Udo Riechmann glaubte, dass sich das falsche Bewusstsein in ein richtiges konvertieren lässt. Zwischen Adorno und Spontis agierte er und empörte sich darüber, wie jemand gegen seine eigenen Interessen handeln konnte. Bernd Leineweber gedenkt seiner mit einem Nachruf.

Udo Riechmann
Zum Tod von Udo Riechmann

Der Champion des Zwischenrufs

Von Bernd Leineweber

Tote haben die Eigenart, von konkreten Individuen zu Figuren zu werden. So stelle ich fest, wie in mir eine Figur von Udo auftaucht, wenn ich an ihn denke: die Figur eines Menschen, der sich aus tiefstem Herzen empören kann. Empörung ist ein mächtiges, schwer zu kontrollierendes Gefühl, ein Gefühl, das aufbrechen kann, wenn sich jemand persönlich verletzt fühlt, aber auch aus einem fassungslosen Staunen und Unverständnis angesichts einer Äußerung, einer Handlung oder Verhaltensweise, die ihn nicht persönlich betrifft. Spontan macht sich Empörung Luft mit den Worten: „Das kann doch nicht wahr sein“.

Udo war ein Champion des Zwischenrufs. Für seine Zwischenrufe auf Versammlungen und Teachins wurde er oft zur Ordnung gerufen, angegriffen oder belächelt. Aber es war nicht Geltungsdrang, der ihn davon abhielt zu warten, bis er nach der Rednerliste dran war. Er nahm die Zurechtweisungen auch nicht übel. Es ging ihm um die Sache, die Wahrheit einer Äußerung oder eines Beitrags, für die er sofort, unbekümmert um Etikette, Partei ergriff. Diese Parteilichkeit hat seine Beziehungen zu anderen, auch zu Freunden und Genossen, wesentlich bestimmt. Es war nicht seine Art, zu psychologisieren, Charaktere zu analysieren oder zu moralisieren. Streit gab es für ihn nur um die Sache, nicht zwischen Personen.

Eine über vierzig Jahre zurückliegende Erinnerung in diesem Zusammenhang ist mir immer gegenwärtig geblieben. Ich kam zu einer politischen Versammlung in einem Jugendzentrum in Hannover, in dem eine Gruppe von Genossen arbeitete, die für ihren anarchistischen, militanzfreudigen Kurs bekannt war. Als ich das Gebäude betrat, kam mir Udo entgegen. Er blutete an Nase und Lippen und erklärte mir kurz, er sei in eine Schlägerei mit dem ihm – auch mir – bekannten Genossen X. geraten. Neben der Angst um Udos Gesundheit stieg Wut in mir hoch, ich geriet in helle Aufregung. Da nahm Udo mich in den Arm und tröstete mich, wo ich doch ihn trösten sollte und wollte. „Ist doch nicht so schlimm“, sagte er. Für ihn war es eine politische Meinungsverschiedenheit, bei der so etwas eben vorkommen konnte. Über das Verhalten seines Widersachers ihm persönlich gegenüber verlor er kein Wort. Udo hatte, von ihm selbst aus gesehen, keine Feinde. Seine Empörung war ohne Hass.

Empörung war bei ihm ein so mächtiges Gefühl, dass sie die Tendenz hatte, sich in manchen Situationen über Verkehrsformen und Fragen der Zweckmäßigkeit hinwegzusetzen. Udo hat mich einmal in meinem in den 70er Jahren mit Freunden gemieteten süditalienischen Ferienhaus besucht, einer ganz nach unserem Geschmack verfallenen Sommerresidenz einer Adelsfamilie aus dem 18. Jahrhundert, idyllisch gelegen oberhalb eines damals gerade noch intakten Fischerdorfs. Zu dieser Zeit wurde in dem Ort heftig über Pläne eines lokalen Bauunternehmers gestritten, an dem letzten unberührten Küstenstreifen eine Straße bauen zu lassen, um das Gelände für den Tourismus zu erschließen. Als Udo von diesen Plänen erfuhr, stellte er sich auf die Marina, die Meerespromenade, wo zu bestimmten Zeiten der ganze Ort auf und ab flanierte, und rief mehrmals und lauthals, wie bei einer Demo, den Namen des Bauunternehmers mit einem angehängten „Merda“. Wir mussten ihn schnell beruhigen, auch weil wir Angst hatten, dieser Mensch könnte uns eine Schlägertruppe auf den Hals schicken. Widerwillig stellte Udo seine Einmann-Demo ein und fuhr ein paar Tage später ab.

Bei Udo war Empörung eine offenherzige Version des Staunens. Das Staunen ist bekanntlich die philosophische Urtugend, der Anfang der Wahrheitsfindung. Aber Udo setzte einen anderen Anfang, seine Art des Staunens galt nicht der Wahrheit, sondern der Unwahrheit. Das in Empörung umschlagende Staunen fragt, brüllt gelegentlich: wie können Menschen nur dermaßen falsch, gegen ihre eigenen Interessen gerichtet denken? Woher kommt die „Bewusstlosigkeit der Massen“, wie wir damals formulierten, ihre „Verblendung“, wie Udos und mein und von vielen geliebter Lehrer Adorno sagte.

Die Frage nach den Bedingungen, unter denen „falsches“ Bewusstsein entsteht, hat Udo sein ganzes Leben lang auch wissenschaftlich beschäftigt. Im Jahr 2005 hielt er in der damaligen „Denkbar“ in der Schillerstraße einen vierteiligen Vortrag unter dem Titel: „Über die Anfänge der Arbeitsgesellschaft, ihr selbstproduziertes Ende – und warum wir so vernarrt in sie sind“. In der Einleitung zu seinen Ausführungen, die die Menschheitsgeschichte seit dem Neolithikum behandelten und die er in die Theorien von Marx, Weber und Freud rahmte, im übrigen eine stupende Kenntnis der mittelalterlichen Geschichte, der Gemeinde-, Agrarverfassungen usw. bewies, verriet er etwas von seinem persönlichen Interesse an dem Thema:
„Gewundert haben mich die Menschen schon immer. Ihr Verhalten, Karrieredenken und Besitzstreben habe ich sicher hin und wieder geteilt, aber häufiger habe ich dabei vor einem Rätsel gestanden. Und Neugier ist wohl die vornehmste menschliche Eigenschaft, auch wenn wir sie mit jungen Hunden teilen. Unabweislich stellte sich mir diese Frage vor gut dreißig Jahren nach dem kurzen Sommer der Anarchie, in dem unter dem Pflaster der Strand lag und alles möglich schien. Genauso schnell wie alles aufgebrochen war, fiel es wieder zusammen; die Revoluzzer von gestern gründeten Kleinfamilien und brachen zum ›langen Marsch durch die Institutionen‹ auf, der sich aber nur als kurzer Weg in die alten Berufe erwies.
Was also waren die Widerstände gegen diese Perspektive der Freiheit beim Gros derer, die sich heute mit stolzgeschwellter Brust '68er' nennen? Was ließ sie – mal abgesehen von etwas mehr Libertinage und noch mehr Konsum – in den Trott ihrer Eltern zurückfallen? Die Frage wurde zumindest nicht öffentlich gestellt. Statt dessen warf man sich Beleidigungen an den Kopf wie Kleinbürger, Radikalinski, Stalinist, Opportunist. Was also war der moderne Mensch, was waren seine Verankerungen im Kapitalismus, und warum erwiesen sie sich als so stabil?“

Wir erinnern uns an die großen Gesten, die weiten Horizonte unserer damaligen Gesellschaftstheorie und Kapitalismuskritik. Vor allem in unserem Kreis um Hans-Jürgen Krahl, dessen bester Freund und engster Mitarbeiter Udo war, wurde der Dialog mit den großen Geistern aus den philosophischen Seminaren Adornos und einiger seiner Schüler in die studentischen Versammlungen und auf die Straße geholt Wir wollten mit phantasievollen, provokativen Aktionen eine andere Öffentlichkeit herstellen als die, welche uns von der angepassten Wissenschaft und den Massenmedien geboten wurde. Wir wollten Bewusstwerdungsprozesse in Gang setzen, die es am Ende ermöglichen, die Mechanismen und Strategien des Spätkapitalismus zu durchschauen, welche die Menschen in Bewusstlosigkeit halten. An der Durchsetzung dieser damals neuen, oft als „aktionistisch“ oder „spontaneistisch“ beschriebenen politischen Linie im Frankfurter und dann auch bundesweiten SDS war Udo maßgeblich beteiligt. Es war seine große Zeit.

Die bewusstseins- und praxisnahe Rolle und Aufgabe der Theorie hat ihn fürs Leben geprägt. Das Angebot von Oskar Negt 1971, mit nach Hannover zu kommen und bei ihm zu promovieren, nahm er an, eine Arbeit über Max Weber sollte es werden, aber zwei Jahre später ging er wieder zurück nach Frankfurt, weil ihn die praktische politische Arbeit doch mehr reizte. Er arbeitete mit in einer aus der Studentenbewegung hervorgegangenen Gruppe, die sich „Revolutionärer Kampf“ nannte und „Betriebsarbeit machte“, wie wir damals sagten. Was ihn neben der Begrenztheit der akademischen Forschung und Lehre abschreckte, war, glaube ich, auch die Verurteilung zur wissenschaftlichen Buchhalterei, die eine Doktorarbeit zwangsläufig mit sich bringt, und die wir als junge Wilde von '68 gründlich zu verachten gelernt hatten. Auch in dieser Frage ging Udo seinen eigenen Weg. Alle seine späteren politischen Engagements, von den „Grünen“ über die „Linke“ bis zu den „Piraten“, hielten ihn nicht davon ab, seinem Erkenntnisinteresse treu zu bleiben, wenn auch mit einer Verschiebung von der Rolle der Theorie für Bewusstseinsbildung zu der oben genannten Frage nach den langfristigen Gründen für das „falsche“ Bewusstsein. Immer neue theoretische Bereiche nahm er in seine Studien auf, besonders angetan hatten es ihm naturwissenschaftliche Forschungen in der Genetik und den Neurowissenschaften. Sein Fernziel war eine Synthese aus historischem und naturwissenschaftlichem Materialismus, die in der Lage wäre, eine politisch verwertbare Antwort auf die Frage nach der Entstehung „falschen“ Bewusstseins zu geben.

In seinen späteren Jahren war Udo ein würdiger Rentner und Privatgelehrter mit vielen Interessen, von der täglichen Lektüre der Feuilletons und Wirtschaftsteile verschiedener Zeitungen über jede Menge Bücher zu den oben genannten Themen, dazu historische, politische und ethnologische Studien über den islamischen Raum und Afrika, bis hin zu Jazz, neuer Musik, Ballett und Film. Er nahm an Arbeitskreisen teil, ging zu Demonstrationen, Vorträgen und Diskussionen, machte Wanderungen und Fahrradtouren und genoss den regelmäßig mit einem Stapel von Büchern und Zeitungen verbrachten Aufenthalt und die Arbeit im Garten seiner Gefährtin Sigrid.

Ich habe nie von Udo gehört, dass er es bereute, die konkrete Chance nicht genutzt zu haben, die er in den 70er Jahren hatte, um eine akademische oder eine andere gut bezahlte Karriere einzuschlagen. Ich denke, er wollte unabhängig bleiben, mobil sein für den politischen Kampf, in welcher Form und Organisation auch immer sich dieser nach seinem Urteil am aktuell sinnvollsten abspielte. Da hinein ging seine ganze, nicht unbeträchtliche Energie. Noch ein paar Tage vor seinem Tod, nahm er, physisch schwer eingeschränkt, an der Abschlusskundgebung des Ostermarschs teil.

Lebensläufe sehen im Rückblick manchmal so aus, als seien sie nach einem Plan oder nach einem Bild angelegt gewesen. Bei Udo kommt mir immer das Bild des „Berufsrevolutionärs“ in den Sinn, das bei uns im SDS umging und einen existentiellen Einsatzpunkt für den Auftrag, den wir zu haben glaubten, darstellte, nämlich an die revolutionäre Situation anzuknüpfen, die in Deutschland vor der Diktatur herrschte. Wir stellten uns vor, beitragen zu können zur Wiederbelebung einer politischen Idee, die damals vernichtet wurde, der Idee einer demokratischen und sozialistischen Gesellschaft. Das Bild des „Berufsrevolutionärs“ wurde besonders auch von Hans-Jürgen Krahl liebevoll gepflegt, dann geisterte der frühe Lenin über den Biertisch und dann stimmten wir, wenn wir nachts um drei die Kneipe verlassen mussten, auf den menschenleeren Straßen Frankfurts die Internationale an. In seriöserer, aber nicht weniger existentieller Form fanden wir dieses Bild beim frühen Horkheimer wieder, den wir gerade entdeckten, weil seine frühen Schriften noch nicht zugänglich waren. In dem aphoristisch gehaltenen Bändchen mit dem Titel „Dämmerung“ aus den zwanziger Jahren schrieb Horkheimer:
„Die revolutionäre Karriere führt nicht über Bankette und Ehrentitel, über interessante Forschungen und Professorengehälter, sondern über Elend, Schande, Undankbarkeit, Zuchthaus ins Ungewisse, das nur ein fast übermenschlicher Glaube erhellt. Von bloß begabten Leuten wird sie daher selten eingeschlagen.“

Ein Satz, der in unserem Kreis und darüber hinaus zum geflügelten Wort wurde und unserem Elan das Quentchen an politischer Romantik hinzufügte, das zum gärenden Zeitgeist und zu unserem ungaren jugendlichen Alter passte. Udo hat diesen Satz keineswegs im Sinne einer persönlichen Programmatik verstanden. Dennoch ist das Bild des „Berufsrevolutionärs“ in seinem Leben zu erkennen, was mir immer imponiert hat: da ist einer, der unablässig kämpft für eine andere als die liberalkapitalistische Freiheit und juristisch halbierte Gerechtigkeit, die wir haben, der aktiv wird und eingreift, wann immer eine politische Linie, Idee oder Organisation ihm sinnvoll genug erscheint, um sich mit aller Kraft für sie einzusetzen. Für ihn war der Sinn dieses Kampfes, auch darin blieb er sich mit seinem lebenslang wichtigsten Mitkämpfer Hans-Jürgen Krahl einig, die, wie dieser gern zitierte, „sich tätig begreifende Menschlichkeit“.

Bernd Leineweber, geb. 1943, studierte Soziologie und Philosophie, lebt in Berlin.

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erstellt am 13.4.2016

Udo Riechmann, diskutierend in der Frankfurter DENKBAR, 2003
Fotos: Norbert Saßmannshausen

Udo Riechmann im Club Voltaire, 2003

Traueranzeige für Udo Riechmann