In Stuttgart hat Nicola Hümpel die Oper „Reigen“ des Belgiers Philippe Boesmans inszeniert. Das Libretto stammt von Luc Bondy. Er hält sich sehr eng an das skandalumwitterte Stück von Arthur Schnitzler. Am Premierenabend gab es anhaltenden Beifall für das gesamte Ensemble und den angereisten, demnächst achtzigjährigen Boesmans, berichtet Thomas Rothschild.

Oper

Es muss nicht Aida sein

Vladimir Majakovskijs auf die junge Sowjetunion gemünzte Philippika hat hundert Jahre später nichts von ihrer Gültigkeit eingebüßt: „Mit was für phantastischen Gebäuden werdet ihr den Ort der gestrigen Brandstätten bedecken? was für Lieder und Musiken werden sich aus euren Fenstern ergießen? was für Bibeln werdet ihr eure Seelen öffnen? Mit Verwunderung beobachte ich, wie von den Bühnen der eroberten Theater 'Aidas' und 'Traviatas' mit allen möglichen Spaniern und Grafen erklingen, wie in den Versen, die von euch akzeptiert werden, die gleichen Rosen der herrschaftlichen Orangerien sind und wie eure Augen vor Bildern zerfließen, die die Großartigkeit der Vergangenheit darstellen.“ Die Opern des 19. Jahrhunderts, zu denen man jene des verspäteten Puccini durchaus hinzurechnen darf, füllen landauf landab die Spielpläne der Opernhäuser. Von den Opern des 20. Jahrhunderts hat es nur eine Handvoll in die Repertoires geschafft.

In Stuttgart hat man sich nun auf den „Reigen“ des Belgiers Philippe Boesmans besonnen, was insofern nahe lag, als der Dirigent der Brüsseler Uraufführung von 1993 Sylvain Cambreling aktuell Generalmusikdirektor am Neckar ist und seine Erfahrung mit diesem reizvollen Werk mitbrachte. Das Libretto hat der Regisseur der Uraufführung Luc Bondy geschrieben. Er hält sich sehr eng an das skandalumwitterte Stück von Arthur Schnitzler, seine Hinzufügungen sind nicht unbedingt eine Bereicherung, stören aber kaum.

Für Stuttgart holte Jossi Wieler die erfolgreiche junge Regisseurin Nicola Hümpel. Die hat sich eine Menge einfallen lassen, manchmal auch ein wenig zu viel. Wenn der Soldat durch das Schlafzimmer der jungen Frau und ihres Gatten oder die junge Frau durch das Chambre séparée geistert, in dem ihr Mann das süße Mädel verführt, ergibt das keinen Sinn. Denn gerade die Geheimnistuerei bestimmt die Struktur von Schnitzlers Konstruktion. Schon zu Beginn, vor der Ouvertüre, lässt die Regisseurin den Liebesakt – und damit, wie manche Interpreten meinen, die Syphilis – nicht wie einen Kettenbrief von einer zum anderen beziehungsweise von einem zur anderen weiterreichen, sondern andeutungsweise jeden und jede mit jedem und jeder anbandeln. Auch das zeugt von einem Missverständnis. Gerade die scheinbar eintönige stafettengleiche Weitergabe der Begehrlichkeit hinter verschlossenen Türen macht Schnitzlers Kritik an der Heuchelei und der Doppelmoral der Gesellschaft aus. Sie benötigt keine Zugabe. Auch die inflationäre Verwendung von phallischen Symbolen, die nicht nur ein Mal, nämlich in der Szene zwischen dem jungen Herrn und der jungen Frau, sondern gleich mehrfach einknicken oder umfallen, fügt dem Schnitzlerschen Grundeinfall nichts hinzu, was die Wirkung verstärken könnte. Das zielt allenfalls auf Lacher, die auch prompt eintreffen, aber überflüssig erscheinen.

Kurzweilig und einnehmend

Dies vorweg als Einschränkung bemerkt, darf man von einem ebenso kurzweiligen wie stilistisch einnehmenden Opernabend sprechen. Im Bühnenbild von Oliver Proske, das die diversen Räume durch sich verschiebende Wände und durch Ausschnitte hereingeschobene Möbel entstehen lässt, hält Nicola Hümpel die zehn durchweg formidablen Sängerinnen und Sänger zu einem stilisierten, manchmal sogar grotesken Spiel an, das der Versuchung zur Psychologisierung entsagt. Auf die Rückwand werden überdimensional Videos vom Bühnengeschehen projiziert, die dieses durch die Positionierung der Kameras in irritierende Perspektiven rücken und somit interpretieren. Diese visuelle Verdoppelungen werden ergänzt durch ein filmisches Tänzerpaar, das auf der Bühne nicht zu sehen ist und die Handlung erotischen Abenteurertums durch Bilder der Zärtlichkeit konterkariert.

Die erotische Dimension wird fast mehr noch als durch das Bühnengeschehen durch die zitatenreiche Musik Boesmans beschworen, die tonale und atonale Elemente munter mischt und durch die Instrumentierung eine starke sinnliche Komponente aufweist. Sie ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass die dreistündige Aufführung wie im Flug vergeht. Einen Chor lässt der Stoff nicht zu. Er erzwingt Soli und Duette, die allerdings durch die stets präsente „Stimme“ des Orchesters wirkungsvoll ergänzt werden.

Am Schluss: anhaltender Beifall für das gesamte Ensemble und den angereisten, demnächst achtzigjährigen Komponisten. Es muss nicht Aida oder Tosca sein. Das 20. Jahrhundert hat Schätze, die es nur neu zu entdecken gilt. Für Philippe Boesmans „Reigen“ trifft das umso mehr zu, als er ein Musterbeispiel einer Literaturoper, eines veroperten Dramas ist, das sich selbstbewusst in eine Reihe mit der „Hochzeit des Figaro“, mit „Othello“, „Elektra“ oder „Wozzeck“ stellen kann – es sei denn, man bestünde auf einer Mannigfaltigkeit von Besetzungsformen. Komisch ist diese Oper auch. Darin wird sie nur von der Verfilmung des „Reigens“ durch Max Ophüls übertroffen.

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erstellt am 26.4.2016

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Oper

Reigen

Von Philippe Boesmans
in deutscher Sprache mit Übertiteln

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling
Regie Nicola Hümpel
Bühne Oliver Proske

Oper Stuttgart

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer