17.8.2016

Kognitive Dissonanz

„Aus Erfahrung wird man klug“: welch ein Unsinn! Wie so viele Sprichwörter formuliert er als Befund, was allenfalls eine Wunschvorstellung sein mag. Erfahrung macht nicht klug, sondern höchstens vorsichtig, wenn es zum eigenen Vorteil ist. Wer ein Mal von einer Leiter gefallen ist, wird Leitern danach etwas genauer überprüfen, ehe er sie besteigt, oder vielleicht sogar darauf verzichten, auf eine Leiter zu klettern. Sehr viel weniger wird ihm daran gelegen sein, andere vor Leitern zu warnen.

Die Mechanismen, mit denen wir uns selbst vor Schaden, vor Blessuren, vor Kränkungen schützen, sind weitaus stärker als alle Erfahrungen. Die meisten Menschen sind weder willens, noch fähig, eigene Erfahrungen auf andere zu übertragen. Wenn es ihnen zum Vorteil gereicht, löschen sie sämtliche Erfahrungen aus dem Gedächtnis. Sie sind nicht klüger geworden, sondern so dumm geblieben, wie sie immer schon waren.

Da hat man ein halbes Leben lang geächzt, wenn Freunde oder auch entfernte Bekannte ihren Nachwuchs für das aufregendste Phänomen auf dieser Welt hielten, für das sich jeder zu interessieren habe, wenn sie Fotos herumreichten und pikiert reagierten, wenn man nicht sofort in Begeisterungsstürme ausbrach. Kaum aber haben sie selbst ein Kind, verhalten sie sich genau so: Wo sie auch hinkommen, erwarten sie Bekundungen der Euphorie, zücken sie Fotos oder neuerdings das Smartphone und zeigen mit schier unermüdlicher Ausdauer die faden Bilder ihres Balgs.

Was im privaten Bereich zum Alltag gehört, die Unfähigkeit, eigene Erfahrungen auf andere zu übertragen, hat im politischen Bereich seine Auswirkungen. In dem Dokumentarfilm „We Were So Beloved“ des aus Saarbrücken in die USA emigrierten Manfred Kirchheimer erzählen New Yorker Juden, dass sie, Hitlers Holocaust entflohen, die Diskriminierung der Schwarzen in den USA nicht wahrgenommen haben. Von der gestörten Wahrnehmung zur aktiven Teilhabe an politischem Unrecht ist es nur ein Schritt. So gab es in Israel kaum Widerstand, als der Staat, dessen Bevölkerung wie keine andere die Erfahrung von Diskriminierung gemacht hatte, das Apartheid-Regime in Südafrika unterstützte. Deutsche, die 1945 aus dem Sudetenland oder aus Schlesien geflohen sind, gehören heute zu den schärfsten Kritikern einer weitherzigen Flüchtlingspolitik. Russlanddeutsche, die erfahren haben, was Nationalismus bedeutet, outen sich als besonders eifrige Anhänger der AfD.

Aus Erfahrung wird man klug? Keine Spur. Fast könnte man zu der paradoxen Vermutung kommen, dass Erfahrung dümmer macht. Die Wahrheit ist: die von Leon Festinger beschriebenen Mechanismen des Ausgleichs von kognitiver Dissonanz bewirken, dass Erfahrungen, deren Konsequenzen dem eigenen Vorteil im Wege stehen, verdrängt werden. Das macht das Vertrauen in die Lernfähigkeit der Menschen zu solch einer verzweifelten Anstrengung. Wenn es ihnen in den Kram passt, werden sie weiterhin vergessen, was sie gelernt haben. So sehr sie sich bei den Kinderbildern der anderen gelangweilt haben – sie werden weiterhin Fotos ihrer Kinder und Enkel herumreichen und auf bewundernde Worte warten, und sie werden, schlimmer noch, Diskriminierung und Verfolgung dulden, wenn es ihren persönlichen Interessen nützt. Das mag wenig schmeichelhaft sein. Aber es ist die Wahrheit. Das lehrt uns die Erfahrung.

5.8.2016

Der allgegenwärtige Boulevard

Eines Tages werden sie sich verantworten müssen, die Totengräber der einzigartigen deutschsprachigen Theaterlandschaft, die nicht weniger schützenswert ist als architektonische Denkmäler oder seltene Biotope. Damit aber dann niemand behaupten kann, man hätte es nicht vorhergesehen, sei der Status quo fürs Archiv dokumentiert:

Die Verächter der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik reden diese seit Jahren schlecht. Sie denunzieren sie als fade, kopflastig, zu literarisch. Nun zeigen sich die Folgen ihrer Propaganda. Wie eine Spinnwebe breitet sich ein Netz über die Spielpläne. An die Stelle des anspruchsvollen Dramas ist zunehmend die Ästhetik des Londoner Westend und der gehobene französische Boulevard getreten. Landauf landab ködert man ein dankbares Publikum mit den Stücken von Yasmina Reza, Florian Zeller und Joël Pommerat.

Nun ist im einzelnen gegen diese Stücke nichts einzuwenden. Es gäbe keinen Grund zur Beunruhigung, wenn sie hier und dort in Boulevardtheatern die älteren Komödien des Genres ablösten, wenn sie ausnahmsweise auch auf den großen Bühnen auftauchten. Aber sie gehören mittlerweile zum Kernbestand der Programme, mit denen die Zuschauer ins Theater gelockt werden sollen. Die Schauspieldirektoren und Dramaturgen trauen sich und ihrer Klientel kaum noch anderes zu. Sie gehen den Weg des geringsten Widerstands und verändern so die Auffassung von Theater. Auch das wäre noch kein Malheur. Aber diese Veränderung ist nicht eine Veränderung zum Besseren, sondern zum Schlechteren, nämlich zur seichten Unterhaltung.

Nein, wir plädieren nicht für ein Dogma. Wir behaupten nicht, dass Theater irgendetwas muss – politisch sein, Aufklärung betreiben, Bildung fördern. Wenn es aber auf all dies zunehmend verzichtet und stattdessen dem Fernsehen nacheifert, bedeutet das einen Verlust. Wie der Abriss eines historischen Stadtviertels.

Das passiert nicht nach göttlichem Willen. Das haben die Totengräber der deutschsprachigen Dramatik so gewollt. Man wird sie zur Verantwortung ziehen. Hoffentlich zu ihren Lebzeiten. Damit sie ihre Schulden noch bezahlen können.

30.7.2016

Die Ausnahme und die Regel

„Racial Profiling“ ist der Terminus, mit dem man eine der auffälligsten Formen des gegenwärtigen Rassismus in den USA benennt. Er bezeichnet ein Verhalten von Ordnungskräften, insbesondere der Polizei, das nach rassischen Kriterien unterscheidet, Menschen also nicht, wie von der Verfassung gefordert, gleich, sondern nach ihrer rassischen Zugehörigkeit behandelt.

In unseren Breiten äußert sich das Racial Profiling nicht so sehr bei Verhaftungen wegen Verkehrsdelikten wie bei den Verlautbarungen der Behörden und der Medien nach Gewaltverbrechen. Kaum hatte ein Amokläufer in München neun Menschen erschossen, lauteten die Schlagzeilen: „Nach dem tödlichen Angriff in München hat die Polizei keine Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund des Täters.“

Die Meldung bestärkt, was sie zu dementieren vorgibt: dass bei Gewaltverbrechen ein „islamistischer Hintergrund“ als der Normalfall anzusehen sei. Die Islamisten stehen unter einem Generalverdacht, der jede andere Spekulation als zweitrangig degradiert. Als habe es in Deutschland niemals einen NSU gegeben, als wären die Massenmorde von Winnenden oder von Utøya nie geschehen, wird durch einen Hinweis auf eine ganz bestimmte Möglichkeit, die im aktuellen Fall gerade nicht zutrifft, definiert, was als Ausnahme und was als Regel zu gelten hat.

Korruptions-Ermittlungen gegen den früheren Präsidenten der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Reinhold Geilsdörfer und die Stiftung des Lidl-Gründers Dieter Schwarz haben den Verdacht erhärtet, dass Geilsdörfer schon Monate vor seinem Amtsantritt als Geschäftsführer der Stiftung vertraglich verbunden gewesen ist – zunächst als Berater für eine monatlich vierstellige Vergütung, dann sogar als Teilzeit-Geschäftsführer mit fünfstelligen Bezügen. Es gibt Korruption, wie es zweifelsfrei islamistische Gewalttaten gibt. Wird man nun jedes Mal, wenn ein Geschäftsführer unter Vertrag genommen wird, lesen dürfen: „Es existiert kein Hinweis auf Korruption“ oder gar „für die Bestechlichkeit eines deutschen Hochschulpräsidenten“?

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23.7.2016

Das Erbe von Trömel-Plötz

Es vergeht keine Woche ohne eine Meldung über schwere Diskriminierung bis hin zur Tötung von Schwarzen in „God's Own Country“. Ob man sie Nigger nannte, Neger, Schwarze, Farbige, Afroamerikaner – es traf immer die Gleichen. In welchem Ausmaß die Sprache das Denken bedingt, darüber lässt sich streiten. Aber eins steht fest: die gesellschaftlichen Verhältnisse lassen sich nicht über die Sprache verändern.

Ob man Roma und Sinti Zigeuner nennt oder nicht, ob man statt „Indianer“ „First Nations“ sagt oder „Native Americans“ – sie bleiben Bürger zweiter Klasse. Nicht dass man Homosexuelle Homosexuelle oder auch Schwule nennt, ist das Problem, sondern dass sie nach wie vor diskriminiert werden.

Am nachhaltigsten hat sich die Idiotie des linguistischen Idealismus bei der Debatte um grammatisches und natürliches Geschlecht ausgewirkt. Nur nicht für die, die's angeht. Siegreich war die sprachliche und typographische Kosmetik, nicht der seit dem 19. Jahrhundert geführte Kampf für die Rechte der Frauen. Eben erst wurden Untersuchungen veröffentlicht, nach denen Frauen für ihre Arbeit nach wie vor deutlich schlechter bezahlt werden als Männer. Das aber hat die Professorinnen Senta Trömel-Plötz und Luise F. Pusch, die auf der feministischen Linguistik ihre Karrieren aufgebaut haben, nie interessiert. Sie waren davon nicht betroffen. Frau Trömel-Plötz hat sich einmal darüber beschwert, dass sie für eine Sekretärin gehalten wurde. Dies, ihr Status bereitete ihr Kummer, nicht die ungerecht schlechtere Entlohnung der Sekretärin.

Dass die Thesen der feministischen Linguistik von der ersten Stunde an bürgerlich und antiemanzipatorisch waren, konnte jeder wissen, der seine Lektion in Materialismus gelernt hatte. Aber gegen die Tumbheit der weiblichen Gefolgschaft, die mit einem Binnen-I weniger Mühe hatte als mit dem Eintritt in die Gewerkschaft und der die feministische Linguistik die einfachen Antworten auf ihre brennenden Leidensfragen lieferte, sowie gegen den Opportunismus von Männern, die die neu erwachsene Konkurrenz fürchteten, kamen solche Einsichten nicht an.

Und so werden Schwarze weiterhin erschossen werden und Frauen weiterhin im Berufsleben benachteiligt werden, mit Unterstützung der Kollaborateure, die Sprache mit der Wirklichkeit verwechseln – sehr zur Freude derer, die von dieser Wirklichkeit profitieren.

15.7.2016

Antifaschistische Fürsorge oder antisemitische Bevormundung?

In einem Artikel für ein Printmedium habe ich kürzlich „die Unterstellung der 'Israel-Feindlichkeit' seitens nationalistischer Juden“ erwähnt. Die Redaktion hat mir den Nebensatz gestrichen.

Es ist nicht das erste Mal, dass mir Kritik an Juden, die Kritik an Juden unterbinden wollen, von nicht-jüdischen Deutschen verboten wird. Wenn ich mich etwa gegen ein israelisches Gesetz äußere, das NGOs schikaniert, wird mir von Deutschen erklärt, das sei antisemitisch.

Ich empfinde es als antisemitisch, wenn man jüdischen NGOs, die von Repressionen bedroht sind, die Solidarität verweigert. Und ich empfinde es als antisemitisch, wenn mir Angehörige eines Volks, aus dem die Mörder meiner Großeltern stammen, vorschreiben wollen, wogegen und mit welchem Wortlaut ich protestieren darf.

Antisemitisch ist denn auch die Wirkung, wenn solcher nicht nur berechtigter, sondern notwendiger Protest ausbleibt. Prompt ließ mich ein Leserbriefschreiber wissen, dass er einem anderen Artikel „gerne uneingeschränkt zustimmen würde, wenn Sie beispielsweise nicht nur auf das Schicksal der Ureinwohner der Amerikas, sondern auch auf das der Palästinenser hingewiesen hätten, denen es seit rund 70 Jahren ähnlich ergeht wie damals den Indianern et al!“. Mag sein, dass die Mahnung antisemitischen Motiven entspringt, aber die Berechtigung dafür geht auf das Konto derer, die in der Tat das Schicksal der Palästinenser zu verantworten haben. Ich habe darauf, was der Leserbriefschreiber nicht wissen muss, wiederholt hingewiesen, wo es mir möglich war. Häufiger aber wurde mir dieser Hinweis gestrichen. Ich habe es satt, mir von deutschen Redakteuren jene bornierte Selbstgerechtigkeit zuschieben zu lassen, mit der ihre Vorfahren die Verbrechen anderer Völker angeprangert, jene der Deutschen aber verschwiegen haben. Ich will nicht Ihresgleichen sein. Meinen Großeltern, die im KZ ums Leben gekommen sind, geschieht keine Gerechtigkeit und keine Genugtuung, wenn palästinensische Kinder ermordet werden, und die Deutschen, die es versäumt haben, den Juden nach 1945 Bayern oder Schleswig-Holstein als Siedlungsgebiet zur Verfügung zu stellen, sind die Letzten, die ein Recht dazu hätten, zu deklarieren, dass und in welcher Form die Palästinenser für deutsche Verbrechen zu bezahlen haben. Eine „deutsch-jüdische Versöhnung“ auf dem Rücken der Palästinenser ist keine. Und die Welt soll wissen, dass es Juden gibt, die das begreifen. Wenn auch zu wenige. Leider sind viele Juden tatsächlich genau so dumm und genau so chauvinistisch wie viele Deutsche, Franzosen oder Russen.

Kein Deutscher untersagt aufgeklärten Muslimen, radikale, fanatisierte, militante Muslime anzuklagen, oder unterstellt ihnen, antiislamisch zu sein. Nur Juden sollen gefälligst das Maul halten, wenn andere Juden Gewalt ausüben. Sie müssen, anders als die Muslime, für das schlechte Gewissen der Deutschen herhalten, das sich exkulpiert, indem es die Opfer von gestern stillschweigend und mit einer nur mit Mühe unterdrückten Befriedigung als Täter akzeptiert.

Antisemitisch ist es, wenn die Kinder und Enkel der Nazis dafür sorgen, dass die Juden allesamt ebenso aussehen wie ihre Ahnen: wie bedenkenlose Nationalisten, die dem Kollektiv, dem sie nun einmal angehören, um jeden Preis die Treue halten. Was sich den Anschein gibt, als wollte es die Juden vor Feindseligkeit schützen, macht diese in Wirklichkeit zu Ebenbildern der Naziväter und -mütter. Und die Juden werden nicht dazu befragt. Sie haben zu kuschen, wenn Deutsche wie eh und je das Sagen haben.

16. 5. 2016

Der Verstand eines Vogels

Der Literaturkritiker Ulrich Weinzierl hat dieser Tage in „ZEIT online“ an ein Diktum von Marcel Reich-Ranicki erinnert: „Vögel verstehen nichts von Ornithologie.“ Dieses auf das Verhältnis von Schriftstellern zur Literaturkritik gemünzte Gleichnis ist, mit Verlaub, wie so viele angeblich geistreiche Äußerungen Reich-Ranickis purer Unsinn. Denn Vögel verfügen nicht über die Voraussetzung, um etwas von Ornithologie zu verstehen: über einen wissenschaftlichen Verstand. Schriftsteller aber haben grundsätzlich alles, was man benötigt, um Kritiker zu sein. Und wenn nicht die Logik, so müsste die Erfahrung lehren, dass sie sehr wohl zugleich Schriftsteller und hervorragende Kritiker sein können, die sich an dem Ornithologie-Fachmann Reich-Ranicki messen dürfen. Man denke nur beispielsweise an Vladimir Nabokov, der sogar von Schmetterlingen etwas verstanden hat, an Pier Paolo Pasolini, an die von Weinzierl zu Recht verehrte Hilde Spiel oder an den von ihm ebenso zu Recht verehrten Alfred Polgar.

Schriftsteller können, müssen aber nicht exzellente Kritiker sein, die nicht nur Verstand besitzen, sondern auch Kriterien und Urteilsvermögen. Das Instrumentarium kennen sie meist sowieso, weil sie zunehmend einschlägige Fächer studiert haben – was ihnen dann seitens der Ornithologen, pardon: der Kritiker den Vorwurf der Germanistenliteratur einbringt. Umgekehrt können Kritiker ausgezeichnete Schriftsteller sein (oder im hohen Alter werden), im weiteren Verständnis sowieso, aber auch in der engeren Bedeutung, als Belletristen. Und auch sie müssen es nicht sein. Die kritische Profession unterscheidet sich kategorial von der schöpferischen. Deshalb ist die ironische, aber oft durchaus ernst gemeinte Unterstellung, sie seien Kritiker geworden, weil ihnen das Zeug zum Erzähler, zum Dramatiker, zum Lyriker fehle, nicht weniger abwegig als die Zumutung, Schriftsteller dürften andere Schriftsteller nicht beurteilen. Nicht an der Qualifikation fehlt es ihnen, sondern allenfalls an der Unbefangenheit. Freundschaft und Konkurrenz sind im kritischen Geschäft schlechte Ratgeber.

Übrigens gilt immer noch Hanns Eislers Grundsatz: „Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch von Musik nichts!“ Er lässt sich mühelos auf Schriftsteller, Literaturkritiker und Ornithologen übertragen.

29.4.2016

Liebeserklärung an Angela Merkel

Nein, ich habe nicht vergessen, wie sie sich gegenüber Griechenland verhalten hat. Nein, die CDU ist mir nicht über Nacht sympathisch geworden. Aber Angela Merkels politische Haltung in den vergangenen Monaten fordert mir Respekt ab. Mit dieser Haltung erweist sich die Bundeskanzlerin als fortschrittlicher und auf alle Fälle als menschlicher als große Teile der Bevölkerung, nicht nur in der CDU oder gar der CSU, sondern auch in der SPD. Dass sie an ihrer Flüchtlingspolitik gegen massive Angriffe aus der eigenen Partei und darüber hinaus festhält, verdient Bewunderung. Auch ihr kann nicht entgangen sein, dass sie damit ihre politische Zukunft gefährdet. Gesinnung vor Karriere: das ist in der Politik kein alltägliches Phänomen. Man mag darüber spekulieren, wann und wo sich diese Gesinnung gefestigt hat, ob es an einer christlichen Sozialisation liegt, die Merkel anders als die meisten Kirchgänger ernst nimmt, ob der Solidaritätsgedanke, der in der Rhetorik der DDR unverzichtbar war, tiefer auf sie eingewirkt hat, als sie zugeben würde. Wie auch immer: das Ergebnis ist mehr als nur erfreulich.

Dass Angela Merkel den Fall Böhmermann der Justiz überlassen hat, kann nur falsch finden, wer sich lieber auf autoritäre Entscheidungen von Staatsoberhäuptern verlässt als auf Urteile von dem Anspruch nach, wenn auch nicht immer in der Realität unabhängigen demokratischen Institutionen. Der Kaiser soll's richten. Begnadigung statt Freispruch. Dass Merkel aber ihre Kritik an Böhmermann innerhalb von wenigen Tagen öffentlich als Fehler bezeichnet hat, grenzt an eine Sensation. Wann hat zuletzt ein führender Politiker eine Äußerung ohne Not öffentlich bedauert?

Während deutsche Schriftsteller erklären, sie wollten lieber in einem aussterbenden Volk leben als „mit anderen Völkern aufgemischt“ zu werden, und vor einer „Flutung des Landes mit Fremden“ oder vor einer „Überrollung“ durch Merkels „Politik des Souveränitätsverzichts“ warnen und sich damit verbal in unmittelbare Nachbarschaft von AfD und Pegida begeben, während der österreichische Schriftsteller Thomas Glavinic jenen die Auswanderung nahe legt, die durch die mögliche Wahl Norbert Hofers beunruhigt sind und das nicht nur in gepflegten Formulierungen zum Ausdruck bringen, demonstriert Angela Merkel eine moralische Kompromisslosigkeit, die selbst Linke zu der Überzeugung bringen sollte, dass sie, wenigstens sie aus der Geschichte gelernt hat.

Wenn die Intellektuellen nach und nach dem diskreten Charme der sich in Europa erstaunlich schnell ausbreitenden Rechten erliegen, nicht zuletzt in Sorge um die gefährdeten Privilegien, ist es Zeit, eine Politikerin wie Angela Merkel zu lieben. Es muss ja nicht für ewig sein.

20.4.2016

Genau wie bei uns

„Erstaunlich, wie viele geschichts- und politikinteressierte Leser es neuerdings in Deutschland gibt“, wundert sich, ironisch, versteht sich, Nora Bossong in der „Zeit“ angesichts der Tatsache, dass die kommentierte Ausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ auf Platz 1 der Sachbuchliste des „Spiegels“ steht.

Nun muss man darüber nicht in Panik verfallen. Aber zu denken gibt es schon. Der zur Floskel verkommene Hinweis, dass die feindselige Haltung gegenüber Flüchtlingen von Pegida, AfD und weit darüber hinaus an die Judenfeindschaft der Nationalsozialisten und dem daraus resultierenden Holocaust erinnere und sich schon deshalb, jedenfalls in Deutschland, verbiete, ist eine zweischneidige Angelegenheit. Die Analogie verlässt sich darauf, dass die Abscheu vor Antisemitismus und Judenverfolgung in Deutschland tief verankert wäre. Und wenn sie nur ein Oberflächenphänomen sein sollte? Wenn viele nicht so sehr die Vertreibung und die Ermordung der Juden bedauerten als den schlechten Ruf, den diese den Deutschen über Jahre hinweg eingebracht haben? Manche vor Selbstmitleid triefende Klage über abschätzige Bemerkungen bei Auslandsreisen bestärken diesen Verdacht.

Die Argumentation lässt sich ja auch umkehren. Ein großer Teil der deutschen Bevölkerung, nicht nur in Pegida und AfD, würde, wie Umfragen und Leserbriefe bestätigen, die Abschiebung der Flüchtlinge, ihre Auslieferung an Krieg, Terror, Lebensgefahr begrüßen. Sie empfindet deren Ghettoisierung, ihre Diskriminierung im Alltag, ja selbst Gewalt gegen ihre Unterkünfte und sogar gegen sie selbst als nicht so schlimm. Damit kann man gut leben. Wenn das alles aber an die Behandlung der Juden nach 1933 erinnern soll, wenn sich da Parallelen auftun, dann, so dürfen die derart Denkenden schließen, waren auch die Nürnberger Gesetze, die brennenden Synagogen und die Schikanen gegen die Ausgegrenzten im NS-Staat nicht so unerquicklich, wie es der lange Zeit scheinbar bestehende antifaschistische Konsens suggeriert hat.

Wer mit dieser Logik im Hinterkopf Hitlers Streitschrift liest, braucht sich auf die Kommentare gar nicht einzulassen. Was Hitler so sagt, mag ihm durchaus einleuchten. Anfang der sechziger Jahre gab es im Münchner Kabarett „Die Zwiebel“ eine Nummer, in der von Freunden erzählt wurde, die in Francos Spanien Urlaub gemacht hatten. Man sage ja, dort herrsche Faschismus. Die Freunde aber hätten davon nichts gemerkt. Es sei dort genau wie bei uns.

Der habituelle Verweis auf den Nationalsozialismus könnte, zumal nach Lektüre von „Mein Kampf“, zu der Folgerung führen: „So schlimm war es damals nicht. Es war genau wie heute, bei uns.“ Und das, so beweisen Wahlen und Statistiken, ist doch eigentlich kein schlechter Zustand. Wenn man von Merkels Willkommenspolitik absieht.

(Für alle Fälle: auch diese letzten zwei Sätze sind ironisch gemeint…)

Übrigens: nicht nur „Mein Kampf“ ist dieser Tage neu erschienen. Der kleine Alibri Verlag hat die weniger bekannte Kampfschrift eines noch bekannteren Autors, ebenfalls kommentiert, auf den Markt gebracht: Martin Luthers „Von den Juden und ihren Lügen“. Wer dieses Buch gelesen hat – und man darf hoffen, dass dies für alle Protestanten gilt –, kann nur noch um den Preis der Heuchelei behaupten, der Antisemitismus sei ein harmloses Nebenprodukt von Luthers Denken gewesen. Wer den Islamismus wegen seines Antisemitismus verbieten, den Protestantismus aber zulassen möchte, muss sich Doppelmoral vorwerfen lassen. Halten wir also fest: Die protestantische Kirche beruft sich bis heute auf einen Religionsgründer, der unter anderem die Verbrennung von Synagogen und die Zwangsenteignung von Juden empfohlen hat. Von Luther zu Hitler, von seinem Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“ zu „Mein Kampf“ führt ein gerader Weg. Noch einmal, mit aller Deutlichkeit: eine Kirche, die Luther verehrt, gleicht einer Partei, die Stalin huldigt. Wer würde sie akzeptieren?

13.4.2016

Schmids Erzählungen

Der Noch-Landeschef der SPD in Baden-Württemberg Nils Schmid hat der „Stuttgarter Zeitung“ ein Interview gegeben. Darin antwortet er auf die Frage, ob er Anlass habe, um die grün-roten Reformen zu bangen: „Wenn ich mir das Wahlprogramm der CDU anschaue: ja. Es wird darauf ankommen, ob die Grünen zu dem gemeinsam Erreichten stehen, oder ob sie um den Preis des Machterhalts bereit sind, bei zentralen Fragen wie etwa in der Bildungspolitik unsere gemeinsamen Reformen zu verraten.“ Und auf die Suggestion des Interviewers, die, wie so oft, eine Frage ersetzt – „Es liegt in der Natur von Koalitionen, Kompromisse einzugehen“ – entgegnet Schmid: „Es gibt aber auch keinen Zwang zu Koalitionen um jeden Preis. Wir wollen mal sehen, wie weit die Grünen da gehen. (…) Ich fürchte: Mit Grün-Schwarz droht die Koalition der Spießbürger.“ Auf die Frage, woran er das festmache, ergänzt der SPD-Politiker: „Wenn ich sehe, wie geschmeidig die Grünen zu den Konservativen überwechseln und lauter Anknüpfungspunkte sehen, dann frage ich mich schon, was das für das Bildungssystem oder etwa die Sozialpartnerschaft bedeutet. Will man etwa zurück zu einem Wirtschaftsministerium als reinem Unternehmerministerium oder ist das Wirtschaftsministerium weiterhin ein Ressort, das für Unternehmer und Beschäftigte zuständig ist? Wie geht es weiter mit Integration und Weltoffenheit?“

All das ist sympathisch. Man kann Schmid eigentlich nur zustimmen und die dramatischen Stimmenverluste seiner Partei bei der jüngsten Wahl bedauern. Ehe Nils Schmid aber zu den richtigen Erkenntnissen gelangt, formuliert er einen Satz, der deutlich macht, wie weit sich die SPD von ihrer einstigen Klientel entfernt und dass sie ihre aktuelle Katastrophe selbst verschuldet hat. Nils Schmid erteilt seiner Partei das folgende Rezept: „Die SPD muss wieder zu einer Erzählung finden, die die Menschen erreicht. Soziale Sicherheit gehört dazu, aber die Erzählung muss größer sein.“

Nun könnte man darüber lächeln, wie sich ein smarter Politiker da eine Modevokabel zu eigen gemacht hat. Gerade, dass er sich noch das Wort „Narrativ“ verkneift. Aber auch die „Erzählung“ ist in diesem Zusammenhang verräterisch.

Das Wort „Erzählung“ benannte, ehe es zu einem alles, also nichts bezeichnenden Begriff verkam, eine literarische Gattung sowie den Akt der sprachlichen Wiedergabe eines Geschehens. Ein Märchen kann man erzählen, „Das Kapital“ von Karl Marx nicht. Die Erzählung ist in der zweiten Bedeutung (die erste kommt für Schmids Statement nicht in Betracht) eine sprachliche Handlung ohne Wahrheitsanspruch. Die Redewendung „Du kannst mir ja leicht etwas erzählen“ zeugt davon. Die SPD braucht keine Erzählung, sondern ein Programm und vor allem: Taten. Das mag schwer zu begreifen sein in einer Zeit, in der Politiker, Kretschmann nicht um einen Deut weniger als Schmid, nur darüber spekulieren, wie man Wahlen gewinnen, nicht aber, wie man eine als richtig erkannte Politik durchsetzen könne.

Solange sie sich nur Erzählungen ausdenkt, und wären sie noch so groß, wird die SPD weiterhin Stimmen verlieren. Zu Recht und selbstverschuldet.

Kommentare


Aaron Podsol - ( 24-07-2016 11:57:32 )
Sehr geehrter Herr Rothschild!
Ich las aufmerksam Ihre Beiträge im Kontrapunkt.
Danke für Ihre geistige Anstrengung.
Danke für Ihren Mut.
Danke für Ihre unkonventionellen, aber eigentlich selbstverständlichen Gedanken, mit denen Sie mein eigenes Denken bereichern.
Alles Gute für die Zukunft.
Mit herzlichen Grüßen
Aaron Podsol


Klemperer - ( 26-05-2016 08:34:31 )
Merkel-Liebeserklärung... Sie fallen hinter ihre eigenen Beiträge zurück, lieber Herr Rothschild. "Nein, ich habe nicht vergessen..." und dann eine Liebeserklärung - das würde ssonst nicht durchgehen.
Merkel war für den "war on terror", der ein terror on terror ist. Sie hat es nie zurückgenommen, ich weiß nicht, für wieviele Morde die Politiker verantwortlich sind, die dieses Morden unterstützen.
Merkel hat nicht nur Griechenland (mit Schäuble) geknechtet. Merkel hat 1995 als Umweltministerin die groteske Steuerbefreiung des klimaschädlichen Flugverkehrs kritisiert, aber nie etwas unternommen, seit 2005. Als es opportun war, ließ sie sich ins Eis fliegen und posierte - um danach jederzeit die deutschen Autofirmen zu unterstützen, es leben Minicooper und SUVs. Das ist aktive Verweigerungspolitik. Den manischen Flugverkehr heute, x-mal übers Wochenende, erwähnte sie seit 20 Jahren nicht.
Merkel ist verantwortlich, daß Saudi-Arabien jährlich für Milliarden Euro Waffen bekam. Saudi-Arabien, dessen Krieg gegen Jemen uns nicht sonderlich interessiert, Saudi-Arabien, das den IS unterstützt. Merkels "wir schaffen das" finde ich auch gut, aber es hätte dazugehört, nicht sofort (!) letzten Herbst mit Erdogan zu verhandeln. Und wenn ich mal die Armen in der Stadt zitieren darf, die ich nicht überzeugen kann, daß die Afd eine neoliberal-deutschnationale Partei ist: auf die Idee gerechterer Besteuerung, Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer endlich erhöhen, Einkommenssteuer wie 1949-zur drastischen Senkung durch rot-grün - kam sie nicht. Die Armen, die eine bezahlbare Wohnung suchen, aber hören, im Riesenkomplex werden die ersten 50 Wohnungen - zurecht - für Flüchtlinge frei sein, fürchten, daß allein sie die Folgen tragen müssen. Und die Ungleichheit wuchs seit rot-grün, und mit Merkel genauso... Zu "Wir schaffen das" hätte "die soziale Ungleichheit ist zu groß, wir haben es falsch gemacht, wir berichtigen das" gehört...
Ebenso wie 2008 Merkels Abwrack-Prämie absurd für Klima und Umwelt war (kaum energiesparendere Autos, sinnlose Verschrottung unzähliger Autos, neue Energieverschwendung durch neue Autos) - wird die "tolle" Elektro-Auto-Prämie wieder nur ein Anreiz für die Industrie sein, aber fast nicht fürs Klima wirken.

Sie lieben eine Opportunistin. Immer noch knechtet sie Griechenland und Südeuropa, immer noch besteht Hartz4, die Reichen zahlen viel zu geringe Steuern, vor allem ist Merkel aktiv für war on terror. Die Morde, die mit den nach Saudi-Arabien gelieferten Waffen begangen wurden, sind auch Merkels Morde. Eine Politikerin, die man nicht ernsthaft "lieben" kann. Ich finde ihre urplötzliche Wende in der Asylpolitik auch gut, wenn ich auch überzeugt bin, daß sie das - opportunistisch wie immer - auch tat, weil ihr Ruf als grausame Person gegenüber Griechenlands Millionen Verarmten dem Image schwer zu schaden begann. Eine furchtbare Politikerin, die nur keine ernsthafte Kritik erfährt. Leider.

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erstellt am 20.4.2016