In Spanien erfreut sich die Zarzuela, eine der Operette vergleichbare Variante des Musiktheaters, das mit gesprochenen Passagen durchsetzt ist, großer Beliebtheit. In Madrid wird die Zarzuela in einem prunkvollen Logentheater mitten in der Stadt gepflegt. Außerhalb Spaniens ist sie aber so gut wie unbekannt. Thomas Rothschild hat eine Zarzuela-Aufführung besucht.

Zarzuela

Schlicht und volkstümlich

Mehr noch als beim Literaturtheater – Shakespeare, Molière oder Tschechow stehen fast auf der ganzen Welt auf den Spielplänen – zeigen sich bei den volkstümlichen Formen des Theaters nationale Besonderheiten. In Spanien ist es die Zarzuela, eine der Operette vergleichbare Variante des Musiktheaters, das mit gesprochenen Passagen durchsetzt ist, die sich, jedenfalls beim älteren Publikum, großer Beliebtheit erfreut, außerhalb des Landes aber so gut wie unbekannt ist. In Madrid wird die Zarzuela nicht etwa in einem kleinen Studio, sondern in einem prunkvollen Logentheater mitten in der Stadt gepflegt.

„La del Soto del Parral“ – „Das Mädchen aus Soto del Parral“ – von Reveriano Soutullo und Juan Vert, 1927 uraufgeführt, zählt zu den beliebten und häufig gespielten Zarzuelas. Die Handlung ist im 19. Jahrhundert in einem Dorf in der Nähe von Segovia angesiedelt. Auf dem Landgut „El Soto“ leben Germán und seine Frau Aurora. Germáns Jugendfreund Miguel, der Sohn des früheren Eigentümers von „El Soto“, kommt an, um eine Angelita, von der ständig die Rede ist, die aber in dem ganzen Stück nicht auftritt, zu heiraten. Germán hat die undankbare Aufgabe, Miguel von dieser Heirat abzuhalten. Tío Prudencio, der Verfasser von Romanzen, setzt das Gerücht in Umlauf, dass Germán Aurora nur aus Berechnung geheiratet habe und dass Angelita seine Geliebte sei. Als Aurora davon erfährt und ihren Mann zur Rede stellt und Miguel ihn der Verleumdung verdächtigt, verlässt der Geschmähte das Dorf.

Germán teilt ein Geheimnis mit dem alten Tío Sabino: Angelita war die Geliebte von Miguels Vater. Das aber soll dieser nicht erfahren. Tío Prudencio arrangiert ein Treffen zwischen Germán und Angelita, das hinter der Bühne stattfindet. Es soll Miguel und Aurora die Augen für die vermeintliche Liebschaft öffnen. Die aber erkennen Angelitas „Schuld“ und Germáns Treue, und es kommt zu einem raschen und glücklichen Ende. Alles in Butter.

Parallel zu der Intrige in den besseren Kreisen verläuft, wie so oft im Volkstheater, ein komischer Strang im Milieu des Gesindes. Auch der arbeitsscheue Damián und Catalina, die Nichte von Tío Sabino, wollen heiraten, und ihre Hochzeit gibt den turbulenten Hintergrund für das Geschehen ab.

Die wieder aufgenommene Inszenierung von 2010 am Teatro de la Zarzuela kommt, wenn man von den stilisierten Chören absieht, konventionell realistisch daher. Experimente will das bejahrte Publikum bei einer Zarzuela nicht sehen. Schlicht sind auch die an Volkslieder erinnernde Musik und die tänzerischen Einlagen. Manche Nummern sind so populär, dass sie im Zuschauerraum mitgesummt werden.

Es wäre übertrieben, wenn man es als großen Verlust bezeichnete, dass Zarzuelas wie „La del Soto del Parral“ außerhalb Spaniens kaum eine Chance haben. Dass aber noch die banalsten Musicals bei uns große Häuser füllen, verdankt sich nicht der überlegenen Qualität, sondern allein der Dominanz der amerikanischen Kultur in der westlichen und zunehmend in der ganzen Welt. Ob das ein erfreulicher Zustand ist? Der Begriff des „Kulturimperialismus“ ist aus der Mode geraten. Der Begriff. Nicht, was er benennt.

la-del-soto-del-parral-promo from Teatro de la Zarzuela on Vimeo.

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erstellt am 13.4.2016

Szenenfoto Teatro de la Zarzuela, Madrid

Szenenfoto Teatro de la Zarzuela, Madrid