Josef Anton Riedl war der bekannteste deutsche Klangaktionist der Nachkriegsära. Der Sohn einer jüdischen Mutter wurde von Carl Orff ermuntert, sich kompositorisch mit dem Schlagzeug zu befassen. Aber Riedl befasste sich mit fast allem, was nicht etabliert war, mit Lautpoesie, mit visualisierter Musik, mit dem experimentellen Film. Er schrieb Stücke für Papier, Karton, Glas oder andere handelsübliche Materialien. Er baute das Siemens-Studio für Elektronische Musik München mit auf – die Arbeit in diesem Studio, das ihn mit der Produktion von Filmmusik beauftragt hatte, hat Edgar Reitz in seinem Opus „Heimat“ neu erzählt -, und leitete es bis zur Auflösung 1966. Er gründete die Gruppe „Musik/Film/Dia/Licht-Galerie“, mit der er Klang/Licht/Duft-Spiele aufführte. Er konzipierte für das Kunstprogramm der XX. Olympiade in München 1972 eine gigantische Multimedia-Komposition, leitete in Bonn das ‚Kultur Forum’, die ‚Tage Neuer Musik’ und war für das Programm der Münchener ‚musica viva’ verantwortlich. Am Karfreitag 2016 ist er in Murnau gestorben. Der Komponist und Schauspieler Michael Hirsch erinnert an den ungewöhnlichen Künstler.

Zum Tod von Josef Anton Riedl

Sonderfall im Arsenal der Klänge

Von Michael Hirsch

Über das Geburtsjahr Josef Anton Riedls herrschte lange Zeit Verwirrung. In Lexika und Lebensläufen wurde meist 1929 angegeben, wahrscheinlicher aber ist das Geburtsdatum, das nun auch auf den Todesanzeigen steht: 11.Juni 1927. So starb „Joe“ also 88-jährig am Karfreitag 2016 in seiner Geburtsstadt Murnau.

Als Komponist war Josef Anton Riedl durch und durch Autodidakt. Obwohl er als Kind und Jugendlicher Klavier spielte und auf der Orgel improvisierte, sowie später Schlagzeug studierte, beschrieb er 1984 in einem Gespräch mit Reinhard Oehlschlägel als prägende musikalische Früherfahrung, wie er schon als Kind „das rhythmisch-dynamische Nacheinander von verschiedenen Geräuschen“ beobachtete, „die Windströmungen durch Bewegen von losen Teilen am alleinstehenden Haus verursachten“, sowie „das rhythmisch-dynamische Knistern und Knacken, das durch Dehnen und Zusammenziehen von Holz, Metall, Temperaturunterschiede etc.“ erzeugt wurde. Das dazu passende professionelle Schlüsselerlebnis war dann 1951 die Begegnung mit der Musik Pierre Schaeffers in Aix-en-Provence. Spätestens von hier an entwickelte Riedl vollkommen unabhängig vom Avantgarde-mainstream Darmstädter oder Kölner Provenienz und auch von den französischen Nachfolgern Schaeffers geradezu eigenbrötlerisch eine unverwechselbare Klangsprache, in der sich die Erfahrung der musique concrète nicht nur in Tonbandstücken realisierte, sondern auch auf seinen Umgang mit instrumentalen und vokalen Klängen abfärbte.

Schon früh begann Riedl mit dem Tonband zu experimentieren. In gewisser Weise könnte man den Tonbandschnitt als ein Modell für sein Komponieren insgesamt bezeichnen. So verwendete er als Vokalmusik fast ausschließlich abstrakte, gesprochene Sprachklänge („Lautgedichte“), für die er die Techniken des Zerschneidens und neu Zusammenklebens von Worten, Silben und Lauten vom Tonbandschnitt übernahm. In der Tat sind auch Riedls Sprachmusiken eine Art vokaler „musique concrète“. Die Laute der gesprochene Sprache repräsentierten für ihn als stimmliches Alltags-Material nur einen speziellen Ausschnitt aus dem Reservoir konkreter Klänge, wie auch z.B. die diversen Papiersorten in seiner „Paper-Music“ oder die mikrophonierte Schultafel in „Zeichnen-Klatschen/Zeichnen-Zeichnen“. Und letztlich behandelte Riedl sogar das traditionelle Instrumentarium nur wie einen Sonderfall im Arsenal der Klänge. Wenn er etwa in seinen späten Kammermusiken gelegentlich wieder auf das Klavier zurückgriff, so war auch dort jegliche Erinnerung an den klassisch-romantischen Ballast dieses Instruments durch die Unerbittlichkeit der kompositorischen Faktur ausgetrieben, obwohl er auf jegliche erweiterte Spieltechniken (etwa im Inneren des Flügels) verzichtete.

Ohne Zweifel war Josef Anton Riedl einer der bedeutendsten Pioniere sowohl der elektroakustischen Musik als auch der interdisziplinären Medienkunst. In den 50er Jahren experimentierte er bereits in Hermann Scherchens Gravesaner Studio mit einer Lochkarten-steuerung als Vorform der Computermusik. 1959 gründete er – interessanterweise mit tatkräftiger Unterstützung durch Carl Orff – das legendäre Siemens-Studio für elektronische Musik, das heute im „Deutschen Museum“ in München ausgestellt ist. Dort realisierte er nicht nur eigene Stücke, sondern bot auch Kollegen wie Mauricio Kagel, Henri Pousseur, Dieter Schnebel und Herbert Brün Produktionsmöglichkeiten. Parallel dazu begann die multimediale Zusammenarbeit mit Filmemachern wie Edgar Reitz, die keineswegs traditionelle Filmmusik sondern autonome audiovisuelle Kunstwerke hervorbrachte. So etwa das großangelegte Film-Environment-Projekt „VariaVision – Unendliche Fahrt“ aus dem Jahr 1965. Die Komposition „Geschwindigkeit“ (1963) von Reitz und Riedl ist glücklicherweise noch so gut dokumentiert, dass sie auch heute gelegentlich aufgeführt werden kann. In der Folgezeit entwickelte Riedl immer umfassendere Multimedia-Projekte, er bespielte Foyers, Innenhöfe und ganze Parkanlagen.

In seinen späteren Jahren wandte sich Riedls kompositorische Arbeit wieder knapperen kammermusikalischen Formen von äußerst konziser Elaboriertheit zu.

Grundsätzlich entzieht sich sein Œuvre jeglicher Einordnung in klassische Genres. Da hilft es eher, wenn man statt von Genres und Gattungen von Materialbereichen spricht, in denen sich Riedls Arbeit bewegt, die sich allerdings auf vielfache Weise gegenseitig durchdringen können. Zu diesen Materialbereichen gehören insbesondere musique concrète, elektronische Musik, Sprachlaute, Materialklänge (Papier, Metall, Glas, Wasser), Schlagzeug, eine verhältnismäßig geringe Auswahl traditioneller Instrumente, sowie visuelle Medien (Film, Dia, Video). Eine gesprochene Silbe hat für ihn die gleiche Wertigkeit und das gleiche Ausdruckspotential wie ein Klavierakkord, das Zusammenschlagen von Pappröhren, ein Trommelschlag oder ein konkretes Geräusch vom Tonband, und so können alle diese Elemente jederzeit miteinander interagieren. Sie sprechen gewissermaßen die gleiche Sprache. Diese Sprache ist gekennzeichnet von jenem unverwechselbaren Riedlschen Gestus, einer fast zwanghaften Unerbittlichkeit, einer zerfahrenen Nervosität, einer anarchischen Virtuosität, sowie einer merkwürdig abstrakten Expressivität, die gelegentlich auch durch die bewusste Überforderung der Interpreten, etwa durch unspielbare Notationen gefördert wurde.

Eine Würdigung Riedls darf nun freilich seine überragende Bedeutung als Konzertveranstalter nicht auslassen. Schon in den 1950er Jahren begann er im Rahmen der Jeunesses Musicales Konzerte und Workshops zu organisieren. Vor allem aber seine ein halbes Jahrhundert lang ununterbrochen existierende Reihe „Neue Musik München“ (in den letzten Jahrzehnten und dem Label „Klangaktionen“) war beispiellos in der Fülle des dort aufgeführten Spektrums zeitgenössischen Komponierens und von allergrößter Bedeutung für so manche Komponisten-Karriere. Dazu kamen Reihen für außereuropäische Musik und Jazz, sowie die jahrelange Programmgestaltung für das Kulturforum in Bonn und seine Tätigkeit als Programmgestalter bei der „Musica Viva“ des Bayrischen Rundfunks. Oft waren Riedls Konzertprogramme in Fortsetzung seiner multimedialen Arbeiten eigene Meta-Kompositionen, gewissermaßen Kompositionen von Kompositionen.

Josef Anton Riedl hat nie unterrichtet, er hat auch im weiteren Sinne keine „Schule“ begründet. Und dennoch hat er als Komponist, Klangkünstler, Lautpoet, Hörspielmacher, Organisator und als Freund eine Vielzahl von Menschen nachhaltig geprägt. Wir werden ihn vermissen.

Michael Hirsch, geboren 1958, ist Komponist und Schauspieler. Hirsch war sehr oft an Aufführungen Riedlscher Werke beteiligt. Er lebt in Berlin.

Kommentare


Walter Zimmermann - ( 14-04-2016 10:26:44 )
Auch er hat mich sehr gefördert und ich war ihn immer dankbar,dass er mich immer wieder aufführte. Ich habe ihn in Nürnberg ganz jung noch zum ersten mal inmitten seiner Projektionen und parallel laufenden Musiken erlebt, darunter auch N.A. Huber der eine Quint auf der Hammond Orgel unerbittlich festhielt, war wohl das Stück von La Monte Young. Und dann kaum 20jährig erlebte ich eine Aufführung in der Münchener Musikhochschule mit den zerplatzenden Luftballons und Buh Getöse aus den Logen. Schließlich seine Scharfzüngigkeit gegen die etablierte Neue Musik sogar Lachenmann rutschte gegenüber N.A.Huber in die zweite Reihe. Ja er war unverwechselbar ein Originalgenie!

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erstellt am 11.4.2016

Josef Anton Riedl
Josef Anton Riedl

Josef Anton Riedl: Paper Music (1968/1970), aufgeführt von Mike Lewis und Michael W. Ranta.

Josef Anton Riedl im Gespräch (2013)