Johann Gottlieb Fichte ließ zuweilen ganz persönliche Erfahrungen in seine philosophischen Erörterungen einfließen: „Mein Heiligstes ist dem Spotte preisgegeben.“ Otto A. Böhmer wurde nun Zeuge, wie der Gelehrte mit Steinen, Grobianen und dichterfürstlichen Sottisen zu kämpfen hatte.

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte

Sehr unhöflich

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte – er wurde bekannt durch den überaus eingängigen Satz „Ich setze im Ich dem teilbaren Ich ein teilbares Nicht-Ich entgegen“ – hatte, wie er fand, eine ausnehmend gute Nacht mit seiner Frau verbracht. Frohgemut stand er auf und begab sich an den Frühstückstisch. Dort harrte er des heißen Kaffees, der Jenaer Allerweltskrimbel (einer von ihm sehr geschätzten Backwarenspezialität) und der weichgekochten Eier, die da kommen sollten; eine milde Herbstsonne schien ins Zimmer, und Fichte, noch in der Vergegenwärtigung des Gewesenen begriffen, notierte auf dem Rande der Zeitung von vorgestern: „Dieser Trieb, mit dem Unvergänglichen vereinigt zu werden und zu verschmelzen, ist die innigste Wurzel alles endlichen Daseins.“ Als das Frühstück jedoch auf sich warten ließ, kam ihm die gute Laune zusehends abhanden. „Johanna! Wann denn …“, rief er mehrere Male zur Küche hinüber, und seine Frau antwortete ihm „Gleich!“ – was ihm nun schon wie eine ärgerlich-nichtssagende Gewohnheitsreplik vorkommen wollte. Was für eine Anmaßung, bester Dinge zu sein, dachte er, gerade ich sollte doch wissen, dass es längst nicht mehr gesittet zugeht auf dieser Welt. Die akademische Jugend, im besonderen aber die sogenannten studentischen Verbindungen gaben zu den schlimmsten Befürchtungen Anlass; erst kürzlich hatte eine unerkannt gebliebene Abordnung dieser gänzlich verrohten Konventikel ihm, dem hochgerühmten Philosophen, im Schutze der Nacht ein paar Backsteine in die Fenster gepfeffert, nur weil er, Fichte, es gewagt hatte, das schändliche Treiben der Verbindungsburschen zu geißeln, denen Raufhändel und derbe Amouren mehr bedeuteten als das Studium schwer ergründbarer Wahrheiten. Und hatte nicht er, Fichte – als kräftiger Gegenwind ihm durch die lädierten Scheiben blies –, in heiligem Zorn an den Weimarer Minister Goethe geschrieben und heftige Klage darüber geführt, dass er und die Seinen „dem Mutwillen böser Buben preisgegeben“ würden und sich „ärger“ behandelt fühlen müssten als „die schlimmsten Missetäter …“

„Johanna! Wann denn – endlich“, rief er abermals, mittlerweile merklich erzürnt, und in diesem Augenblick warf man ihm – eine von Fichte schon mehrfach gerügte Unsitte des Postdistribuenten – drei Briefe durchs Fenster. Dieser faule Strick nutzte aus, dass die Scheiben im Hause des Philosophen noch immer nicht ersetzt worden waren. Einer der Briefe, die Fichte vom Boden aufnahm, war von Goethe; endlich, dachte er, bequemt sich der Herr Minister zu einer Antwort – und endlich erschien auch seine Frau mit dem Frühstück. „Es hat etwas länger gedauert“, sagte sie. „In der Tat“, antwortete Fichte und widmete sich der Lektüre des Briefes. „Sie, geehrter Herr“, stand da zu lesen, „haben also das absolute Ich in großer Verlegenheit gesehen, und freilich ist es von den Nicht-Ichs, die man doch gesetzt hat, sehr unhöflich, durch die Scheiben zu fliegen. Es geht ihm aber wie dem Schöpfer und Erhalter aller Dinge, der, wie uns die Theologen sagen, auch mit seinen Kreaturen nicht fertig werden kann …“ „Lass es dir schmecken!“ sagte die Frau des Philosophen. „Nein!“ rief Fichte und sprang auf. „Das will und kann mir nicht schmecken!“ Er stürzte davon, ließ sein Frühstück stehen und die Frau sitzen; bis auf weiteres war ihm fast alles vergangen.

Am Abend – tagsüber hatte er sich missmutig an der Universität herumgedrückt und seine Studenten mit bitterbösen Blicken traktiert – befiel ihn auf dem Nachhauseweg ein ungewöhnlicher Durst. Ein Bier, dachte er, ein Bier, das allerordinärste aller Rauschmittel könnte mir jetzt guttun, und kurzentschlossen ging er in eine Wirtschaft, um seinem Durst dort auf die übliche und ganz und gar unphilosophische Weise zu Leibe zu rücken. Johann Gottlieb Fichte trank im Stehen, und nachdem er seinen Humpen geleert hatte, gab er Anweisung, für Nachschub zu sorgen. Neben ihm stand ein baumlanger Kerl, ein Lastenmann oder Handwerker, auf jeden Fall ein ganz unverschämter Geselle, der auf den relativ klein gewachsenen Philosophen durchaus mokant, ja frech herabäugte und plumpe Anzüglichkeiten verbreitete, die Fichte im Lärm der Schankstube allerdings nicht recht verstehen konnte und wollte. Kerl, ich beutel dich, bis dir Hören und Sehen vergeht, dachte der Philosoph, der den Blick des dreisten Provokateurs nicht erwiderte und sich der wohltuenden Wirkung des Bieres hingab, die Mut in ihm aufbrachte und unaufdringliche Stärke. „Den Lümmel will ich Manieren lehren“, sprach Fichte, was außer ihm niemand hören konnte. „Ich werde ihn aus dem Wirtshaus prügeln und durch die Gassen jagen wie einen Hund.“ Der Philosoph trank sein Bier aus, zahlte und ging. Draußen atmete er tief durch und begann, nicht mehr so sicher ausschreitend wie sonst, seinen Heimweg. „Wer die Lessingschen Fehden erneuert sehen will, der reibe sich an mir“, murmelte er vor sich hin, und der so finster begonnene Tag kehrte sich ihm in der Nacht doch noch zu – im behaglichsten Einvernehmen.

Ja, nun steigerte er sich sogar ins Gewaltige hinein; er schritt aus und befeuerte sich selbst. „Ich weiß überall von keinem Sein und auch nicht von meinem eigenen“, rief er übermütig in die Nacht hinein. „Es ist kein Sein! – Ich selbst weiß überhaupt nichts und bin nicht. Bilder sind: Sie sind das einzige, was da ist, und sie wissen von sich, nach Weise der Bilder; – Bilder, die vorüberschweben, ohne dass etwas sei, dem sie vorüberschweben; die durch Bilder von den Bildern zusammenhängen, Bilder, ohne etwas in ihnen Abgebildetes …“ „Ruhe!“ brüllte jemand aus einem geöffneten Fenster. „Selber Ruhe!“ brüllte Fichte zurück. „Ohne Bedeutung und Zweck! Ich selbst bin nämlich eins dieser Bilder; ja, ich bin selbst dies nicht, sondern nur ein verworrenes Bild von den Bildern. – Alle Realität verwandelt sich in einen wunderbaren Traum, ohne ein Leben, von welchem geträumt wird …“

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erstellt am 29.4.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Johann Gottlieb Fichte
Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte