Die Künstlerin Lilly Lulay erweitert die Fotografie ins Malerische und Skulpturale. Ihre Arbeiten sind derzeit bei zahlreichen Ausstellungen zu sehen, unter anderem in Paris. Ein umfangreicher Katalog ihrer Fotocollagen erschien kürzlich im Revolver Verlag. Eugen El stellt die 1985 geborene Künstlerin vor.

Die Künstlerin Lilly Lulay

Die Leichtigkeit der Fotografie

Man könnte denken, die Collage sei ein inzwischen überstrapaziertes Medium. Immer neue Wellen, Hypes erlebte sie, vor kurzem erst wieder. Keine ambitionierte Ausstellung junger zeitgenössischer Kunst, kein „Off-Space“ kam in den letzten ein bis zwei Jahren ohne Collagen aus. So könnte man auch Lilly Lulays Arbeiten zunächst in diese Strömung einordnen. Und würde damit mehr als falsch liegen. Die kleinformatigen Blätter ihrer „Mindscapes“-Serie basieren auf zumeist vorgefundenen Fotografien, die Lulay zerschneidet und zu akribisch durchdacht wirkenden Kompositionen zusammensetzt.

Fragmente von Berglandschaften finden sich dort, Häuserzeilen sind zu erahnen, verwunschene Säulengänge. Immer wieder tauchen abstrakte Partien auf. Ein Bildelement, das die Komposition zusammenhält, ergebe sich erst im Prozess, sagt die Künstlerin. Auf ihre künstlerische Motivation angesprochen, erzählt Lilly Lulay von den Anfängen im Jahr 2007, als sie an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung studierte: „Ich wollte Malerei mit fotografischen Mitteln machen.“ So erstaunt es auch nicht, wenn Lulay die verwendeten Fotos vor allem als „Farbmaterial“ betrachtet.

Für eine Ausstellung im Frankfurter „basis Projektraum“, die im April gezeigt wurde, erweiterte Lulay ihren Ansatz ins Skulpturale, indem sie leichte, gleichsam schwebende Objekte schuf, die Fotografie und Piktogramme zum Ausgang nahmen. Auch sonst durchweht eine angenehme, anregende Leichtigkeit das Œuvre dieser Künstlerin.

Lulays experimentelles Changieren zwischen den künstlerischen Medien zeigt die Arbeit „o.T. (painting)“, die ebenfalls in Frankfurt ausgestellt wurde. Auf eine großformatige Leinwand klebte sie Hunderte Fotografieschnipsel aus einem Fotoalbum, und zwar so, dass vor allem ihre Rückseite sichtbar ist. Auch etliche monochrome Fragmente von Fotovorderseiten trug Lulay auf. Betrachtet man die Arbeit aus der Distanz, so erinnert sie an ein abstraktes Mosaik. Bei einem näheren Blick jedoch kommen die Konturen der Fotomotive zum Vorschein. Man kann sie sogleich Personen und Gegenständen zuordnen.

Was Fotografien im Zeitalter der sozialen Netzwerke über unsere Identität zu erzählen vermögen, demonstriert Lulay in ihrem Projekt „Liquid Portrait“. Dafür verwendet sie sämtliche bei Facebook gespeicherte Fotos einer Bekannten. Lulay macht die privaten Bilder unkenntlich, indem sie die Personen ausschnitt, auf ihre Konturen reduzierte. Dennoch lassen sich viele Szenerien erkennen. Auch Bilder öffentlicher Personen, Filmstills, Comic- und Kunstzitate finden sich im Fundus. Lulay übernimmt sie manchmal unverändert. Die mit einem Skalpell bearbeiteten Fotografien verbindet sie zu einem dichten, dreidimensionalen Geflecht. „Liquid Portrait“ wurde 2015 bei einer Ausstellung in Zürich präsentiert, eine Aktualisierung erfährt das Projekt nun in der Warte für Kunst in Kassel.

Bilder in Pariser Metrostationen

Auch in Paris sind Lilly Lulays Arbeiten aus der Serie „Mindscapes“ derzeit zu erleben. Im Rahmen des europäischen Fotofestivals „Circulation(s)“ begegnet man ihren Bildern im Ausstellungshaus Centquatre, sowie im öffentlichen Raum in Pariser Metrostationen, wo normalerweise großflächige Werbeplakate hängen. Erstaunlich gut funktionieren die „Mindscapes“-Motive trotz enormer Vergrößerung.

In der Pariser Galerie Binôme ist Lulay derzeit an einer Gruppenausstellung zum Thema Fotografie und Zeichnung beteiligt. Im Sommer 2016 wird sie für einige Monate eine Künstlerresidenz im Städtchen Hendaye in der Aquitaine-Region antreten. Schon 2008 studierte Lulay ein Jahr lang in Bordeaux. Seitdem hat sie zahlreiche Kontakte nach Frankreich aufgebaut. „Ich mag das Land“, sagt Lulay. Doch auch Frankfurt bleibt sie verbunden. Die Ausstellung im „basis Projektraum“ markiert eine Heimkehr. Lange hat Lilly Lulay ihre Arbeiten nicht in ihrer Geburtsstadt gezeigt. Im Herbst wird sie wieder an einer Doppelausstellung in der „basis“ teilnehmen.

	 Lilly Lulay, Collage aus der Serie „Mindscapes“, in der Pariser Metrostation Opéra, 2016
Lilly Lulay, Collage aus der Serie „Mindscapes“, in der Pariser Metrostation Opéra, 2016

Kommentare


Erich Christoph-Borger - ( 28-06-2016 02:00:16 )
einfach klasse.
http://blickwinkel-portal.de

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erstellt am 03.5.2016

Lilly Lulay, Collage aus der Serie „Mindscapes“

Neu erschienen:

Lilly Lulay
Mindscapes
Texte in Deutsch, Englisch und Französisch. Zahlreiche Farbabbildungen
Softcover, 88 Seiten
ISBN 978-3-95763-346-0
Revolver Verlag, Berlin 2016

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Lilly Lulay, „o.T. (painting)“. Foto: Camilo Brau

Lilly Lulay, „o.T. (painting)“, Detail

Aktuelle Ausstellungen von Lilly Lulay

Bis 15. Mai 2016
Warte für Kunst
Frankfurter Straße 54, 34121 Kassel

Bis 21. Mai 2016
Galerie Binôme
19, rue Charlemagne, 75004 Paris

Bis 26. Juni 2016
Paris, Metrostationen Hotel de Ville, Bir-Hakeim

Bis 7. August 2016
CIRCULATION – festival de la jeune photographie européenne
CENTQUATRE Paris
5 rue Curial, 75019 Paris

Weitere Informationen

lillylulay.de