Am 4. Mai 2016 wird die Schriftstellerin Gerlind Reinshagen neunzig Jahre alt. Sie ist vor allem durch ihre gesellschaftskritischen Theaterstücke bekannt geworden. In vielen ihrer Stücke und Prosabücher, zuletzt in ihrem Roman „nachts“ und dem jüngsten Theaterstück „Die Perseiden“, ist das Berlin der Gegenwart Handlungsort. Hans-Ulrich Müller-Schwefe würdigt die Schriftstellerin und stellt ihr Werk vor.

90. Geburtstag von Gerlind Reinshagen

Beschwingtheit und Beweglichkeit

Von Hans-Ulrich Müller-Schwefe

Durch einige Bücher der Autorin bewegt sich eine alte, erblindende Frau; eine asketische Erscheinung; frei, sich zu erinnern, frei, alles zu hören und mit ihren sich eintrübenden Augen zu sehen – um strikt nur zu beherzigen, worauf es ankommt. Ein preußischer HOMER? „Wer singt? Nicht ich. Ich schreibe, wenn ich schreib, ein Leben, so wie es mir erscheint. Und wenns sich einmischt und sich selber schreiben will, kann ich dafür? Ich muß den Anfang finden.“ (Vom Feuer, 16)

Gerlind Reinshagen, die 1926 in Königsberg geboren wurde, wohnt seit langer Zeit in BERLIN. In vielen ihrer Stücke und Prosabücher, zuletzt in ihrem Roman „nachts“ und dem jüngsten Theaterstück „Die Perseiden“, ist das Berlin der Gegenwart Handlungsort, mit der Präsenz einer Hauptfigur.

Die KRIEGsjahre und die davor und danach durchlebte sie als Mädchen und als junge Frau in Halberstadt. Neben dem wenig jüngeren Alexander Kluge ist sie die andere Chronistin der Zerstörung Halberstadts durch den Luftangriff am 8. April 1945 – und der Zerstörung des zivilen Lebens, die vorausgegangen war.

In der von Männern weitgehend befreiten, merkwürdig weiblich geprägten Schul- und Familienwelt des Kriegs gedeihen Träume und Fantasien eines anderen Lebens. Die männlichen Helden, Kampfflieger, Generäle, zartbesaitete Schulkameraden, sterben an der Front im Osten oder kehren verwundet und gebrochen zurück. In den Hunger- und Trümmerjahren danach, wie befreit von Ballast, scheint materielle Knappheit eine große Beschwingtheit und experimentierfreudige Beweglichkeit freizusetzen, die bald darauf den Erfolgen des Wirtschaftswunders erliegen. (Hinzuweisen ist, neben den beiden Prosabänden „Zwölf Nächte“ und „Vom Feuer“, auf die Stücktrilogie „Sonntagskinder“, „Das Frühlingsfest“ und „Tanz, Marie!“)

Jeder Mensch hat eine AURA. Manche können sie sehen. Sie erkennen am Zustand der Aura, wie es um den Betreffenden steht. Zur ‚Grundausstattung‘ der Autorin Gerlind Reinshagen scheint zu gehören, dass sie jeden von uns durch auch so eine Art Aura, einen Kokon der anderen Möglichkeiten, worin wir leben, herausgehoben und ausgezeichnet sieht. In ihren Theaterstücken und Gedichten, den Erzählungen und Romanen wird sie nicht müde, ihre Figuren auf diese Weise zu vervollständigen, ihnen Größe zu verleihen. Sie macht die Kokons sichtbar, bringt sie ins Spiel.

So dass alles schön wird? Keine Angst. Eine paradiesisch, gar spirituell befriedete Scheinwelt kommt bei der ‚Operation Reinshagen‘ nicht heraus. Wohl aber verteilen sich die Gewichte anders. Beziehungen erscheinen in einem neuen Licht. Sauerstoff wird zugeführt. Aussichten, und seien es bestürzende, tun sich auf. Noch in der Sackgasse bricht sich Manövrierfähigkeit Bahn.

In einer SPRACHE übrigens, die geerdet, nicht ohne Witz und Schlagfertigkeit ist und doch immer wieder zu gebundener Rede drängt, mit den Flügeln schlägt – um zu fliegen. (Leichtigkeit und Witz zeichnen viele ihrer Stücke aus, zum Beispiel auch „Joint Venture“, die dialogische, extrem vergnügliche „Kleine Studie über die Impotenz“.)

Eines der schönsten Textbeispiele ist der jüdischen Dichterin Gertrud KOLMAR (1894-1943) gewidmet, die nicht emigrierte, sondern – für ihren Vater und dann allein – sehenden Auges in ihrer Stadt, in Berlin ausharrte. „Die Frau und die Stadt – Eine Nacht im Leben der Gertrud Kolmar“ ist ein großer Monolog, ein Gesang im Feuerofen.

Auch Kolmar-Gedichte hat Gerlind Reinshagen geschrieben. Eines lautet:

„Nichts
Was mich angeht
Verrat ich je
Die Stadt nicht
Noch die Zeit
In der ich mich befinde
Wo ich herkomm
Ahnt keiner
Nur meine Tiere wissen früh
Wohin wir gehen“

P.S. Und der preußische Homer – die blinde Frau? Die Autorin hat so jemanden gekannt, wie sie erzählt; eine ferne Verwandte; eine Art Vorbild. Ihr SELBSTBILD?

Hans-Ulrich Müller-Schwefe ist Lektor im Suhrkamp Verlag.

Zuerst erschienen im Suhrkamp Theater Magazin 2016. Mit freundlicher Genehmigung © Suhrkamp Verlag

siehe auch

Romanauszug: Gerlind Reinshagen, nachts

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erstellt am 01.5.2016

Gerlind Reinshagen. Foto: © Digne Meller Marcowicz
Gerlind Reinshagen. Foto: © Digne Meller Marcowicz

Gerlind Reinshagen
nachts
Roman
Gebunden, 130 Seiten
ISBN: 978-3-518-42247-2
Suhrkamp Verlag, Berlin 2011

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Gerlind Reinshagen
Zwölf Nächte
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Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

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