Ansichtssache

Die Vorzüge der Teilzeitehe

Von Stephanie Doetzer

Ich habe einen Heiratsantrag bekommen. Das mag nun nicht unbedingt von öffentlichem Interesse sein, aber es war, nunja: anders, als man sich das vorstellt. Der Antrag kam nicht bloß von einem Mann, sondern von ihm und seiner Frau. Jawohl: Von einem Ehepaar.
 
Aber von Anfang an: Wir kennen uns seit einem Jahr und gehen ab und zu Essen, immer zu dritt. Er ist ein katarischer Drehbuchautor, sie eine Palästinenserin, die sich von ihm auf Händen tragen lässt. Sie sind spritzig, humorvoll, tiefgründig, so wie man sich seine Gesprächspartner beim Abendessen wünscht. Beide sind praktizierende Muslime, sie beten, fasten und sehen aus wie ein arabisches Vorzeigepaar: Sie trägt eine Abaya mit Glitzerapplikation und ein schwarz-schillerndes Kopftuch, er das traditionelle weiße Gewand der Golfstaaten mit Turban.
 
Nebenbei bemerkt sieht er unverschämt gut aus, aber das tut jetzt nicht viel zur Sache. Gestern jedenfalls saß er mir und seiner Frau gegenüber, und beginnt, mich auszufragen: Was denn meines Erachtens den idealen Partner ausmache und was mir wichtig sei in einer Ehe? Ich wundere mich kurz, denke aber: Ach was, ein Flirt kann es ja schlecht sein, seine Frau sitzt ja neben mir. Also gebe ich bereitwillig Auskunft, bis mir seine nächste Frage die Stimme verschlägt: Sag mal, kannst Du Dir vorstellen, eine Zweitfrau zu sein? Zum Beispiel: Meine?
 
Um Gottes Willen, sage ich. Ihr seid ja total verrückt! Beide lächeln mich an und zucken mit keiner Wimper. Erst erklärt sie, dass sie schon immer gerne eine weitere Frau für ihren Mann gefunden hätte, aber es sei eben nicht leicht, die richtige zu finden. „Aber Dich fände ich super. Ich bin auch nicht eifersüchtig. Ich fände das gut, wenn er häufiger außer Haus wäre, dann hätte ich Abends mehr Zeit zum Lesen.” Hmh, sage ich. Und bevor ich etwas antworten kann, geht es weiter: „Sämtliche Studien beweisen, dass Männer nicht für Monogamie gemacht sind. Männer können mehrere Frauen lieben, das ist einfach so.”
 
Ihr Mann schaut mir in die Augen und übernimmt das Wort: „Für Dich ist sowas ideal. Du brauchst Deine Freiheit, Du hättest Zeit zum Reisen, Zeit zum Schreiben – und nebenbei einen Teilzeit-Mann. Bei Deinem Lebensstil hast Du doch gar keine Zeit für einen Mann für Dich allein.” „Männer sind High Maintenance”, fügt seine Frau hinzu. „Sie brauchen viel Aufmerksamkeit. Es stört mich auch nicht, wenn Du die Lieblingsfrau wärst. Ich bin nicht so ein Kitsch-Typ.”
 
„Also, Moment mal” sage ich. „Erstens: Ich will gerade überhaupt nicht heiraten. Zweitens: Wenn, dann wäre ich ganz gern die einzige Frau. Ich könnte das nicht ertragen.” Was „ertragen”? fragt sie. „Na, wenn ich mir das vorstelle: Ich muss einen Artikel schreiben und damit ich meine Ruhe habe, setze ich meinen Mann bei der Erstfrau ab, küsse ihn zum Abschied und sage: Viel Spaß euch beiden, ich hol Dich morgen wieder ab? Um Himmels Willen!”
 
Die beiden schauen mich mitleidig an. In ihrem Blick lese ich den
Satz: „Ihr Europäer, ihr tut so offen, dabei seid ihr voll die Spieser.” Um weit nach Mitternacht verlassen wir das Restaurant, sie fragt, ob es nicht zu spät für mich sei. „Nö, kein Problem, ich bin sowieso ein Nachtmensch” antworte ich und taumele etwas benebelt zum Auto. Sie schaut von ihrem Mann zu mir und wieder zurück und ruft:

„Noch was, das ihr gemeinsam habt! Ihr wärt so ein tolles Paar!”

erstellt am 23.3.2011

Ein (un)moralisches Angebot?