Jiří Starek, vor 1968 Kulturattaché an der Botschaft der CSSR in Wien, war Informant für den tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienst. Später versorgte er den Bundesnachrichtendienst mit Informationen. Thomas Rothschild hat im Archiv der Hoover Institution Stareks Aufzeichnungen studiert und ist dabei auf einige überraschende Daten gestoßen.

Geheimdienste

Spitzel gibt es überall

Die DDR war ein Stasi-Staat. Das weiß mittlerweile jedes Kind. Als nach der Wende offenbart wurde, wie systematisch die Bürger der DDR und der anderen „sozialistischen“ Staaten abgehört, beobachtet und denunziert worden waren, war das Entsetzen groß. Zumal wenn herauskam, wer alles für die Staatspolizei gearbeitet oder ihr Informationen geliefert hatte: gute Freunde, denen man stets vertraut hatte, ja sogar enge Verwandte.

Worüber man freilich schwieg, waren die entsprechenden Praktiken im demokratischen Westen. Dabei müsste man sich immerhin fragen, wofür diese ihre Geheimdienste haben und wovor sie den Staat schützen, wenn die Verschwörungstheorien, wie gelegentlich behauptet wird, bloß irrwitzige Hirngespinste sind. Zumindest die Verfassungsschützer scheinen an sie zu glauben. Sie gewährleisten ihre Existenzgrundlage und ihr Einkommen.

Spitzel gab und gibt es im Westen ebenso, wie es sie im russischen Machtbereich gab und weiterhin gibt. Und manchmal sind es ein und dieselben Personen, die bei den so genannten kommunistischen Staaten und bei deren Gegnern im Sold standen.

Zum Beispiel Jiří Starek. Vor 1968 war er Kulturattaché an der Botschaft der CSSR in Wien und hat den tschechoslowakischen Staatssicherheitsdienst StB planmäßig mit Informationen versorgt. Als die Truppen des Warschauer Pakts in Prag einmarschiert waren, übersiedelte Starek nach einem kurzen Intermezzo beim ORF nach Turin und in den Dienst von Fiat-Chef Agnelli. Zugleich wechselte er den Auftraggeber für seinen Nebenberuf. Statt für die tschechoslowakische Staatssicherheit häufte er jetzt für den deutschen Bundesnachrichtendienst Informationen an. Der wiederum hatte von den Amerikanern gelernt, die nach 1945 ohne lange zu zögern schwer belastete Nazis eingestellt haben, als Spitzel genau so wie als Raketenbauer oder Militärberater. Schließlich hatte man einen gemeinsamen Feind: die Bolschewiken.

1972 zog Jiří Starek mit seiner Familie zurück nach Wien, wo er seine Arbeit für den Bundesnachrichtendienst fortsetzte. 22 Jahre später ist er im Alter von 72 Jahren gestorben.

Ein fleißiger Informant

Im Archiv der Hoover Institution an der Stanford University, deren Hauptaufgabe es ist, Dokumente zu allen Spielarten des „Kommunismus“ zu sammeln, lagern 68 Boxen mit Materialien aus Stareks Nachlass. Jede Box enthält im Schnitt 700 bis 750 Blatt Papier in geschätzten 20000 mit Büroklammern zusammengehefteten Akten, die in unsortierten Mappen abgelegt sind.

Jiří Starek war ein bewundernswert fleißiger Informant. Es verging kaum ein Tag, an dem er nicht wenigstens eine Seite, oft in tschechischer Sprache und mit einer deutschen Übersetzung, mit Notizen vollgeschrieben hätte. Er hat Postkarten und sogar Briefkuverts und Einschreibequittungen gesammelt und aufbewahrt. Die Personen, die er bespitzelt hat oder die ihm ihrerseits Informationen zugespielt haben, sind teils mit vollem Namen, teils mit Initialen, teils unter einer Chiffre in Form einer einer zwei- oder dreistelligen Zahl aufgeführt. Starek berichtete seinen Auftraggebern von wirtschaftlichen Entwicklungen in der Tschechoslowakei, aber auch in Österreich, Italien und anderswo, gab Einschätzungen zur politischen Lage ab, beobachtete Kommunisten, aber fast mehr noch solche Ex-Kommunisten, die sich nach den Ereignissen von 1968 von der Partei abgewandt hatten oder aus ihr ausgetreten waren, insbesondere tschechische und slowakische Exilanten, aber auch Sozialdemokraten bis hin zu Bruno Kreisky. Dass Sigrid Löffler „L'Aveu“ von Artur London zu besprechen beabsichtigte, ist ihm einen längeren Report wert. Er verfasste massenhaft Charakterisierungen von einzelnen Personen. Sogar über seine Tochter Jana Starek gab er solch eine Beurteilung ab, freilich in erster Linie, um sie gegen eine berechtigte oder unberechtigte Verdächtigung durch die tschechische Desinformation zu verteidigen.

Vieles, was Starek meldet, ist allgemein bekannt oder stand sogar in den Medien. Manches ist persönlich gefärbt und beruht auf Bekanntschaften, die Starek gesucht oder die ihm der Zufall beschert hat. Ob man seinen Mitteilungen vertrauen darf, bleibt ungewiss. So behauptet er, dass das „Wiener Tagebuch“, das Sprachrohr der kritischen (Ex-)Kommunisten, nicht einen einzigen jüngeren Mitarbeiter anziehen konnte, obwohl Martin Pollack, damals gerade 30 Jahre alt, zu dem Zeitpunkt bereits seit zwei Jahren geschäftsführender Redakteur war. Die Kinder der Ex-Funktionäre der KPÖ hätten an der Position ihrer Eltern kein Interesse gehabt und sich entweder radikalisiert oder von der Politik abgewandt. Der damalige Chefredakteur des „Wiener Tagebuch“ Franz Marek hatte keine Kinder, die Tochter des für das Blatt maßgeblichen Denkers Ernst Fischer Marina Fischer-Kowalski ist eine erfolgreiche, aber weder radikale, noch politisch desinteressierte Soziologin, eine der beiden Töchter des späteren Chefredakteurs Leopold Spira ist die ebenfalls keineswegs radikale, aber politisch artikulierte prominente Fernsehjournalistin Elizabeth T. Spira. Sehr gut scheint Starek also nicht unterrichtet gewesen zu sein.

Auch ich komme in Stareks Aufzeichnungen vor, mit unzutreffenden Behauptungen, die Carola Stern in ihren Memoiren wiederholt hat. Was mich, in Kenntnis von Akten sowohl der österreichischen Staatspolizei wie auch der DDR-Stasi, in die ich Einblick nehmen konnte, nicht weiter wundert. Die armen Informanten mussten ja etwas liefern, da reichen weder Zeit noch Intelligenz für eine akribische Recherche. Jiří Starek freilich hätte es besser wissen können. Er kannte mich seit 1967. Ich war damals 24 Jahre alt, und Starek vermittelte mir ein Treffen mit Milan Kundera, der gerade seinen ersten Roman „Der Scherz“ veröffentlicht hatte. Ob auch die Geheimpolizei über meinen Besuch in Brünn informiert war? Wahrscheinlich. Ich habe den StB überlebt. Den Bundesnachrichtendienst allerdings nicht. Der behauptet, er habe keine Daten zu meiner Person gespeichert. In Jiří Stareks Nachlass in Stanford habe ich sie gefunden. Irgendwie ist die deutsche Ordnung auch nicht mehr, was sie einmal war.

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erstellt am 07.4.2016

Hoover Tower an der Stanford University, Foto: Jawed Karim / Wikimedia Commons
Hoover Tower an der Stanford University, Foto: Jawed Karim / Wikimedia Commons

Hoover Institution

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Haupteingang zum Gelände des Bundesnachrichtendienstes in Pullach, Foto: Bjs / Wikimedia Commons
Haupteingang zum Gelände des Bundesnachrichtendienstes in Pullach, Foto: Bjs / Wikimedia Commons
Bruno Kreisky
Bruno Kreisky in München, 1982, Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-F062775-0031 / Hoffmann, Harald / CC-BY-SA 3.0