Das Prado Museum in Madrid zeigt eine große Ausstellung des lothringischen Malers Georges de La Tour. Die chronologische Anordnung der Gemälde macht eine Entwicklung von einem derben Realismus zu einer stilisierten Theatralik sichtbar. In der räumlichen Nachbarschaft zu den spanischen Meistern werden zudem ungeahnte Verwandtschaften erkennbar, berichtet Stefana Sabin.

Ausstellung

Im Kerzenlicht

Viel ist nicht über ihn bekannt. Georges de La Tour wurde 1593 in Vic-sur-Seine als das zweites von sieben Kindern eines Bäckermeisters geboren, heiratete 1618 die Tochter eines Finanzverwalters des Herzogs von Lothringen und zog nach Lunéville, wurde 1639 per Urkunde zum „peintre ordinaire du Roy“ ernannt, zum offiziellen Maler des Königs Ludwig XIII, und starb 1652 in Lunéville, wo er wegen der vielen Hunde, die er hielt, unbeliebt war. Es ist unklar, wie er zur Malerei kam und wo er die technische Fertigkeit erlernte; es gibt kein Porträt von ihm, keine Abbildung, nur wenige seiner Gemälde sind signiert.

Auch deshalb blieb sein Werk lange unbekannt, wurden seine Bilder der Caravaggio-Schule zugerechnet oder niederländischen Meistern zugeschrieben. Erst 1915 wurde La Tour von dem deutschen Kunsthistoriker Herman Voss ‚entdeckt’, und es dauerte noch lange, bis ihn eine erste Ausstellung bekannt machte. Das war 1972, als in der Pariser Orangerie nicht nur die von Voss authentifizierten Gemälde, sondern auch umstrittene Bilder und Kopien gezeigt wurden. Inzwischen zählt man zum Werk von La Tour etwa vierzig Gemälde, von denen einunddreißig im Prado versammelt sind.

Die Ausstellung verzichtet auf jede Inszenierung und ordnet die Bilder chronologisch, wobei diese Chronologie – aus Mangel an gesicherten biographischen Daten – auf Vermutungen beruht. Angefangen mit den „Streitenden Musikanten“, die bis 1958 Caravaggio zugeschrieben wurden, über die zwei Hieronymus-Porträts und die berühmte „Wahrsagerin“ bis zu den Kerzenbildern kann man La Tours Entwicklung von einem derben Realismus zu einer stilisierten Theatralik verfolgen.

Es ist vor allem das Kerzenlicht, für das Georges de La Tour heute bekannt ist. Die Flamme der Kerze bildet auf diesen Gemälden einen Lichthof, beleuchtet ein Gesicht und lässt zugleich den Raum dunkel – es ist ein Spiel aus Licht und Schatten, das den Szenen eine geradezu unheimliche Intimität verleiht. Das Kerzenlicht beleuchtet Hiobs von Leiden gepeinigte Brust und verleiht dem Gesicht seiner Frau eine lasierende Färbung (Hiob und seine Frau); es taucht Josephs banales Handwerk in ein übergeordnetes Licht (Joseph als Zimmermann); es macht aus Maria Magdalenas Nachdenken eine philosophische Handlung (Büßende Maria Magdalena) – es ist immer das Licht, das diesen Darstellungen eine magische Aura verleiht.

Das Licht ist es auch, das La Tours Nähe zu den spanischen Meistern wie Zurbarán, Ribera oder Velázquez erkennbar macht: die Menschlichkeit der Figuren und ihre zugleich abgehobene Innerlichkeit, vor allem die Farbigkeit und die verschatteten Innenräume. (Nicht zufällig wurde das Porträt des lesenden Hieronymus, das dem Prado gehört, zuerst Zurbarán zugeschrieben – und vielleicht auch deshalb war das Bild in eine spanische Sammlung gelangt.) Tatsächlich bleibt die Außenwelt wie ausgeschlossen, der Betrachter wird nie angesprochen. Es ist vielleicht dieses Spiel aus Distanz und Intimität, das den Gemälden ihren besonderen Reiz gibt.

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erstellt am 29.4.2016

Georges de La Tour: Das neugeborene Kind. Öl auf Leinwand, 76 × 92 cm. Rennes, Musée des Beaux Arts

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23. Februar – 12. Juni 2016

Museo Nacional del Prado

Georges de La Tour: Die Wahrsagerin. Öl auf Leinwand, 102 × 123 cm. The Metropolitan Museum of Art, New York
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