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Im Briefwechsel Joseph Roths mit Stefan Zweig, in dem intensiven dialogischen Austausch dieser beiden so unterschiedlichen Temperamente, wird deutlich, wie früh Roth das Aufkeimen des Nationalsozialismus und die drohende Katastrophe vorausgesehen hat. Marion Gees hat den Briefwechsel noch einmal studiert und weist auf aktuelle Bezüge hin.

Joseph Roth und sein Briefwechsel mit Stefan Zweig

Gespenster der Gegenwart

„Der Schnee verschüttet Grenzen und verwischt Verschiedenheiten. Er fällt in Paris, in Wien, in London und in New York. Er hat keinen Respekt vor papierenen Gesetzen. Er begräbt den Haß. Er ist wie eine liebe Hand Gottes, die weich und weiß und segnend über der Erde ruht.“ Der frühe Feuilleton-Beitrag „Verschneite Welt“ von Joseph Roth, erschienen im November 1919 in der Wiener Zeitung „Der Neue Tag“, erinnert in seiner poetischen Bildwelt an gewisse Schneeimpressionen Robert Walsers und wirkt im Kontext des Weltkriegsendes wie eine trügerische und zugleich hoffnungsvolle Idylle einer vom Schnee eingehüllten Welt, die zumindest für Momente Friedfertigkeit und Schönheit verspricht.

Der im ostgalizischen, vielsprachigen Brody aufgewachsene Kosmopolit imaginiert schon in diesem frühen Beitrag einen beinahe paradiesischen Zustand von Grenzenlosigkeit. Seine Skepsis gegenüber einer in Nationen und Staaten aufgeteilten Welt durchzieht in vielfältigen Formen sein Gesamtwerk. Bereits in den zwanziger Jahren befürchtete er, der an eine Fortexistenz des Vielvölkerstaates glaubte, angesichts der neuen instabilen Demokratien den unaufhaltbaren Zerfall Europas. Er selbst bezeichnete sich einmal als Patriot und Weltbürger zugleich. Roths frühe, hellsichtige Kritik an den politischen Zuständen ist, so Wilhelm von Sternburg in seiner Biographie, „nicht in gewichtigen analytischen Leitartikeln zu finden, sondern in seinen feuilletonistischen Glossen, Kritiken und Reisereportagen“. Roth selbst betonte einmal, seine journalistischen Beiträge seien Artikel über die „Gespenster der Gegenwart“.

1922 schreibt er mehrere Beiträge über den in Leipzig stattfindenden Rathenau-Prozess und über seine Wahrnehmungen der sich rechtfertigenden Täter: „Diese Menschen lieben das Nationale und meinen das Schießgewehr, sie arbeiten für die 'nationale Sache' und meinen die Vorbereitung zum Mord.“ 1929 heißt es in „Der Nachtredakteur Gustav K.“: „(…) so erinnerte er sich mit einem wehen Schrecken an die unbarmherzige Wirklichkeit einer in Nationen, Staaten, Länder, Städte aufgeteilten Welt und an die Tatsache, dass er selbst der Redakteur eines bestimmten national gestimmten Blatts war.“ Andere Passagen (etwa in einem Vorwort zu „Juden auf Wanderschaft“) wirken in ihrer scharfsinnigen Analyse überaus treffend und prägnant, fast aktuell: „Wenn eine Katastrophe hereinbricht, sind die Menschen nebenan hilfreich aus Erschütterung. (…) Aber chronische Katastrophen können die Nachbarn so wenig ertragen, dass ihnen allmählich Katastrophe und deren Opfer gleichgültig, wenn nicht unangenehm werden. So tief eingepflanzt ist in den Menschen der Sinn für Ordnung, Regel und Gesetz, dass sie der gesetzlosen Ausnahme, der Verwirrung, dem Wahn und dem Irrsinn nur eine knappe Zeitspanne zugestehen wollen. Wenn der Wahn aber lange dauert, erlahmen die hilfreichen Arme, erlischt das Feuer der Barmherzigkeit.“

Viele andere Zeugnisse aus der Exilliteratur könnten hier angeführt werden. Das Aufkommen des Nationalsozialismus in Deutschland erzeugte eine äußerst bedrohliche Atmosphäre, die Schriftsteller und Intellektuelle zu unterschiedlichen Reaktionen veranlasste. Im Briefwechsel Joseph Roths mit Stefan Zweig, der wohl als wichtigste Korrespondenz Roths eingestuft werden kann, in dem intensiven dialogischen Austausch dieser beiden so unterschiedlichen Temperamente, die sich als überzeugte Europäer voller Nuancen und Differenzen zum Zeitgeschehen äußern, wird deutlich, und das macht u.a. die Bedeutung und Besonderheit dieser Briefe aus, wie früh Roth das Aufkeimen des Nationalsozialismus und die drohende Katastrophe vorausgesehen hat. „Beide, Roth und Zweig, waren Vertreter und Verteidiger einer übernationalen, europäischen Kultur“, so Heinz Lunzer in seinem Nachwort, „beide geprägt von der nicht nationalistischen, toleranten, synthetisierenden Kultur des österreichischen Kaiserstaats, seiner Multiethnizität; nicht zuletzt von ihrem Judentum.“ Die von 1927 bis 1938 reichende Korrespondenz zeugt in besonderer Weise von den Zuspitzungen der Lage sowohl auf weltpolitischer als auch auf privater Ebene.

Existentielle Stütze

Im Laufe der Jahre – zu gewissen Zeiten folgen mehrere Briefe pro Woche – entwickelte sich eine fast innige Bruderliebe. Beide, vor allem aber Roth, bekunden immer wieder die Herzlichkeit ihrer Beziehung, ihre Vertrautheit und besondere Zuneigung. Vor allem für Roth bedeutete der Briefpartner eine im übertragenen und konkreten Sinne existentielle Stütze. „Ihre Freundschaft allein ist seit Monaten der einzige Trost, den ich erlebt habe.“ Oder an anderer Stelle: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass ich Briefe nicht weniger gewissenhaft schreibe als Bücher. Bestimmt aber nicht Briefe an Sie!“ Er ist der werbende und fordernde Part. Seine Briefe sind emotionaler, sinnlicher, abgründiger, gelegentlich exzessiv, unerbittlich, überaus scharf in Kritik, Argumentation und politischer Weitsicht, mit wilden Rundumschlägen gegenüber Kollegen und Verlegern, fortwährend Existenznöte ansprechend und seinen Briefpartner regelmäßig und dringlich um Geld bittend. Zweig hingegen ist um Ausgleich, Besonnenheit und Harmonie bemüht, äußert regelmäßig seine Sorgen wegen Roths ausschweifendem Lebensstil, seiner gefährdeten Gesundheit, ruft angesichts der zunehmenden Alkoholsucht inständig zur Mäßigung auf. Roth weiß um die ausgleichenden Seiten, die Feinfühligkeit, die besonnene, oftmals zu besonnene, Zurückhaltung des großbürgerlichen Freundes; er nennt ihn den „Weisen vom Kapuzinerberg“ und vertraut sich ihm mit all seinen Bedrückungen und Forderungen an. Sich selbst bezeichnet er als Klagemauer und Trümmerhaufen und betont die „Gnade des Glücks und der echten goldenen Weltfreudigkeit“ sowie eine „Goethesche Lebenskunst“ des verehrten Freundes, dem er bewundernd und zugleich leise vorwurfsvoll zu verstehen gibt, er könne seine Finsternisse nicht wirklich erfühlen, ja, er habe die Gabe, den Blick vor den Finsternissen abzuwenden. Was beide verbindet ist zudem das alte Österreich: „Sie sind ein konservativer ehrfürchtiger Mensch“, schreibt ihm Roth, „Alles, was Sie an literarischen und menschlichen Qualitäten haben, ist altes Österreich.“

Neben der gegenseitigen Wertschätzung, die sich im Austausch über das und ihr eigenes Judentum äußert, über ihr literarisches Schreiben, die Arbeit an neuen, nur skizzierten Projekten, die jeweils intensiv besprochen und offen kritisiert werden, ist auch ein fortwährendes „miteinander Ringen“ zu spüren, aber ein Ringen, das beide Persönlichkeiten vielleicht für gewisse Spiegelungen und Abgrenzungen der eigenen Wahrnehmung benötigten. Gershon Shaked spitzt die Gegenpoligkeit der beiden Charaktere in seiner Studie „Die Gnade der Vernunft und die des Unglücks“ zu: „In diesem Briefwechsel wird ein Kampf ausgefochten, der Kampf des ausgeglichenen, wohlmeinenden Wiener bürgerlichen Über-Ichs gegen die vulkanischen, chaotischen Ausbrüche eines dionysischen Freigeistes.“

Verzweiflung und Resignation

Die Aufenthaltsorte Roths wechseln häufig, Wien, Berlin, Paris, später auf der Suche nach neuen Verlagen, da in Deutschland keine Veröffentlichungen mehr möglich waren, Amsterdam, Brüssel, Ostende (wo er einen Sommer mit Zweig in einer trügerischen Urlaubsatmosphäre verbringt und wo er auch seine letzte Liebe, Irmgard Keun trifft), danach nochmals kurz Wien und schließlich wieder Paris. Die Situation verschärft sich deutlich ab 1933. Von Paris aus berichtet Roth mehr oder weniger verbittert über den Zustand der Welt und seine persönliche Situation. Die zunehmend ausweglose politische Lage löst Verzweiflung und Resignation aus. Der Ablauf der Ereignisse und der persönlichen Bedrängnisse gleicht einer immer enger werdenden und sich schneller drehenden Spirale.

Im März schreibt er an Stefan Zweig: „Die Stumpfheit der Welt ist größer als 1914. Der Mensch rührt sich nicht mehr, wenn man das Menschliche verletzt oder mordet.“ Und wenig später heißt es: „(…) es ist ganz finster – in der Welt und auch für uns Individuen. Wir haben alle die Welt überschätzt: selbst ich, der ich zum absoluten Pessimistischen gehöre. Die Welt ist sehr, sehr dumm, bestialisch. Ein Ochsenstall ist klüger.“ Er betont erneut vehement seine Entschiedenheit, die Monarchie zurück zu wollen, ein von Wehmut, Hoffnung und Illusionen geprägtes Insistieren, das auf viele seiner Zuhörer realitätsfern und zurückgewandt wirkte; auch Zweig versucht er zu einer Stellungnahme zu bewegen: „Ich will die Monarchie wieder haben und ich will es sagen.“

Zweig scheint ihm bald darauf von eigenen extremen Bedrängnissen berichtet zu haben (der Brief ist nicht erhalten). In einer Hassrede am 1. April 1933, die über Rundfunk übertragen wurde, hatte Goebbels Stefan Zweig mit Arnold Zweig verwechselt, der gesagt haben soll: „Der Jude Walther Rathenau hat den Mut gehabt, dem deutschen Pack die Zähne zu zeigen.“ Roth antwortet Zweig, dem er schon mehrfach seine allzu zögerliche Haltung vorgeworfen hatte, und warnt ihn erneut inständig: „Ich hoffe, Sie sind schon einigermaßen beruhigt. Es ist natürlich bitter, was Ihnen zugestoßen ist. Aber Sie müssen sich endlich fassen und anfangen, klar zu sehen, dass sie überhaupt für alle Sünden der Juden büßen, nicht nur für die der Namensvetter. (…) Was ich Ihnen schon geschrieben habe ist wahr: unsere Bücher sind im Dritten Reich unmöglich (…) Die Buchhändler werden uns ablehnen. Die SA Sturmtruppen werden die Schaufenster einschlagen. Beim Rassentheoretiker Günther findet sich Ihr Bild als das des typischen Semiten. Es gibt kein Kompromiß mit diesen Leuten. Passen Sie auf! Ich rate Ihnen!“ Einige Monate später wirft er Thomas Mann seine unentschiedene Haltung vor und nennt ihn „einen Usurpator der 'Objektivität'. Er ist imstande, sich mit Hitler auszusöhnen, unter uns gesagt. (…) Er ist einer der Menschen, die Alles erlauben, unter dem Vorwand, Alles zu verstehen.“

Zweig schreibt Roth im März 1935 aus Wien: „Man muß jetzt arbeiten. Wenn man auf die Welt blickt, könnte man melancholisch werden, und auch hier wird jedes Gespräch unvermeidlich zur politischen Diskussion.“ Im August 1935 dann Roth an Zweig: „Diese Bestialität war von Anfang drin. Es hat nicht erst vor 2 Monaten die niederträchtige Auffassung von den Juden begonnen. Beleidigt und erniedrigt waren wir vom ersten Hitlertag an, warum kommt dieser Protest so spät? (…) Ich glaube, teurer Freund, dass Ihr Elan jetzt ebenso plötzlich ist, wie mir zumindest, Ihre Resignation vorher unverständlich war. Beleidigt und entehrt waren wir vom ersten Tag der Hitlerei an. Weshalb empören Sie sich erst heute? Aber gut! Lieber erst heute, als niemals.“

»Nicht unerbittlich werden«

Im September 1937 schreibt Zweig aus London, für seine Verhältnisse sehr eindringlich, über die eigene zunehmende Verzweiflung, und bittet Roth dennoch, nicht durch die entsetzlichen Umstände hart und unerbittlich zu werden: „Dieses Jahr 37 ist ein schlimmes für mich, alles fasst mich mit Teufelskrallen an, die halbe Haut ist abgeschunden und die Nerven liegen bloß, aber ich arbeite fort (…) Nein, Roth, nicht hart werden an der Härte der Zeit, das heißt, sie bejahen, sie verstärken! Nicht kämpferisch werden, nicht unerbittlich, weil die Unerbittlichen durch ihre Brutalität triumphieren – sie lieber widerlegen durch das Anderssein, sich höhnen lassen für seine Schwäche statt seine Natur zu verleugnen (…).“

Im November muss Roth sein Pariser Hotel Foyot verlassen, da es abgerissen wird, das Hotel, in dem er seit Jahren regelmäßig logierte, da er auch in Paris das Hotel einer Wohnung vorzog. „(…) ich bin gestern als der letzte Gast von dort ausgezogen. Die Symbolik ist allzu billig.“ Einige Wochen später Zweig wiederum aus London an Roth: „Ich mag keine Menschen mehr sehen, keine Zeitungen lesen, wahrscheinlich gehe ich nach Portugal, wo ich die Sprache am schlechtesten verstehe. Lieber Freund, jetzt geht es ums Ganze, geht es ums Letzte! Nehmen Sie alle Kraft zusammen, vergeuden Sie sich nicht – es steht uns das Eigentliche erst bevor.“

Einsatz für Flüchtlinge und Emigranten

Mitte Februar 1938, kurz vor der Annexion Österreichs, treffen sich die beiden ein letztes Mal in Paris. Es folgen daraufhin, trotz Zweigs mehrfacher Bitte um Lebenszeichen, nur noch recht kurze Antworten, wohl aus mehreren Gründen; zum einen gab es Spannungen, aber auch aufgrund einer Mischung aus Verzweiflung und Engagement. Roth schreibt knapp, es gehe ihm schlecht, er könne nicht schreiben, er habe sich durch Schlafmittel vergiftet. Oder er wehrt sich gegen Mahnungen in Sachen Alkohol „Sie haben keine Ahnung von Alkohol, wenn Sie von einer 'alkoholischen Hörigkeit' sprechen. Man kann eher von einer alkoholischen Hellhörigkeit sprechen.“ Und er entschuldigt die Kürze seiner Briefe mit „österreichischen Dingen, mit Flüchtlingskomitees und dergl.“, mit denen er überladen sei. Im März 1939, ein Jahr nach dem Anschluss Österreichs, der jegliche Perspektiven auf eine Rückkehr nach Wien unmöglich gemacht und insgesamt eine Massenflucht ausgelöst hatte, engagierte sich Roth noch auf mehreren Veranstaltungen der „Ligue de l’Autriche Vivante“ und setzte sich bis kurz vor seinem Tod für Flüchtlinge und Emigranten ein.

Das Ende: Joseph Roth stirbt im Mai 1939 in Paris an den Folgen seiner Alkoholsucht, „der wirklich große Schriftsteller (…), aber physisch zerstört durch das Hitlertum“, schreibt Zweig nach Eintreffen der Todesnachricht an Romain Rolland. Stefan Zweig nimmt sich im Februar 1942 in Petropolis, in Brasilien, zusammen mit seiner Frau das Leben.

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erstellt am 06.4.2016

Stefan Zweig und Joseph Roth in Ostende, 1936

Lesung in Frankfurt am 21. April 2016

Aus dem Briefwechsel von Joseph Roth und Stefan Zweig

Joseph Roth
Ich zeichne das Gesicht der Zeit. Essays, Reportagen, Feuilletons
Hrsg. von Helmuth Nürnberger
Broschiert, 544 Seiten
ISBN: 9783257241952
Diogenes Verlag, Zürich 2013

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Joseph Roth, Stefan Zweig
Jede Freundschaft mit mir ist verderblich. Briefwechsel 1927-1938
Hrsg. von Madeleine Rietra und Rainer-Joachim Siegel, mit einem Nachwort von Heinz Lunzer
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Diogenes Verlag, Zürich 2014

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Jüdischer Verlag, Frankfurt am Main 1992

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