Die Ludwigsburger Schlossfestspiele locken mit musikalischen Ereignissen der besonderen Art in die Barockstadt in der Nähe von Stuttgart. Zum Auftakt trat der Orgel-Star Cameron Carpenter zusammen mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien auf. Am folgenden Tag wurden Bagatellen von Anton Webern sowie Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ und Blues und Folklore vorgetragen, berichtet Thomas Rothschild.

Ludwigsburger Schlossfestspiele 2016, Teil 1

Begegnungen der ungewöhnlichen Art

Fast drei Monate, also ein Vierteljahr lang locken die Ludwigsburger Schlossfestspiele mit musikalischen Ereignissen der besonderen Art in die Barockstadt in unmittelbarer Nähe der Landeshauptstadt Stuttgart. Gleich nach dem Eröffnungskonzert boten sie in Kooperation mit dem Forum am Schlosspark, dem in den vergangenen Jahren aus seinem Dornröschenschlaf erwachten Veranstaltungs- und Kongresszentrum an der wenig attraktiven Durchfahrtsstraße, eine kleine Sensation an, die am Ende auch mit verdientem anhaltendem Applaus des zahlreich erschienenen Publikum belohnt wurde. Der amerikanische Star Cameron Carpenter, ein Nigel Kennedy der Orgel, trat zusammen mit dem ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter dessen Chefdirigent Cornelius Meister auf. Schon das überdimensionale Instrument, das sich Carpenter hatte bauen lassen, ließ eine Begegnung der ungewöhnlichen Art erwarten. Die Erwartung wurde nicht enttäuscht.

Cameron Carpenter spielte mit dem Orchester eine eigene Version von Sergej Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“. Der Orgel-Virtuose brillierte mit den Variationen eines Klavier-Virtuosen über ein Thema eines Violin-Virtuosen: So nah kommt Musik dem Zirkus selten. Freilich: Paganinis Thema ist ein Ohrwurm, vergleichbar dem Kanon von Pachelbel, und Carpenter ist nicht der Erste, den es gereizt hat, ihm auf seinem Instrument nachzuspüren. Julian Lloyd Webber etwa, der Bruder des Musical-Komponisten Andrew Lloyd Webber, hat Variationen darüber vor fast vierzig Jahren auf dem Cello gespielt.

In den Zugaben konnte Carpenter dann vorführen, dass er in der „Klassik“ ebenso daheim ist wie im Rock, dem man ihn dem Aussehen und der Kleidung nach auch eher zuordnen möchte als jener Musik, mit der sich das befrackte ORF-Orchester gemeinhin auseinandersetzt. Vorausgegangen war dem Auftritt des Solisten Antonín Dvořáks Tondichtung „Die Mittagshexe“ (mit publikumsfreundlichen Tondichtungen und -malereien haben es die Schlossfestspiele in ihrem ganzen Programm), nach der Pause demonstrierte Cornelius Meister am Beispiel von Schumanns 4. Sinfonie, was man unter Romantik in der Musik verstehen soll, temperamentvoll und die Tempobezeichnung „lebhaft“ in drei der vier Sätze beim Wort nehmend.

Am folgenden Tag, im Ordenssaal des Ludwigsburger Schlosses, konterkarierte ein kleines Ensemble den Aufwand, und Intendant Thomas Wördehoff konnte exemplarisch zeigen, was die Besonderheit seiner Konzeption ausmacht: die Aufhebung der Grenzen zwischen den Genres. Im Wechsel ließ er Bagatellen von Anton Webern sowie Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ – auch eine Tondichtung! – und Blues und Folklore vortragen. Mit dem bewährten Bluesgitarristen und -sänger Hans Thessink, dem für Schönberg erweiterten Casal Quartett und der norwegischen Sängerin Rebekka Bakken, teils a cappella, teils im Duo mit Hans Thessink, teils begleitet vom Streichquartett, hatte er dafür mutige Streiter, wenngleich man gelegentlich den Eindruck hatte, dass Thessink zwischendurch ganz gerne die Bühne verlassen hätte. Ganz konnte die Kombination nicht überzeugen. Die suggerierte Querverbindung, und sei es eine Verbindung durch Kontrast, liegt nicht gerade auf der Hand, und der Verweis auf den Surrealismus im Programmfaltblatt wirkt in diesem Kontext etwas aufgesetzt. Blieb ein Abend mit unterschiedlichen Qualitäten von Musik, und das Publikum hat das Angebot mehr als nur angenommen: Es erklatschte sich nach 100 Minuten ohne Pause Zugaben und wäre wohl noch länger geblieben, wenn den Beteiligten nicht das verabredete Repertoire ausgegangen wäre.

Die „Verklärte Nacht“ wird übrigens noch einmal bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen zu hören sein: am 4. Juni, getanzt in einer neuen Choreographie von Anne Teresa De Keersmaeker, die das Stück bereits 1995 mit ihren Rosas einstudiert hat.

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erstellt am 04.5.2016

Cameron Carpenter und das ORF Radio-Symphonieorchester Wien. Foto © Julia Wesely

Casal Quartett © Lutz Jaekel

Rebekka Bakken © Felix Broede