Andreas Kriegenburg hat Shakespeares letztes Stück am Schauspiel Frankfurt inszeniert. Die Komödie „Der Sturm“ ist auch eines der kühnsten Stücke Shakespeares. In Frankfurt hat Kriegenburg die Bühne buchstäblich unter Wasser gesetzt. Die Inszenierung ist sehenswert, meint Martin Lüdke.

Theater

Sind wir vom gleichen Stoff wie unsere Träume?

Ein Bild der Verzweiflung. Eine Gruppe von Menschen hängt in einer Art Netz, einer breiten Strickleiter an der Bordwand. Reglos. Den Fluten, die über sie hereinbrechen, rettungslos ausgesetzt. Langsam aber kommt Bewegung in diese beeindruckende Skulptur. Einzelne Seeleute lösen sich aus den Seilen. Noch wissen wir nicht, wer die Gestrandeten sind. Doch es geht los. Das Drama von Geist und Macht, Vergeltung und Versöhnung, von Magie, Liebe, Gewalt, diese Komödie vom menschlichen Leben, inmitten von Natur und Gesellschaft.

Wir sollten deshalb daran denken, dass einst die Besucher des Shakespearschen Globe-Theaters, auf ihrem Weg zu den Aufführungen noch an dem Galgen vorbeigingen. Wir können heute mit der U-Bahn direkt bis ins Theater fahren und stolpern über keine Leichen. Aber der staatlichen Herrschaft, die sich damals nur durch ihre Teilhabe am Heiligen legitimieren konnte, fehlt es auch heute noch an einer stichhaltigen Begründung. Deshalb ist uns Shakespeare so nah. Und ebenso fern.

Durchnässte Akteure

„Der Sturm“, 1611, Shakespeares letzte fertiggestellte „Komödie“ gilt dem bedeutendsten Shakespeare-Freak des letzten Jahrhunderts, Harold Bloom, als ein „literarisches Seestück“, bei dem „gewaltige Wassermassen“ über „die Personen“ hereinbrechen, „aber am Ende ist niemand nass geworden“. Das Ensemble des Frankfurter Schauspiels dürfte dieser Behauptung des amerikanischen Literaturwissenschaftlers fast schon inbrünstig widersprechen. Sie alle sind nass geworden, pitschnass, und am Ende waren sie vermutlich auch kräftig durchgefroren.

Die ganze Bühne war unter Wasser gesetzt. 40° anfangs, mit zunehmender Tendenz zur Abkühlung. „Kein Rohrbruch“, wie eine „lustige Person“ eingangs verkündete, sondern schiere Absicht. Dieses Element, so lautet eine elementare Theaterregel, soll man auf der Bühne sehr sparsam verwenden. Nicht so hier. Andreas Kriegenburg, auch für diese beeindruckende Bühne verantwortlich, hat das Wasser sinnvoll eingesetzt. Es ergab faszinierende Spiegeleffekte, den Eindruck einer nahezu unendlichen Weite, weil sich auch an der Bühnenrückwand nur leicht kräuselndes Wasser spiegelte. Also eindrucksvolle, auch stimmige Bilder, Effekte, die wohl kalkuliert wirkten und den komödiantischen Elementen der Komödie durchaus entgegenkamen. Wenn auch, offenbar, zum Leidwesen der durchnässten Akteure.

Wer sie sehen wollte, konnte sogar Bezüge zu unserer Gegenwart, mit bemerkenswerter Zurückhaltung gesetzt, ausmachen. Nicht nur der Verweis auf die „Chefdramatürkin“. Zudem lag weit mehr als ein Hauch von Poesie über der ganzen Szenerie. Dazu hat sicherlich auch die, für die Frankfurter Aufführung, erstellte Neuübersetzung von Frank-Patrick Steckel erheblich beigetragen, auch wenn sie zu Teilen etwas vernuschelt wurde.

Kräftiger Beifall. Kein Jubel. Bekannte Gesichter mit (eher) gemischten Gefühlen. Trotzdem: ein lohnender Abend.

Magische Kräfte

Das Personal ist überschaubar. Prospero, ehemals Herzog von Mailand, von seinem Bruder entmachtet und mitsamt seiner damals dreijährigen Tochter Miranda, aufs offene Meer verfrachtet, hockt seit nunmehr zwölf Jahren auf dieser einsamen, weitab von überall gelegenen Insel, zusammen mit Ariel, seinem „Luftgeist“, und einem Gebilde namens Caliban, eine unsaubere Mischung zwischen Mensch und Urvieh, traditionellerweise als ein Symbol für die rohe, dumpfe Gewalt einer ungezähmten Natur betrachtet, aber hier, von Kriegenburg, zu Recht in eine eher marginale Rolle gedrängt. Der Sohn einer algerischen Hexe und eines Meeresungetüms fühlt sich von Prospero unterdrückt, auch weil der ihm nicht nur Manieren beibringen wollte. So wie ihn Michael Benthin präsentiert, ähnelt er eher einer abgespeckten Version von Harry Rowohlt in der Badehose, als dieser rätselhaften, schon in sich widersprüchlichen Figur bei Shakespeare. Prospero dagegen, Gelehrter von seinen Neigungen her, kein Macht-, ein Büchermensch, verfügt (als wär’s ein Dichter) über gewaltige magische Kräfte. Und über Ariel, seinen Luftgeist, der die Befehle seines Gebieters penibel umsetzt. Franziska Junge gibt diesem Kobold jene Leichtigkeit, die nicht an böse Mächte, sondern eher an poetische Kräfte denken lässt. Prospero hatte den Sturm herbeigerufen, als ein Schiff mit seinem Bruder, dem jetzigen Herrscher von Mailand und dessen Schutzherrn, dem König von Neapel, die Insel passieren wollte. Der Schiffsbruch verschlägt sie nun alle auf seine Insel. Schon bei Shakespeare wird kaum begreiflich, wie ein Mensch, der über derartige magische Kräfte verfügt, durch politische Machenschaften in Schach gehalten werden kann.

Seine Tochter, Miranda, beklagt nun voller Mitgefühl die unseligen Opfer des Schiffbruchs. Prospero kann sie beruhigen. Denn allen ist eigentlich nichts passiert. Er sieht jetzt aber endlich die Gelegenheit, Miranda über ihre Herkunft aufzuklären. Er erzählt von den Intrigen seines Bruders und ihrer endlichen Landung auf dieser unwirtlichen Insel. Das junge Mädchen fragt ziemlich abgeklärt, warum man sie nicht umgebracht, sondern nur ausgesetzt habe. (Aus Angst vor dem Volk, bei dem Prospero beliebt war.) In solchen Augenblicken spüren wir auch heute noch die Umbruchszeit. In der Renaissance wurden eben nicht nur die hehren Werte der klassischen Kunst und Kultur wiederentdeckt, sondern ebenso das rücksichtslose Macht- und Intrigenspiel, das Machiavelli erstmals in trockener Nüchternheit beschrieben hat. Felix von Manteuffel präsentiert den Gelehrten Prospero, der stets mehr an seinen Büchern als an der Macht hing, entsprechend als einen Melancholiker, eindrucksvoll emotionslos, mit hängenden Schultern, und der Resignation eines Beobachters, der sieht, wie die Verhältnisse nun mal sind. Er weiß Moral von Politik zu trennen. Seine Tochter konnte er noch nach seinen Vorstellungen erziehen. Schon sein Versuch, aus dem Monster Caliban einen Menschen zu machen, scheiterte. John Dryden behauptete deshalb zu Recht, dass eine solche Gestalt „so nicht“ in der Natur existiere. Das alles wird auf der Bühne erzählt. Die Handlung selbst bleibt spärlich. Selbst die Hauptfiguren bleiben Nebengestalten. Nur Miranda, die Tochter, und Ferdinand, der Sohn des Königs von Neapel, können auf kindische Weise ihre eher noch kindliche Liebe entwickeln. Es ist ein munteres Spielchen, das sich auf der nassen Bühne abspielt. Ariels Hilfstruppen, anmutige Geister mit roten Sonnenschirmen hüpfen um den riesigen Baumstamm herum, der im Zentrum der Bühne steht. Prospero beobachtet, eher missmutig, wie es scheint, solches Geschehen, offenkundig mit der Frage beschäftigt, ob er Vergeltung üben oder Versöhnung anbieten soll. Er entscheidet sich für die Versöhnung, vergibt Caliban, der ihn töten wollte, vergibt seinem Bruder, der ihn vertrieben hatte und gibt seine Tochter dem Sohn des Königs von Neapel, der ebenfalls zu seinen Feinden zählte. Und so sind’s alle zufrieden und kehren geläutert in die Heimat zurück. Prospero gewinnt sein Mailand zurück und verzichtet dafür auf sein „Buch“ und, vor allem, auf seine magischen Kräfte. Ariel wird freigelassen. Eine Komödie eben. Alle Probleme sind gelöst. Aber viele Fragen offen. „Der Sturm“ ist das letzte Stück, das Shakespeare allein geschrieben hat. Es ist auch eines seiner kühnsten. Aus dem Stoff, aus dem unsere Träume sind. Und in dieser Inszenierung allemal sehenswert.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 19.4.2016

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Theater

Der Sturm

William Shakespeare

Erstaufführung der Neuübersetzung von
Frank-Patrick Steckel

Regie und Bühne Andreas Kriegenburg
Kostüme Andrea Schraad
Dramaturgie Claudia Lowin

Schauspiel Frankfurt

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld

Szenenfoto Schauspiel Frankfurt: Birgit Hupfeld