Der Amerikanist Christoph Ribbat erzählt in seinem Buch „Im Restaurant“ Geschichten aus anderthalb Jahrhunderten westlicher Restaurantgeschichte. Den Bogen spannt Ribbat von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Er verzichtet dabei weitgehend auf akademischen Zierrat. Bruno Laberthier empfiehlt die Lektüre des Buchs.

Buchkritik

Von Köchen und Kellnern

Eine kleine textgenerische Besonderheit will das Büchlein über die Praxis des Außer-Haus-Speisens schon sein, das im März unter dem Titel „Im Restaurant“ erschien und jüngst für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde. Kulturgeschichtsschreibung ohne akademischen Zierrat aus der Feder eines Wissenschaftlers – geht das?

Die Antwort lautet: ja. Christoph Ribbat, der Autor dieser „Geschichte aus dem Bauch der Moderne“, verdingt sich zwar als Amerikanistikprofessor in Paderborn. Doch statt sich den Gepflogenheiten der (kultur-)wissenschaftlichen Écriture zu unterwerfen – strenge Argumentationsführung, Symptom-Darstellung mit anschließendem Diagnoseversuch, Theoriebildung oder zumindest methodengeleitetes Vorgehen –, wechselt er gekonnt und stilsicher Vignetten aus anderthalb Jahrhunderten okzidentalischer Restaurantgeschichte mit leitmotivischen Strängen ab. Pate steht dabei ausdrücklich John Dos Passos, nicht die Alma Mater. Auch der Fußnoten- und bibliographische Apparat im Anhang ist allenfalls ein Kann, kein Muss. Sozusagen das Dessert, das lesenahrungsbewusste Leserinnen weglassen werden.

Besonders gelungen, weil routiniert ineinander montiert und mit effektiven Cliffhangern ausgestattet, sind die vielen episodisch aufbereiteten Erzähl- und Erlebnisfäden, die sich an bekannten Namen (von George Orwell bis Wolfram Siebeck), und klangvollen Kritikern der Gastronomie (von Escoffier bis, jawohl: der auch, Günter Wallraff) entlang hangeln. Dazu kommen die vielen anonymen und unbeachtet gebliebenen Protagonisten aus Kombüse, Kantine und Kellnerwesen, denen ein Denkmal gesetzt wird. Stichwort „unbeachtet geblieben“: Ribbat vergisst nicht, auf Frances Donovan zu sprechen zu kommen. Die hatte in den späten 1910er Jahren das Kellnerinnenwesen zuerst praktiziert, dann inspiziert und schließlich wissenschaftlich beschrieben – ein längst verschüttetes Stück Arbeitssoziologie und Action Research avant-la-lettre wird hier mit Donovan und ihren Studien gehoben. Das verdient, wie auch die Erwähnung weiterer Heroinnen der Küchensoziologie, ein Separatkompliment.

Den Bogen spannt „Im Restaurant“ von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart. Frankreich, natürlich Deutschland (erste Pizzeria in Würzburg 1952! Ein kölsch-französischer Sprachführer von 1913 als Handreichung für die Brauhausbedienungen der Domstadt!), dazu Katalonien, ein bisschen Skandinavien und vor allem Nordamerika spielen die Hauptrollen. Auch wenn die Erfindung des Sushi-Laufbands oder ein wenig Chinaküche mit hinein gemixt sind, ist die „Moderne“ im Untertitel also eine unverkennbar westliche. Insbesondere für mittelosteuropäische Begebenheiten lässt das kaum Platz. Bohumil Hrabals kanonischer Kellnerroman „Ich habe den englischen König bedient“ bleibt beispielsweise unerwähnt, was ein wenig schade ist. Erzählt wird stattdessen, etwas überspitzt und verkürzt formuliert, der Werdegang des fiktiven Pariser Spitzenrestaurants „La Mouette d’Or“, das auf der anderen Seite des Atlantiks zur Kette wird, sich ein sprechendes Logo verpasst und den Rest der Welt als perfekt systemgastronomische „Goldene Möwe“ erobert.

Auch die ausführliche, auch sozialkritische Thematisierung von McDonald und Co. mag Ribbats amerikanistischem Hintergrund geschuldet sein. Sie tut aber der Gesamtwirkung der schönen Komposition keinen Abbruch, die in klugen Reflexionen der essayistisch-ausblickenden Art münden. Aufgetischt gehört unterm Strich eine Leseempfehlung.

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erstellt am 29.4.2016

Christoph Ribbat
Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne
Gebunden, 228 Seiten
ISBN: 978-3-518-42526-8
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

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Buchtrailer »Im Restaurant«, Suhrkamp Verlag