Romanauszug aus

Shanghai Performance

Von Silke Scheuermann

Wäre es etwas Atmosphärisches gewesen, dem ich die Wirkung der Bilder hätte zuschreiben können, vielleicht dem Übergang vom Tag zur Nacht, dem Halbdunkel oder der Stimmung zwischen Andrew und mir – aber die Stimmung war ungezwungen gewesen, bis eben –, es wäre mir leichter gefallen, das sonderbare Gefühl zu erklären, das die Fotos bei mir auslösten. Aber das Licht war hell, ruhige Luft, in der sich nichts bewegte, nicht einmal die Netzvorhänge in diesem geräumigen, eher steril anmutenden Raum – und dennoch war der Effekt unmittelbar und für einen winzigen, irrwitzigen Augenblick schockierend.

Es waren sehr große Fotos, zwei, drei Meter breit und fast ebenso lang, auf Karton aufgezogen, die einen Männerkörper zeigten, der sich im Freien, in einer Flusslandschaft, Operationen unterzog. Ich wurde intimer Zeuge von absurden Selbstversuchen am Körper. Andrew ließ millimeterweise einen Finger über die Oberfläche des Bildes gleiten, er deutete auf eine Blutlache: »Yang Zhichaos erste Soloausstellung, Fotos der Planting Grass Performance von 2000.« Ich blätterte die Abzüge durch, die an der Wand lehnten. Verbrannte Haut. Etwas Wiese auf dem Rücken. Ein Röntgenbild von zwei Oberschenkelknochen, zwischen denen ein länglicher Fleck schimmerte. Dann Großaufnahmen: ein Bauch, Bauchnabel, Haut, einige Haare. Earth – er hatte sich etwas Erde vom Flussufer in die Bauchdecke transplantieren lassen. Im Juli hatte ihm in Peking ein Arzt ein »Objekt« in den rechten Oberschenkel operiert. »Die Beschaffenheit des Objekts wird Yang und anderen nicht enthüllt«, stand darunter. Was der Arzt wohl ausgesucht hatte?

Ich zwang mich, den Blick von den Fotos zu nehmen: Um uns herum standen Requisiten, die ich gerade eben auf den Fotos gesehen hatte, zwei Operationstische, ein Beistelltisch mit Besteck, einige Pappschachteln mit Aufschriften, sterile Handschuhe, Spritzen, ich blickte vom Foto ins Zimmer und zurück. Es war wie ein Übergang, ein Bild hatte sich geöffnet und diese Sachen, die wir hier vorfanden, herausgelassen. Wir befanden uns an einem Portal zwischen zwei Welten, der realen und jener der Kunst. Ich war Andrew dankbar dafür, dass er nichts sagte. Ich sah alles noch einmal an.

Der Ort, an dem die Operationen stattfanden, war auf seine seltsame Art richtig. Die Art, wie er fotografi ert war, ebenfalls. Es griff alles ineinander.
»Es stimmt einfach«, sagte er nach einer Weile, leise und nachdenklich, aber direkt zu mir. »Die ganze Aussage, alles. Der Körper hat niemals weniger uns selbst gehört, als er es jetzt tut.«
»Genießt er das, ich meine – ?«
»Ja, er genießt es durchaus, Dinge in seinem Körper unterzubringen. Er macht es ohne Betäubung.«
»Ach, du bist der Arzt?« Ich begriff das wirklich erst jetzt.
Andrew bejahte. Stolz, wie mir schien.
»Es muss seltsam sein, etwas Unbekanntes in sich herumzuschleppen.«

Eine Flut an Assoziationen rauschte durch meinen Kopf. Was passierte da? Schmerz wurde als Mittel für politische und soziale Stellungnahme genutzt. Es war eine humanistische Botschaft, die sich nicht auf eine abstrakte Ebene übersetzen ließ, das machte es so zwingend. Wir standen noch eine Weile einfach da. Mir ging alles Mögliche durch den Kopf.
»Ich würde gerne wissen, was du ihm eingepflanzt hast. Könnest du mir nicht …?«
Nein, konnte er nicht. Stolzes Bedauern. Er schloss das Studio sorgfältig wieder ab, und wir gingen zurück zu den anderen, und diesmal waren wir in ein angeregtes Gespräch vertieft. Ich genoss das, durch unseren kleinen Ausflug hatten wir eine Gemeinsamkeit geschaffen. Mit Yang Zhichao, erzählte Andrew, habe er sich an der Universität von Tsinghua angefreundet, bevor der 1989 nach Frankreich ging. Dort wechselte er vom Studium der Elektrotechnik zu einem Kunststudium, »praktisch über Nacht«, sagte Andrew, »es war sehr merkwürdig, das mitzuerleben – als hätte er eine Erleuchtung oder so was.«
»Vor sieben Jahren kehrte Zhichao nach China zurück und brachte es durch ein paar glückliche Zufälle innerhalb dieser kurzen Zeit zu einem ziemlich bekannten Performancekünstler.«

Ich schwieg nachdenklich. Draußen begann es zu donnern, und es ging der lang ersehnte Regenguss herunter, sintflutartig strömte jetzt Wasser vom Himmel, ich sah es durchs Fenster, aber ich kommentierte es nicht. Auch Andrew schwieg, als wir zu der Miniparty zurückkehrten.
Ich fühlte mich auf einmal sehr leicht und sehr frei, und ich hatte das dringende Bedürfnis, mich bei Winona zu bedanken, die immer noch auf dem Sofa saß, sie hatte sich anscheinend keinen Millimeter bewegt.
Nur dass sie jetzt mit einer neu dazugestoßenen Person ins Gespräch vertieft war. Ich sah erst nur den Rücken, die Haarfarbe – ein leuchtendes Karottenrot – machte mich stutzig, dann drehte die Frau sich um.

»Anna«, sagte ich erstaunt. »Wie kommst du denn hierher?«
Sie flog mir lachend um den Hals, als hätten wir uns nicht wenige Wochen, sondern Jahre nicht gesehen.
»Ich habe das mit Chris gehört, es tut mir so leid«, flüsterte sie. »Später«, flüsterte ich zurück.
Linfei, der wieder auf der Lehne von Lians Sessel saß, reichte Tian ein Feuerzeug und bot Anna, als er ihren Blick auffing, ebenfalls eine Marlboro Ultralight an.
»Nein, danke. Luisa, ich habe dich x-mal auf dem Handy angerufen. War aus.«
»Dann hat sie mich erreicht«, sagte Lian zufrieden.
»Ich habe es gerade noch vor dem Wolkenbruch geschafft, ein Taxi zu bekommen.« Anna warf ihr Haar zurück: »Ich habe gehört, du hast eine Sonderführung bekommen.«
»Ja«, sagte ich, »und es hat sich gelohnt.«

Das Gefühl, frei und leicht zu sein, war verschwunden; ich fühlte mich plötzlich müde. Das Regenprasseln war so laut, dass es die Musik übertönte. Ich musste auf einmal an die unzähligen Diskussionen denken, die ich mit Anna über das Reisen geführt hatte, über unsere Art, nomadenhaft zu leben, das Erleben dabei sofort umzuwandeln in Produktivität.
»Eigentlich findest du es doch auch toll«, hatte sie behauptet, und ich wusste, dass da, eigentlich, etwas dran war. Man konnte sich überall neu ausprobieren. Fehler leicht vergessen. Man musste sich nicht festlegen. Ich war meistens nicht da gewesen, wenn lästige Familienfeiern anstanden, im Haus das Gas abgelesen wurde, die Feiertage sich endlos hinzogen. Aber während ich vor etwas davonlief, war die Bewegung bei ihr umgekehrt: Anna wollte irgendwo hin. Sie suchte; sie war sich sicher, dass es irgendwo im Koordinatensystem der Welt, nur für sie, einen Punkt der Vollkommenheit gab.

»Diese eine Gelegenheit, wo Zeit und Ort im Einklang sind. Ich spüre das – das ist so, als glaubst du an Gott, weißt du? Und je mehr ich herumreise, desto wahrscheinlicher wird es, dass ich diesen einen bestimmten Punkt finde.«
»Und was würde dann passieren, wenn du an diesem Punkt bist?«, hatte ich mich erkundigt.
»Meine Träume erfüllen sich. Ich mache das Foto meines Lebens. Treffe den einzigen Mann. Finde den Ort, wo ich vielleicht sogar bleiben will.«
»Alles auf einmal?«
Sie nickte optimistisch: »Aber sicher.«
Ich gab mich nicht zufrieden: »Aber dieser Ort, könnte der nicht zuhause sein?«
»Du willst nicht verstehen, hm? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass dies ausgerechnet zuhause sein soll?«

Ich hatte an diesem Punkt aufgegeben. Natürlich verstand ich sie, und doch war ich anders, ich versuchte durchaus, meinen Tagesrhythmus dem fremden Ort überzustülpen. Gewohnheiten waren zwar Diener der Stumpfheit, aber ebenso Garanten der Sicherheit, und sie waren mir wichtig, ich war bestrebt, ein halbwegs kontinuierliches Leben mit Vorlieben und Abneigungen zu führen, überall, in jedem Land. Von jedem Land aus hatte ich nahezu täglich mit Christopher telefoniert.

»Das Fremde ist das Zukünftige«, hatte Anna gesagt, »das Unbekannte, das, was uns in der Zukunft erwartet.«
»Was ist dann das Jetzt?«
»Es ist schon vergangen … es sind unsere Erinnerungen … Gewohnheiten … nichts Eigenes, das glauben wir nur …«
Demnach, dachte ich, müde, in irgendeinem Shanghaier Atelier in irgendeinem dunklen Hinterhof, mit Leuten zusammen, die ich gerade erst kennen gelernt hatte, demnach sind wir als Reisende eher Wanderer durch die Zeit als Wanderer durch den Raum …

erstellt am 23.3.2011

Silke Scheuermann
Shanghai Performance
Roman
312 Seiten. Gebunden.
Schöffling & Co., Frankfurt 2011
Buch bestellen