Karl Christian Friedrich Krause wurde 1781 geboren, prägte den Begriff ‚Panentheismus’, sprach vom Wesen sowie vom Urwesen und brachte die Idee der allharmonischen Sozialformationen in die Welt, die, wie Otto A. Böhmer weiß, in Dresden durch einen eigensinnigen Nachbarn ins Wanken geriet.

Der Philosoph Karl Christian Friedrich Krause

Werter Herr Schulze

Der Philosoph Karl Christian Friedrich Krause war nach Dresden gekommen, wo er seine Studien fortzusetzen gedachte, und er hatte nach längerem Suchen ein einigermaßen preiswertes Zimmer in der Großen Meißenschen Gasse 35 gefunden. Seine neue Unterkunft war kärglich möbliert, so wie er es schätzte, und man schien dort jene Ruhe finden zu können, die er für nötiger hielt als das sogenannte tägliche Brot. Krause packte seine Siebensachen aus und verließ dann das Haus zu einem Spaziergang; ein kühler Wind wehte in den Straßen, der unten am Fluss noch stärker wurde und die sehnsüchtigen Blicke der Menschen mit einem Schleier feiner Tränen überzog. Der Philosoph fröstelte, und er beschloss, in seine neue Behausung zurückzukehren. In seinem Zimmer war es angenehm warm, wie er fand; er zog den Mantel aus, ließ den Schal aber, den er sich um den Hals geschlungen hatte, an und setzte sich so in den einzigen Sessel. Der Wind war hier oben in seinem Zimmer nur noch als ein leises Seufzen zu vernehmen. Er schloss die Augen, um sich den klugen, aber unaufdringlichen Gedanken zu widmen, die aus der Tagesmüdigkeit erwachsen, als er auf einmal knarrende Schritte vernahm, die aus dem Nachbarzimmer zu kommen schienen. „Wer auch immer dort auf- und abgehen mag“, murmelte Krause, „er soll sofort damit aufhören.“ Der Wanderer nebenan aber dachte gar nicht daran; er schien in systematischer Absicht sein Mobiliar zu umkreisen – und zu allem Überfluss war nun noch ein auf- und abschwellendes Murmeln zu hören, so, als werde der Fußmarsch von einem grundsätzlichen Selbstgespräch begleitet. „Ruhe!“ sagte der Philosoph mit schwacher Stimme. Er stand auf und lauschte an der Wand. Was er hörte, waren einzelne, mit barscher Stimme vorgetragene Satzfetzen, die sich zu einem drohenden Ganzen verformten: „Der Gärungsprozess meines Denkens“, war da zu vernehmen, „zeigt seine Früchte. Endlich wird sich meine Philosophie daraus hervorheben – wie aus dem Morgennebel eine schöne Gegend …“ An dieser Stelle wurde der Redner unterbrochen; etwas war zu Boden gefallen, und brummelnd hob er es wieder auf. „Meine Philosophie“, fuhr er dann fort, „wird nie im mindesten das Gebiet der Erfahrung überschreiten. Denn sie wird, wie jede Kunst, nur die Welt wiederholen  …“

So ging es eine ganze Weile: Der geheimnisvolle Nachbar sprach zu sich selbst, und in unregelmäßigen Abständen fiel etwas herunter – anscheinend immer der gleiche Gegenstand, der unter etlichen Verwünschungen wieder aufgehoben wurde. Es gilt einzuschreiten, dachte Krause. Das ist Lärmbelästigung, und ich muss mich beschweren. Er verließ sein Zimmer und klopfte an der Nachbartür. „Herein!“ rief es von drinnen. Krause trat ein und sah sich einem kleinen vierschrötigen Mann gegenüber, der ihn aus gerötetem Gesicht anstarrte. „Was wollen Sie?“ fragte er. „Mein Herr“, sagte der Philosoph. „Ich bin Ihr neuer Nachbar, und mein Name ist Krause …“ „Das macht doch nichts“, sagte der Mann. Er stand vor einem großen Bücherregal, dessen oberste Reihe, im besonderen, so vollgestopft war, dass jeden Moment wieder ein Band herunterfallen konnte. Im Zimmer roch es nach Glühwein, und Krause entdeckte auf dem Tisch in der Ecke eine Karaffe und ein wuchtiges, halbvolles Glas. „Mein Herr!“ sagte der Philosoph, dem der Glühweinduft sofort zu Kopfe stieg. „Das sagten Sie bereits“, meinte der Mann. „Ich heiße Schopenhauer, – Arthur Schopenhauer.“ „Ich möchte Sie ersuchen, Ihre Gewaltmärsche im Zimmer einzustellen“, sagte Krause, „und möglichst nur noch flüsternd zu sich selbst zu sprechen. Ich nämlich fühle mich durch Ihre Verlautbarungen empfindlichst gestört.“ „Mein werter Herr Schulze“, sagte der Mann und baute sich drohend vor dem Philosophen auf. „In den von mir angemieteten Räumlichkeiten rede und gehe ich – mit wem und so laut, wie ich will. Merken Sie sich das.“ – „Werter Herr Schoppenhauer“, sagte Krause mit fester Stimme und schielte auf die Glühweinkaraffe in der Ecke. „Ich ersuche Sie noch einmal, in aller Entschiedenheit, sich so zu verhalten, dass Sie anderen nicht zur Last fallen. Sie sind nun mal nicht allein auf der Welt …“ „Leider“, murmelte Schopenhauer, „leider; ein Umstand, den ich sehr bedauere …“ „Sollten Sie Ihre ruhestörenden Unternehmungen nicht alsbald auf ein minderes und damit erträgliches Maß reduzieren“, sagte Krause, „sehe ich mich gezwungen, mein Recht vor dem Gerichtshof der Haus­wirtin geltend zu machen …“ „Tun Sie das, Herr Schulze“, höhnte Schopenhauer, „Sie werden eine feine Abfuhr erhalten …“ „Ich heiße Krause, Herr Schoppenhauer“, sagte der Philosoph, „merken Sie sich das.“ „Und ich heiße Schopenhauer. Mit ‚Schoppen‘ hat mein Name nichts zu tun“, sagte der Mann. „Ihr Name vielleicht nicht“, rief Krause, „aber Sie selbst doch wohl schon. Ihr weit über Gebühr gerötetes Gesicht verrät, dass Sie den Schoppen mehr als gerne zusprechen.“ „Wollen Sie damit sagen, dass Sie einen Trunkenbold vor sich haben?“ brüllte Schopenhauer. In diesem Moment fiel ein Buch aus der obersten Regalreihe zu Boden. „Es scheint ja immer dasselbe Werk zu sein, das da den Halt verliert“, meinte Krause. „Was ist es denn?“ „Das ‚Oupnekhat‘“, sagte Schopenhauer, „meine Bibel, die Sie vermutlich nicht kennen werden …“ „Und ob ich sie kenne“, beschied Krause ihn kühl. „Aber im Gegensatz zu Ihnen lese ich lieber das Original. Das sogenannte Oupnekhat ist, wie Sie vielleicht wissen, nur die doppelt verarmte lateinische Übertragung einer persischen Fassung der altindischen Upanishaden.“ Schopenhauer stutzte. „Ach, Sie können Sanskrit?“ sagte er dann. „Sie müssen schon verzeihen, Herr Krause … Setzen Sie sich doch. Und legen Sie ruhig Ihren Schal ab. Ich möchte Ihnen ein Glas von meinem vorzüglichen Glühwein anbieten; der ist gut gegen Erkältung – und fördert die notwendigen Gespräche …“

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erstellt am 13.4.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Karl Christian Friedrich Krause
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