In einer großen Ausstellung präsentiert das Museum Thyssen-Bornemisza in Madrid die Künstlergruppe, die unter dem Namen „Realistas de Madrid“ bekannt ist. Die gezeigten Interieurs, Gärten und Stadtlandschaften sind auf fast melancholische Weise menschenleer und erinnern zugleich durch kleine Details an die menschliche Allgegenwart, berichtet Stefana Sabin.

Ausstellung in Madrid

Das Fenster, die Straße, die Stadt

Es war nicht so sehr eine thematische oder formelle Neuerung als vielmehr die Abkehr von der akademischen Malerei, die in den siebziger Jahren als neuer spanischer Realismus bezeichnet wurde: in Sevilla hatte diese Malerei eine lyrische Note, in Valencia war sie eher satirisch und in Madrid melancholisch ernst. Vor allem die Madrider Realisten bildeten eine regelrechte Künstlergruppe, die die spanische Malereitradition neu beleben wollte.

Die Anfänge der Gruppe liegen in den fünfziger Jahren in Madrid, als Antonio López García, María Moreno Julio, Francisco López Hernández, Esperanza Parada, Isabel Quintanilla und Amalia Avia dort zu studieren anfingen. Die San Fernando Kunstakademie, das Prado Museum und das Casón del Buen Retiro, eine Sammlung von Reproduktionen, waren die wichtigen Orte ihrer ästhetischen Entwicklung, und die neorealistischen Filme und Literatur, vor allem die Romane von Rafael Sánchez Ferlosio, prägten ihre kulturelle Sensibilität. Und während sie die Abstraktion wahrnahmen und von der art informel eines Lucio Muñoz beeinflusst wurden, blieben sie bei der realistischen Weltdarstellung und verpassten ihrem Realismus eine moderne Erscheinung.

So sind die Interieurs, die Gärten und die Stadtlandschaften auf fast melancholische Weise menschenleer und erinnern zugleich durch kleine Details an die menschliche Allgegenwart. Es ist ein Spiel aus scheinbarer Abwesenheit und implizierter Anwesenheit, die die Madrider Realisten inszenieren – am eindrucksvollsten in den Fensterbildern, die ihre Spannung aus der geschickten Überlappung einer tatsächlichen Vedute und der Bildrealität beziehen: der Blick durch das offene Fenster auf die Stadt, den Francisco López in seinem Bild „Ventana de Noche“ („Fenster am Abend“) von 1972 zeigt, oder das geschlossene Tor von Amalia Ava von 1988 setzen die Identifikation zwischen dem Maler als unsichtbarem Betrachter innerhalb des Bildes und dem Zuschauer als Betrachter außerhalb des Bildes voraus.

Aber auch die Interieurs führen bei aller Leere die menschliche Existenz vor: „Lavabo y Espejo“ („Waschbecken und Spiegel“) von Antonio López von 1967 fungiert wie eine Art (Selbst-)Porträt, auf dem die kosmetischen und hygienischen Instrumente auf der Spiegelablage – Zahnbecher, Parfümflasche, Rasierzeug – akribisch gemalt sind, während das Spiegelbild des malenden Ich ausgelassen ist.

Die Ausstellung, die neunzig Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen versammelt, zeigt sowohl technische und motivische Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zwischen den einzelnen Künstlern. Und sie stellt ein Kapitel spanischer Malerei vor, das noch so wenig bekannt ist, dass es nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat.

Kommentare


Miguel de Espinosa - ( 24-04-2016 06:27:19 )
"Die Ausstellung, (...) versammelt, zeigt sowohl technische und motivische Ähnlichkeiten als auch Unterschiede zwischen den einzelnen Künstlern"
Jede Ausstellung von Werken mehr als eines Schaffenden hat schon IMMER und wird auch weiterhin IMMER Unterschiede zwischen den einzelnen Künstlern zeigen.
Wirklich!
Sogar Ausstellungen einzelner Künstler, die entlang seines Lebens strukturiert sind, zeigen IMMER auch Unterschiede entlang der Zeitskala :-)

Übrigens, Sie missverstehen die Kunst von Antonio Lopez. Was ihn wirklich bis zur Obsession beschäftigte war LICHT. Es ging ihm immer um Licht.

Und: was der neue spanische Realismus war und ist keine Bewegung, die einen gemeinsamen Platz in Wikipedia verdient. Denn sie war keine Bewegung, sondern eine breite kollektive Palette defensiv-reflexiver Reaktion mit eskapistischem Unterton bzw. Beigeschmack auf die letzten Jahre des Franco-Faschismus.

Eigentlich nur das spanische Kino hat eine Facette gehabt, die den Namen "neuer Spanischer Realismus" verdient hat. Dank Bardem und seines Calle Mayor ...

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erstellt am 17.4.2016

Antonio López, Lavabo y espejo, 1967. Museum of Fine Arts, Boston. © Antonio López, VEGAP, Madrid, 2016

Ausstellung

Realistas de Madrid

9. Februar – 22. Mai 2016

Museo Thyssen-Bornemisza

Francisco López, Ventana de noche, 1972. Colección Banco de España. © Francisco López, VEGAP, Madrid, 2016