiert wird. Meiselas setzte sich zum Ziel, das Vergessen des kurdischen Volkes zu stoppen. Daraus entstand ein Buch, das aber nie ausreichte, weil nach der Drucklegung immer mehr Zeugnisse hinzukamen: Sie initiierte die Website akaKURDISTAN, um die Erinnerungen, die ihr zugetragen wurden, zu bündeln und öffentlich zu machen.

Screenshot akaKURDISTAN

Heute macht Meiselas Workshops mit Geflüchteten, immer auf der Suche nach „individuellen Geschichten“. Die Teilnehmer sollen ihre Geschichte visualisieren. Die Ergebnisse sind im Fotografie Forum auf einer Wand aufbereitet. Sie erzählt von einem Syrer, der sich nie beteiligt hat und ständig auf sein Smartphone starrte. Sie entdeckte, dass er die ganze Zeit Kontakt zur Heimat suchte, Fotos von den Zerstörungen dort ansah, denn das Smartphone ist auch ein Archiv persönlicher Erinnerung von Menschen, die alles verloren haben. (Und da fragt noch wer, wozu Geflüchtete freies WiFi benötigen?)

In Zeiten, wo man immer häufiger die Menschlichkeit vermisst, ist die Begegnung mit dem Werk dieser Fotografin notwendig. Und man würde den Besuch dieser Ausstellung nur allzu gerne zur Pflicht erklären!

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erstellt am 04.5.2016

US-Mexican Border, 2:00 pm, holding cell for undocumented female detainees, El Cajon, California, 1989, © Susan Meiselas/Magnum Photos

Ausstellung in Frankfurt

Susan Meiselas. Carrying the Past, Forward

9. März – 5. Juni 2016

Fotografie Forum Frankfurt

Website von Susan Meiselas

susanmeiselas.com

Monimbo woman carrying her dead husband home to be buried in their backyard, Masaya, Nicaragua, 1979, © Susan Meiselas/Magnum Photos

Irak, Kurdistan, 1991, © Susan Meiselas/Magnum Photos

Susan Meiselas im Fotografie Forum Frankfurt, 8. März 2016

Susan Meiselas: Creative Activism – A Window Into the World of Artists and Social Entrepreneurs, 2015