Hausbesetzungen, tagelange, blutige Straßenschlachten, Proteste gegen Pinochet, Flugblätter, Demonstrationen gegen Mietwucher und Fahrpreiserhöhungen; Wasserwerfer. Der Musiker, Komponist, Hörspielautor, Regisseur und Professor für Angewandte Theaterwissenschaft, Heiner Goebbels, erinnert sich im Vorwort zum Buch „Das TAT. Das legendäre Frankfurter Theaterlabor“, wie er damals aus dem Aufruhr in ein unvergessliches Bühnenerlebnis geriet.

Theatergeschichte

»Luzi, isch liebe disch unwahrscheinlisch!«

Es muss im Mai 1974 gewesen sein. Frankfurt war Austragungsort heftiger politischer Konflikte. Der besetzte Häuserblock „Schumannstraße – Bockenheimer – nimmt uns keiner!“ war gerade geräumt worden, gefolgt von einer der größten Straßenschlachten dieser Jahre. Proteste und Solidaritätsaktionen nach dem Putsch von Pinochet begleiteten die große Chilekonferenz in Offenbach, und selbst Demonstrationen gegen Mietwucher und Fahrpreiserhöhungen wurden in diesen Jahren mit Festnahmen und Wasserwerfern beantwortet – was mir, als Jungspund der Frankfurter Sponti-Szene, schon wegen eines Flugblatts eine denkwürdige Nacht im berüchtigten Polizeigefängnis Klapperfeldstraße beschert hat.

Es muss in diesem Mai gewesen sein, als ich eines Abends zum ersten Mal das TAT am Eschenheimer Turm betrat und nicht mehr wusste, wie mir wurde: auf der Bühne zwei füllige Sängerinnen in Wurstpellen – die New Yorkerin Tally Brown aus dem Umkreis von Andy Warhols Factory, Evelyn Künneke aus Berlin mit ihrem legendären Allerdings, sprach die Sphinx, rück’ das Dings mehr nach links, und dann gings –, Rosa von Praunheim als Moderator im Glitzeranzug und Dietmar Kracht, sein Laiendarsteller aus dem Film „Die Bettwurst“. In einem Dialekt, den später Boris Becker zu Weltruhm gebracht hat, rief er immer wieder mit Inbrunst: „Luzi, isch liebe disch! Isch liebe disch unwahrscheinlisch!“

Wenn ‚künstlerische Erfahrung‘ die Begegnung mit dem ist, das zu beschreiben uns die Worte fehlen, dann war es das für mich: Kunst!

Kein Theater, kein Konzert, keine gestylte Revue, kein totalitäres Musical, sondern eine riskante, radikale, unterhaltsame und zerbrechliche Arbeit mit ‚genialen Dilettanten‘ – ante litteram. Total schräg, und im Gegensatz zu allem auf Virtuosität und Routine gegründeten Bühnenhandwerk war es auf verblüffende Weise berührend und nicht einzuordnen. Aus heutiger Sicht vielleicht eine Vorwegnahme dessen, was zehn, zwanzig, dreißig, vierzig Jahre später Die Tödliche Doris, Christoph Schlingensief, Rimini Protokoll, Helge Schneider oder Schorsch Kamerun einmal machen sollten.

Natürlich blieb das damals unverstanden – wie immer, wenn es um die Ausweitung des Theaterbegriffs geht. „Luzi war für mich Theater“, sagte Rosa von Praunheim über seine Tante, und er erinnerte sich, wie Peter Iden die Show angesichts der politischen Demonstrationen in der Stadt „unverschämt“ fand. Schamlos und queer war die Show, aber unverschämt war sie nicht, sondern in ihrer oppositionellen Ästhetik subversiv und hochpolitisch.

Ich wusste damals auch nicht weiter. Aber es ging mich an – und ich ahnte: Das war eine singuläre Erfahrung, deren Wirkung stärker war als alles, was ich bis dahin auf der Bühne gesehen hatte. Ich habe seitdem viel Theater vergessen, aber das nicht.

Und so sollte es mir in den nächsten 25 Jahren im TAT immer wieder gehen: mit einem Theater konfrontiert zu werden, das seine Mittel nicht darauf reduziert, „Mitteilungen über die Realität zu machen“ (Heiner Müller), sondern sich dem Anspruch verschreibt, selbst eine eigene Realität zu sein – und im besten Falle Kunst.

Von da an wurde die Bühne des TAT für meine Biographie ein entscheidender Ort: noch in der 70er-Jahren für erste Auftritte mit dem Sogenannten Linksradikalen Blasorchester und für erste Bühnenmusiken zu Stücken von Brecht; und in den 90er-Jahren neben Gastspielen und Koproduktionen, die ich dort zeigen konnte, auch wichtiger Produktionsort für eigene Musiktheaterstücke bis hin zu „Schwarz auf Weiß“ mit dem Ensemble Modern (1996), für das wunderbare Bockenheimer Depot, das mittlerweile zum Domizil des TAT geworden war.

Währenddessen konnte ich hier wichtige Seherfahrungen machen: mit Arbeiten der Wooster Group, von Robert Wilson, Jan Fabre, Saburo Teshigawara, deren Bedeutung von den Chefkritikern der beiden großen Frankfurter Tageszeitungen weiter konsequent verpasst wurde: komplett ignoriert – oder verrissen und in den Lokalteil verbannt, auch wenn es Weltpremieren waren.

Was das TAT für die Entwicklung der Möglichkeitsräume des Theaters getan hat, ist nicht hoch genug einzuschätzen, das dokumentiert dieses Buch eindrücklich. Was der Klang dieser drei Buchstaben international ausstrahlte – von Adelaide bis New York –, konnte ich bei vielen Gastspielen mit meinen TAT-Produktionen erleben. Das ungläubige Staunen darüber, ‚wo so etwas entstehen konnte‘, war verbunden mit der Anerkennung für eine Stadt, die sich dermaßen ästhetisch wie strukturell für ein Theater der Zukunft profilierte. Nur die Frankfurter Lokalpolitik selbst konnte dieses Potenzial nicht ermessen, und zuletzt machte es ihr noch eine künstlerisch wie konzeptionell glücklose Periode leicht, die Ära TAT zu beenden und das Depot wieder den großen Institutionen Oper, Ballett und Schauspiel zuzuschlagen.

So wurde eine große Chance vertan, mit dem TAT ein erfolgreiches und tragfähiges Zukunftsmodell dafür, wie Theater einmal aussehen könnte, weiter zu entwickeln: mit großzügigem Budget, aber kleinem, flexiblem, hochmotiviertem und schlagkräftigem Team auf hohem Niveau an einer Kunstform zu arbeiten, von der wir jetzt noch nicht wissen können, wie sie einmal aussehen wird.

„Luzi, isch liebe disch unwahrscheinlisch! Isch brauche disch, Luzi – wie die Luft, wo ich atme.“

Vorwort aus: Karlheinz Braun, Ulrike Schiedermair und Sabine Bayerl (Hg.): »Das TAT. Das legendäre Frankfurter Theaterlabor«. Mit freundlicher Genehmigung © Henschel Verlag, 2016

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erstellt am 07.4.2016

Heiner Goebbels, 1995, Foto © Wonge Bergmann
Heiner Goebbels, 1995, Foto © Wonge Bergmann

Karlheinz Braun, Ulrike Schiedermair und Sabine Bayerl (Hg.)
Das TAT. Das legendäre Frankfurter Theaterlabor
Broschiert, 208 Seiten, 150 farbige und s/w Abbildungen
ISBN: 9783894877859
Henschel Verlag, Leipzig 2016

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Buchvorstellung
14. April 2016, 19:00 Uhr im Bockenheimer Depot, Carlo-Schmid-Platz 1, 60325 Frankfurt am Main

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Rainer Werner Fassbinder mit Ewald Sanden, Irm Hermann, Ingrid Laven und Y Sa Lo in den 70er Jahren © Barbara Klemm

Heiner Müller bei der Experimenta 6, 1990 © Tom Stromberg
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Narrative Landscape von Michael Simon, 1991, © Mara Eggert

Fotos aus dem vorgestellten Band
Mit freundlicher Genehmigung © Henschel Verlag, 2016