Ein Praktikum führte Nadine Lashuk im Jahr 2006 in die belarussische Hauptstadt Minsk. Daraus wurde weit mehr als eine Zwischenstation, wovon Lashuk nun in einem Buch erzählt: „Liebesgrüße aus Minsk“. Das Buch zeichnet trotz seiner Schwächen ein persönliches und plastisches Bild des Alltags und der Menschen in Belarus, meint Eugen El.

Buchkritik

In einem unbekannten Land

Ihr Lebenslauf ist nicht gewöhnlich. Nadine Lashuk wurde 1984 geboren, wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte in Münster und Lille. Ein EU-Praktikum führte die gebürtige Deutsche im Jahr 2006 in die weißrussische (Im Folgenden: belarussische, geht man von Belarus als korrekter Bezeichnung des Landes aus – Anm. d. Red.) Hauptstadt Minsk. Daraus wurde weit mehr als eine Zwischenstation, wovon Lashuk nun in einem Buch erzählt: „Liebesgrüße aus Minsk“.

Für Lashuk, wie für die meisten Deutschen und Mitteleuropäer, ist Belarus zunächst völlig unbekanntes Terrain. Das Land kennt man aus der politischen Berichterstattung als „letzte Diktatur Europas“. Zuletzt blickte man nach Minsk, als dort im Februar 2015 unter der Vermittlung Angela Merkels und François Hollandes ein Abkommen zur Beilegung des Konflikts um die Ostukraine verhandelt und unterzeichnet wurde. Die Vergabe des Literaturnobelpreises an Swetlana Alexijewitsch lenkte Ende 2015 noch einmal die Aufmerksamkeit auf Belarus.

Lashuk kommt nach Minsk und erlebt zunächst beengte Wohnverhältnisse in einer Hochhaussiedlung am Stadtrand, ein Gefühl der Isolation und eine beträchtliche Sprachbarriere. Das von Frankfurt nur zwei Flugstunden entfernte Minsk erscheint der Autorin fremd und unzugänglich. Im Gepäck hat sie ein politisch aufgeladenes Bild des Landes, nicht verwunderlich angesichts der seit 1994 andauernden, autoritären Herrschaft von Alexander Lukaschenko. Als Lashuk zufällig das Gebäude der Deutschen Botschaft entdeckt, wird sie von Heimweh überwältigt und weint.

Ein erster Schritt des Kennenlernens gelingt der Autorin erst, als sie zu einem Ausflug zur Schlossruine von Mir eingeladen wird. Dort trifft sie Aliaksei, in den sich die Autorin sogleich verliebt. Sie werden zu einem Paar, und irgendwann stellt Aliaksei Nadine seinen Eltern vor. Dass das in Belarus einer Verlobung gleichkommt, erfährt Nadine erst später. Das private Glück ist perfekt, es wird geheiratet, und es kommen zwei Kinder zur Welt. Bis 2014 lebt Lashuk mit ihrem Mann in Minsk.

Idylle im Überfluss

So weit, so profan. Lashuks Buch liest sich denn auch wie eine kuriose Mischung aus Reisebericht und Tagebuch. Die Sprache ist schlicht, die Formulierungen oft holprig und floskelhaft, teils umgangssprachlich. Und doch lohnt es sich, das Buch zu lesen. Denn je intensiver sich die Autorin in die belarussische Gesellschaft begibt, desto erkenntnisreicher wird der Text. Viele landestypische (und allgemein postsowjetische) Marotten kommen ans Licht. Speisen haben morgens, mittags und abends (auch mitternachts!) möglichst fett- und fleischhaltig zu sein. Die Löhne sind niedrig, die Preise europäisch. Die Medizin ist kostenlos und schikanös. Umgang mit Ausländern ist man oftmals nicht gewohnt. Die Familie hat Vorrang, geheiratet wird früh, bis ins Erwachsenenalter reden die Eltern kräftig mit. An Wochenenden fährt man in die reichlich vorhandene Natur: in den Wald, zur Datscha, aufs Dorf oder zu einem der vielen Seen.

Es entsteht der Eindruck einer homogenen, von Konventionen und Traditionen durchzogenen Gesellschaft. Ihr sozialer Konservatismus hat alle Zumutungen des Wandels seit 1991 überstanden, auch ohne eine starke Religiosität im Hintergrund. Die belarussische Sprache erlebt, so Lashuk, spätestens seit der russischen Annexion der Krim eine staatlich geduldete Renaissance. Das Regime hat so das letzte oppositionelle Alleinstellungsmerkmal abgeräumt. Die Menschen haben, so scheint es, ihren Frieden mit Lukaschenko gemacht. Die private Idylle ist im Überfluss zu haben. Die Angst vor Veränderung regiert. Wozu politischer Protest führt, haben die Belarussen am Beispiel der ukrainischen Nachbarn gelernt.

Eingestreut sind in den Text Rezepte typisch belarussischer Speisen. Nicht nur sie bringen die Eigenheiten der irgendwo zwischen polnischen, baltischen, jüdischen, russischen und sowjetischen Einflüssen angesiedelten Kultur dem Leser näher. Das Buch zeichnet trotz seiner Schwächen ein persönliches und plastisches Bild des Alltags und der Menschen in Belarus. Wenn man dort seine Kindheit verbracht hat, erkennt man zwar viel Vertrautes wieder. Dennoch blickt man auf ein längst fremd gewordenes Land. Umso interessanter, dass mit Nadine Lashuk nun eine deutsche Autorin Belarus entdeckt.

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erstellt am 18.4.2016

Das Schloss Mir aus dem 16. Jahrhundert zählt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Belarus.
Foto: Yuryy Yaroshev / Quelle: Wikimedia Commons

Nadine Lashuk
Liebesgrüße aus Minsk
Klappenbroschur, 256 Seiten
ISBN: 978-3-89029-463-6
Malik Verlag, München 2016

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