Eine Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn zeigt Formen des Selbstporträts in der zeitgenössischen Kunst. Ellen Wagner hat sich die Schau für Faust-Kultur angesehen. Sie vermisst in der Fülle und Dichte der Exponate die notwendigen Leerräume und kritisiert die kojenhafte Präsentation der Vorläufer der 1960er Jahre, mit denen die Ablösung von der Tradition des Selbstporträts einsetzte.

Ausstellung in Frankfurt

Zartbunte, heiße Luft

Umnebelt von einer warmen Wolke aus Katzenpheromon stehe ich zwischen zwei Beamerprojektoren, von denen einer rosiges, der andere blaues Licht aussendet. Beide verströmen über ihr Gebläse den subtilen Duftstoff, der im Hirn einer Katze die Neuronen Purzelbäume schlagen lässt. Ich rieche nichts. Ich spüre nichts. Von keinem der beiden Projektoren fühle ich mich sexuell angezogen. Damit scheint klar: Entgegen meiner bisherigen Annahmen bin ich wohl doch keine Katze. Diese Selbsterkenntnis verdanke ich der Ausstellung ICH in der Schirn bzw. der dort installierten Arbeit „Attraction (Red and Blue)“ (2014) von Pamela Rosenkranz. Der Gedanke hinter dieser Arbeit ist folgender: Ein großer Teil der Menschheit hat sich durch den Kontakt mit Katzen oder den Verzehr rohen Fleisches mit dem Erreger Toxoplasma gondii infiziert. Toxoplasmose verläuft meist harmlos, bewirkt aber z. B. bei Nagetieren lebenslang eine oft todbringende Vorliebe für den Geruch von Katzen. Auch der Mensch, so die – in Ansätzen wissenschaftlich gestützte – Überlegung, könne durch die Infektion eine ähnliche Präferenz für das Kätzische entwickeln und sich ergo in der entsprechend präparierten Installation pudelwohl, ja gar sexuell stimuliert fühlen.

Man darf diese Folgerung wohl vor allem als Gedankenexperiment verstehen, und daher ist das Problem der Arbeit auch nicht das Ausbleiben einer unmittelbar physischen Wirkung. Die Stärke von Rosenkranz’ Arbeiten liegt in der suggestiven Kraft lichtdurchtränkter Räume, in denen man überhaupt erst darüber nachzudenken beginnt, ob man gerade eine Wirkung der in der Arbeit verwendeten Substanzen verspürt und wie sich dieser Einfluss konkret auf das alltägliche Befinden auswirken könnte. In der Schirn jedoch gerinnt „Attraction (Red and Blue)“, eingekeilt zwischen eng gesetzten Stellwänden, zum Zitat ihrer selbst. Was bleibt, ist buchstäblich zartbunte, multimediale heiße Luft, die fast paradigmatisch für die gesamte Schau stehen könnte.

Ohne feste Konturen

Man muss nicht so hart zu der Ausstellung sein, denn natürlich schafft sie es schon, etwas zu vermitteln – z. B. die Erkenntnis, dass Ich immer viele sind. Zahlreiche Arbeiten verweisen als Serien auf den laufenden Prozess der Formierung des Selbst, den sie nur ausschnitthaft zu erfassen vermögen. So besteht Ryan Ganders „Self-Portrait IX“ (2012) (Abb. 1) aus 31 runden Glaspaletten, angeblich benutzt bei der Herstellung von 31 Selbstbildnissen an 31 aufeinanderfolgenden Tagen eines Kalendermonats. Nun werden diese Überbleibsel zu den Trägern der eigentlichen Porträts erklärt, wie informelle Mandalas, deren Farbstimmungen sich in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander gegenseitig neutralisieren. Bei Rosemarie Trockel wiederum ist das Selbst ‚gestrickt’: In acht Kohlezeichnungen mit mehr oder weniger Ähnlichkeit zu menschlichen Gesichtern umgarnen Liniengespinste als wellig lockere Maschenanschläge und struppige Schraffuren ein stellenweise ausgeleiertes und aufgetrenntes Selbst, das über keine festen Konturen verfügt.

Die Auflösung des Selbst in Ansammlungen von Bildern oder Objekten, über die sich eine Person definiert, findet sich auch in Paweł Althamers „Selbstporträt (Kleidung)“ (1994), bestehend aus den Kleidern des Künstlers, einschließlich Unterwäsche und Tascheninhalt, der neben Pass und Schlüsselbund auch ein Messer umfasst. Das in seine äußerlichen Bestandteile zerlegte Ich wird nur behelfsmäßig von einer gelblich verfärbten Plastikfolie zusammengehalten. Gleich daneben porträtiert Alicja Kwade das Ich in einer Aufreihung der 23 Elemente des menschlichen Organismus, eingefüllt in winzige Phiolen („Selbstporträt“, 2015). Obwohl zu grobkörnigen und feinstaubigen Substanzen pulverisiert, bewahrt sich das Ich blassgelb und kupferfarben schimmernd dennoch ein fragiles Leuchten.

In der Gummizelle

Zartbunt und multimedial zu sein, muss nichts Schlechtes für eine Themenausstellung heißen, und auch ein wenig heiße Luft kann, wenn sie mit Humor gepustet wird, mitunter befreiend wirken. Doch in der Schirn gelingt dies nur stellenweise. Ein explizit benannter Bezugspunkt der Schau ist die Kunst der 1960er- und 1970er-Jahre. Hier habe man die „Entkrustung“ des in früheren Jahrhunderten oft in Ölschinken gefangenen Genres der Selbstbildnisse zuerst angepackt. „Das Ich wird experimentell evakuiert“, heißt es im Begleittext programmatisch für die ICH-Ausstellung. Umso mehr verwundert es, dass gerade die historische Basis, unter anderem mit Robert Morris, Friederike Pezold, Vito Acconci (Abb. 2) und dem Beuys’schen Filzanzug (Abb. 3), in eine fast schon gummizellenartig anmutende Stellwand-Koje verfrachtet wird.

Auch an anderer Stelle wird man enttäuscht: Das durchgestrichene ICH im Titel der Ausstellung lässt eine starke Alternative zum rein selbstdarstellerischen Selbst, eine Verschiebung hin zu einem Anderen erwarten. Das Du aber kommt in ICH viel zu kurz. Gillian Wearings Video „Homage to the woman with the bandaged face who I saw yesterday down Walworth Road“ (1995) deutet an, wie eine Annäherung an ein fremdes und befremdliches Gegenüber aussehen könnte: Die Künstlerin spazierte mit einem nach dem Vorbild einer beobachteten Passantin bandagierten Kopf durch die Stadt und stellte sich so den Reaktionen ihres Umfelds. Wer hier wirklich porträtiert wird – das bandagierte Vorbild, die bandagierte Künstlerin oder die ihr Entgegenblickenden –, bleibt offen.

Das Ich zeigt sich in der Schirn als Serie, Sortiment und Livestream. Letzteres ist in Florian Meisenbergs persönlicher iPhone-Liveübertragung „Out of Office“ (2016) (Abb. 4) der Fall, die sich in der Ausstellung auf einem überdimensionierten Display in einer unheimlichen Kunstrasenlandschaft verfolgen lässt. Leere Kulissen, kleinteilig Fragmentiertes und das, was uns vage umnebelt und doch nicht eintauchen lässt: es sind diese Momente, die mehr sein könnten. Sie könnten es, wenn in der Ausstellung nicht alles eng an eng stehen würde – wenn es mehr buchstäblich räumliche Leerstellen, Abstände und Lücken gäbe, die man aushalten müsste, ohne sie wirklich füllen zu können.

Kommentare


Goekhan Erdogan - ( 26-04-2016 09:35:33 )
Sie schreiben Ich zeigt sich als Serie, Sortiment … kojenhaft, wie auf einer Kunstmesse. Man kann sagen das Ich ist im Gesamtzusammenhang der Ausstellung als Vielheit behandelt. Im folgenden greift die von Ihnen konstatierte mangelnde Bearbeitung des Du zu kurz. Ein Du ist nur als binäres Glied einem Ich gegenübergestellt. Es ist die einfachste Gegenseite des Glieds einer Serie. Dieses Du schliesst im Selbstporträt einen Betrachter, die Gesellschaft und eine Welt ein. Was man am Condo in der Ausstellung plakativ sehen kann.

Die Ausstellung zeigt nolens volens wie die Gesellschaft Ichs haben will. Linear segmentiertere Einheiten zum objektiven Verständnis. Man kann aber eigentlich an der Schau ganz gut sehen an welchen Stellen sich das Genre per se gegen diesen Status durchsetzt. John Bocks Installation lässt diese Beziehungen ins schwimmen geraten. Was was eigentlich ist, ist an schnöden raumgreifenden Pyjamahemden (da zu hässlich um sie ausser Haus zu tragen) aufgehängt und verdichten sich in einer Art Video eines kostümierten Auftritts. Die Verhältnisse verkehren sich. Vielleicht nicht aus dem Bett kommen und Auftritt fallen zusammen und durchdringen den gesamten Raum.

Mehr Platz oder Mut zur Lücke zugunsten der Einzelwerke ist da nicht die Antwort, sondern der Umgang mit dem Vorhandenen Material. Aus Vielheit der Schau müsste was anderes werden. Was es auch durch Schrift werden könnte. Das Ausstehende Kunsterlebnis bleibt dem Anschein nach am Platzmangel und technischen Möglichkeiten der Häuser kleben. Was es meiner Meinung nicht sein kann, wenn man größere Räume und Schauen so ansieht. Da das Prinzip sich einfach fortsetzt.

Wie wäre es mit dem Vorschlag das Genre und deren Vertreter gegen diese Verhältnisse zu feiern oder zumindest objektiv auszuspielen wo es ihnen gelingt? Man sieht schnell mal den "Egomanen anderen" (Mangel an Du), aber das was man sehen könnte will man eigentlich nicht wahrhaben. Man sieht nicht dem Selbstporträt inhärenten Entwurf zur Mannigfaltigkeit, dem Streben nach allgemeiner Freiheit aufgrund zu viel räumlich bedrängender Vielheit nicht.

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erstellt am 20.4.2016

Abb.1: ICH, Ausstellungsansicht mit Ryan Ganders Self-Portrait IX, 2012 © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Ausstellung in Frankfurt

ICH

Bis 29. Mai 2016

Schirn Kunsthalle Frankfurt

Abb. 2: Vito Acconci, Centers, 1971, B/W, Sound 22'50”, Courtesy Electronic Arts Intermix (EAI), New York © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Abb. 3: ICH, Ausstellungsansicht, im Hintergrund: Joseph Beuys’ Filzanzug, 1973 © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Abb. 4: ICH, Ausstellungsansicht mit Florian Meisenbergs Installation Out of Office, 2016 © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Abb. 5: ICH, Ausstellungsansicht © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz