Samuel Beckett, der als Engländer geboren wurde, bevor er Ire wurde, gehört zur illustren Reihe stilbildender Iren. Eigensinnig, wie sie alle, schrieb er sich in eine formale Strenge hinein, die existentialistisch und absurd zugleich wirkt. 1969 erschien er nicht zur Entgegennahme des Nobelpreises. 20 Jahre später starb er. Ria Endres erinnert an ihn, der nun 110 Jahre alt sein müsste.

Samuel Beckett

Geburt(s-tag) mit Fragezeichen

Der scheue irische Autor Samuel Beckett achtete seit seinem Weltruhm besonders darauf, dass so wenig wie möglich biographische Daten an die Öffentlichkeit gelangten. Aber ein Geburtstag hat als Datum ja erst einmal nichts Geheimnisvolles. Trotzdem ist das wahre Datum von Becketts Geburt umstritten. Sogar sein Biograph James Knowlson konnte nicht klären, ob Samuel Barclay Beckett wirklich am 13. April 1906 geboren wurde oder nicht. Seine Geburt wurde nämlich am 16. April in der „Irish Times“ vermerkt und seine Geburtsurkunde gibt den 13. Mai an. Der Autor konnte oder wollte nichts zur Aufklärung beitragen, doch er kommentierte diese merkwürdige Ungeklärtheit: „Wieder so eine Peinlichkeit in der Legende meines Lebens“. Er sah den 13. April, einen Karfreitag, als Eckpfeiler für eine Legendenbildung und freute sich wohl insgeheim über die Verwirrung der Forscher.

Samuel Beckett wurde in Foxrock, einem vornehmen Vorort von Dublin geboren. Sein Geburtshaus trug den Namen Cooldrinagh, was auf Gälisch soviel heißt wie: Rückseite der Schwarzdornhecke. Sein Vater, William Beckett, ein wohlhabender Baukalkulator hatte es im Tudorstil erbauen lassen. Die Villa liegt inmitten eines herrlichen Gartens mit großem Baumbestand, darunter eine Gruppe von Lärchenbäumen. Ein Verbenenflor rankt sich um die Pfeiler des Vestibüls. Die Diele und der Treppenaufgang sind von einer Mahagonitäfelung eingerahmt. Vom Obergeschoß aus sind die Dubliner Berge zu sehen. Beckett wurde in einem Haus höchster Geborgenheit und angenehmster Sinneseindrücke geboren. Die Zeit scheint sich mehr dem 19. als dem 20. Jahrhundert zuzuneigen und die Räume seiner Kindheit sind schön und weit weg vom Weltgeschehen. Trotz aller Erinnerungslücken, mit denen Beckett so gerne in seinen Texten spielt, erinnert sich der Autor noch 1981 in seinem Roman „Gesellschaft“ sehr genau an Cooldrinagh:

Du sahst das Licht der Welt in einem Zimmer, in dem du vermutlich gezeugt wurdest. Das große Erkerfenster ging nach Westen und zum Gebirge. Vor allem nach Westen. Denn als Erkerfenster ging es auch ein wenig nach Norden und nach Süden. Es konnte nicht anders. Ein wenig nach Süden zum Gebirge und ein wenig nach Norden, zum Vorgebirge und zur Ebene.

Cooldrinagh, ein Kindheitsparadies? Er sprach in einem Interview davon, eine sehr glückliche Kindheit gehabt zu haben. Doch zugleich lesen wir in seiner Prosa „Aus einem aufgegebenen Werk“:

Nein, ich bedaure nichts, ich bedaure nur, geboren zu sein, Sterben ist eine so lange, mühsame Sache.

Wir wissen aus seinem Roman „Der Namenlose“ und dem Prosatext „Wie es ist“, dass der Autor sogar Erinnerungen an seine vorgeburtliche Existenz hatte, die für ihn klaustrophobische Zustände suggerierte, aber auch ein merkwürdiges Gefühl von Vor-Leben, das er nach seiner Geburt mitschleppte. Noch 1970 sagte er in einem Interview:

Ich habe eine klare Erinnerung an meine Existenz als Fötus. Es war ein Dasein, wo keine Stimme, keinerlei Bewegung mich aus der Agonie und der Dunkelheit, der ich ausgeliefert war, befreien konnte.

Die behütete Kindheitswelt ist also nicht die Quelle des Glücks für den Schriftsteller. Beckett sieht seiner Mutter May sehr ähnlich. Ihre fanatische Liebe verfolgte ihn noch als Erwachsener. Mit ihr ist er nicht fertig geworden. Es entsteht eine Art Hassliebe, die später die Batterien für sein Schreiben speist.

Als junger Mann macht er eine Psychoanalyse bei Dr. Bion, der ihn einmal zu einer Vorlesung von C. G. Jung mitnimmt. Ein einschneidendes Erlebnis, denn nun kann er mit seinem pränatalen Gedächtnis und seiner Geburt anders umgehen. Die Vorstellung, nie ganz geboren worden zu sein, also immer noch in fötaler Abhängigkeit zu verharren, lähmen ihn zwar, aber seine Traumgebrechen werden zugleich Futter für seine Dichtung. Das letztlich Unbegriffene seiner Geburt und seiner Psyche werden sein Kapital.

Für einige Interpreten entstand Becketts Schreiben als ein Sprechen aus dem Mutterleib heraus. Zweifellos ist sein alter ego, die berühmte Belacquafigur aus Dantes „Göttlicher Komödie“ aus der Faszination an dessen fötalem Zustand entstanden. Belacqua nämlich musste am Rand des Purgatoriums, gleichsam in embryonaler Stellung, die Arme um die Knie geschlungen, dasitzen. Und dieser Belacqua wandert nun durch Becketts poetische Räume, beobachtet immer wieder Geburt und Sterblichkeit und wird die Hauptfigur in seinen Texten.

Unbeirrt, außer durch sich selbst, hat uns Beckett seine Sprachwelt hinterlassen, die direkt ins 21. Jahrhundert hineinführt. Man sollte aber nicht vergessen, dass die Welt seiner Dichtung auch eine soziale Welt ist. Viele Figuren sind von nebenan, uns ähnlich, und das ist schwer zu ertragen. Unruhig haben sie ihre Wege zurückgelegt, beschädigt und scheinbar mit Nebensächlichkeiten beschäftigt, einsam und gebildet. Sie sitzen in der Mülltonne, waren Landstreicher, Irrenhäusler, scheiterten in Liebesdingen und im Beruf, verloren ihre Wohnungen, krochen als Nachkriegsreisende über den Erdball, versanken im mütterlichen Kosmos, wollten keine Väter werden, zählten Schritte und Kieselsteine, warteten, nicht nur auf Godot, lauschten auf Stimmen und Musik und hatten eine zähe Lebendigkeit in ihrer Paranoia und in ihrem Zeittakt. Provokativ unsentimental widmete sich Beckett in seinem Werk der Möglichkeit zu scheitern. Aber seine Stimmen sind bis heute nicht verstummt, und es ist erstaunlich, welche Aufregung das stille Werk dieses stillen Autors hervorrufen kann, sobald man Beckett-Country betreten hat.

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erstellt am 08.4.2016

Samuel Beckett, 1977, Foto: Roger Pic
Samuel Beckett, 1977, Foto: Roger Pic
Ria Endres über Samuel Beckett:

Ria Endres
Samuel Beckett und seine Landschaften
Essays. Mit einem Nachwort von Elfriede Jelinek und Zeichnungen von Ingrid Hartlieb
Broschiert, 80 Seiten
ISBN 978-3-89086-609-3
Rimbaud Verlag, Aachen 2006

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Ria Endres
Am Anfang war die Stimme
Zu Samuel Becketts Werk
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991

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